„Warum kenne ich so viele Betroffene von sexualisierter Gewalt, aber keine Täter?“
Im Kinofilm „Schwesterherz“ muss sich eine junge Frau entscheiden: Glaubt sie ihrem Bruder, als er wegen Vergewaltigung angezeigt wird? Oder doch dem Opfer? Ein Gespräch mit der Regisseurin Sarah Miro Fischer
fluter.de: Sarah, in deinem Spielfilmdebüt „Schwesterherz“ geht es um eine junge Frau, deren Bruder wegen Vergewaltigung angezeigt wird. Sie ist weder Opfer noch Täter und doch betroffen. Warum hast du dich entschieden, die Geschichte aus ihrer Perspektive zu erzählen?
Sarah Miro Fischer: Auf der Weltfrauentagsdemo vor ein paar Jahren ist mir ein Banner aufgefallen, auf dem sinngemäß stand: Warum kenne ich so viele Betroffene von sexualisierter Gewalt, aber keine Täter? In Deutschland wird fast jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer oder sexualisierter Gewalt. Dazu muss es entsprechend viele Täter geben. Die Frage ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Es ist so viel einfacher, Richtig von Falsch zu unterscheiden, wenn man die Beteiligten nicht kennt. Von da aus habe ich die Geschichte mit meiner Co-Autorin Agnes Maagaard Petersen entwickelt.
Warum habt ihr euch für Geschwister als Hauptfiguren entschieden?
Geschwister wachsen unter ähnlichen Bedingungen auf, teilen viele gemeinsame Erinnerungen und beobachten sich ihr ganzes Leben über gegenseitig. Obwohl sie sich besser kennen als jede:n andere:n in ihrem Leben, gibt es blinde Flecken. Zu Beziehungsthemen und Sex zum Beispiel wissen Geschwister oft nicht so viel übereinander, gerade Brüder und Schwestern untereinander. Roses großer Bruder war immer für sie da, bei ihm konnte sie sich anlehnen und verkriechen. Ihr Bild von ihm infrage stellen zu müssen, ist ein großer Bruch in ihrem Leben. Denn wenn man der Familie nicht vertrauen kann, wem kann man überhaupt vertrauen? Und sie fragt sich auch, ob sie ebenfalls in der Lage wäre, Grenzen zu überschreiten.
„Wenn es um Fremde geht, wird von ‚Tätern‘ gesprochen, wenn sie aus dem eigenen Umfeld kommen, habe ich oft gehört, es müsse ein ‚Missverständnis‘ gewesen sein“
Rose ist zunächst überzeugt, dass ihr Bruder unschuldig sein muss. Es muss sich um ein Missverständnis handeln.
Das ist ein Wort, das mir bei der Recherche oft begegnet ist. Ich habe unter anderem mit einem Mann gesprochen, dessen bester Freund wegen Vergewaltigung im Gefängnis sitzt. Den Freundeskreis hat das total gespalten, ein Teil davon war überzeugt, dass er unschuldig im Gefängnis sitzt. Wenn es um Fremde geht, wird von „Tätern“ gesprochen, wenn sie aus dem eigenen Umfeld kommen, habe ich oft gehört, es müsse ein „Missverständnis“ gewesen sein.
Wie erklärst du dir das?
Es ist leichter zu ertragen. Wenn jemand, dem ich vertraut habe, sich als Täter herausstellt, muss ich mich in dem Konflikt positionieren und eine neue Haltung finden, das ist Arbeit. Da ist einerseits die ethische Haltung, und andererseits will man die Leute, die man liebt, weiterlieben können, ohne das zu sehr infrage stellen zu müssen. Rose ist in einem moralischen Konflikt: Sie will ihren Bruder beschützen, identifiziert sich als Frau aber auch mit dem Opfer. Diesen Prozess lassen wir die Zuschauer:innen gemeinsam mit ihr durchmachen.
Rose (Marie Bloching) und ihre Ex-Freundin Jazz (Franziska von Harsdorf) in „Schwesterherz“
Im Film betont Roses Bruder einmal, er sei kein „Monster“. Was willst du damit sagen?
Täter und Monster, diese beiden Begriffe liegen gerade bei sexualisierter Gewalt nah beieinander. Dadurch ist es umso schwieriger, ein offenes Gespräch zu führen, und das ist wichtig, um im Diskurs weiterzukommen. Natürlich brauchen Betroffene Raum, heilen zu können, man muss ihnen glauben, Zeit geben und emotionalen Beistand leisten. Wenn das alles gegeben ist, sollten wir uns fragen, wie wir mit den Tätern umgehen. Seit #MeToo bekommen Opfer sexualisierter Gewalt mehr Raum, es gibt viele Hilfsorganisationen für Opfer, doch kaum Täterarbeit, weder präventiv noch hinsichtlich der Aufarbeitung. Ich habe selbst mit Mitte 20 sexualisierte Gewalt erlebt. Es hat mir total gutgetan, den Täter im Therapieprozess irgendwann nicht mehr als Monster zu sehen, sondern als Mensch.
Wie kamst du zu dieser Entscheidung?
Ich habe angefangen, mir vorzustellen, dass dieser Mensch eine Familie und einen Freundeskreis hat. Mit einem Monster kann ich mich nicht anlegen, das ist so etwas Übermächtiges in meinem Kopf, aber mit einem Menschen kann ich umgehen. Das geht aber erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Verarbeitung. Für Betroffene, die am Anfang stehen, ist unser Film wahrscheinlich nicht einfach zu gucken.
Den Vorfall, um den es geht, sehen wir als Zuschauer:innen nicht. Warum hast du dich entschieden, die Szene nicht zu zeigen?
Für meine Co-Autorin und mich war von Anfang an klar, dass wir keine sexualisierte Gewalt gegen Frauen bildlich darstellen wollen. Einerseits, weil wir das schon genug in Filmen gesehen haben, wir können uns alle etwas darunter vorstellen. Durch das Filmen und Draufhalten auf solche Szenen läuft man Gefahr, das zu reproduzieren und Frauenfiguren auf ihre Körper zu reduzieren, das wollten wir nicht. Außerdem ist es ja nun mal eine Situation, die vermutlich viele kennen. Man ist ja in den seltensten Fällen Zeuge so einer Tat, sondern muss Informationen sammeln, quasi Detektivarbeit leisten. Ab einem gewissen Punkt kommt man aber dann nicht weiter und muss sich entscheiden, wem man glaubt, weil Aussage gegen Aussage steht. Wir schicken die Zuschauenden in eine ähnliche Situation, dazu verhalten müssen sie sich selbst.
Was hast du durch die Arbeit an deinem Film über den gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt gelernt?
Der Film wurde inzwischen auf Festivals in verschiedenen Ländern gezeigt, und ich habe gemerkt, dass der Film überall auf eine ähnliche Art berührt. Über den Film kommen Menschen ins Gespräch, erzählen von persönlichen Erfahrungen, gerade als Außenstehende. Ein Konflikt, auch wenn er eigentlich nur zwei Menschen betrifft, hat immer Auswirkungen auf das soziale Gefüge um sie herum. Als Außenstehende hat man mehr Wirkung, als man denkt.
Sarah Miro Fischer, Jahrgang 1993, ist Autorin und Regisseurin. Ihr Spielfilmdebüt „Schwesterherz“ feierte auf der Berlinale 2025 Premiere und startet am 8. Januar 2026 im Kino.
Foto: Bahar Kaygusuz
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Fotos: Selma von Polheim Gravesen / dffb