Eine Straße im Geflüchtetencamp Ura in Äthiopien, zwei Personen gehen auf einer staubigen Straße vor einfachen Blechhütten, eine trägt etwas auf dem Kopf

Ein Camp ohne Zukunft

Millionen Menschen sind vor dem Bürgerkrieg im Sudan geflohen, Tausende von ihnen ins äthiopische Geflüchtetencamp Ura. Dort finden sie Sicherheit, aber keine Perspektive

Von Julian Hilgers
16. Februar 2026

Zone C, Block 2: Kamal Mahmoud Mohamed Said

Fleisch kann sich Kamal Mahmoud Mohamed Said nur noch selten leisten, doch heute hat er genug angespart, um ein ganzes Kilo zu kaufen. Der hagere Mann steht mit Sandalen und weißem Kaftan unter dem Dach einer kleinen Holzhütte und beobachtet, wie der Verkäufer die Ware abwiegt. Ein Kilo Ziegenfleisch kostet 800 äthiopische Birr, umgerechnet etwas mehr als 4 Euro.

Über eine Straße aus rotbraunem Sand trägt der 56-Jährige seinen Einkauf zurück in sein neues Zuhause: Zone C, Block 2 im Ura-Flüchtlingscamp in Äthiopien – circa 40 Kilometer entfernt von der äthiopisch-sudanesischen Grenze.

Bis vor etwas mehr als einem Jahr betrieb Said selbst einen kleinen Laden. Sein Leben war gut. Dann kam der Krieg seiner Heimat in der Region um Damazin im Südosten des Sudan näher. „Wir hörten Schüsse und Bomben. Alles wurde zerstört“, erzählt Said. Er floh mit seiner Frau, seinen Kindern und deren Kindern. Insgesamt sind sie zu neunt.

Kemal Mahamud Mahamed und sein Enkel sitzen im Geflüchtetencamp Ura auf einen Bett in einer Strohhütte

Kamal Mahmoud Mohamed Said mit seinem Enkel

Foto: Julian Hilgers

Nun sitzt Said auf einem Holzbett, hinter ihm die markanten weißen Planen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Die Planen umspannen das Zelt, in dem er mit seiner Familie wohnt. Seit etwas mehr als einem Jahr leben sie nun in Ura. Sein vierjähriger Enkel Kamal sitzt neben ihm, die Hände auf den Schoß seines Großvaters gelegt. Er redet kaum, wirkt apathisch, hat Fieber. Auch Said ist krank, ein Magengeschwür. Er verträgt nur bestimmte Lebensmittel. Doch darauf konnte seit dem Krieg niemand Rücksicht nehmen. „Ich kann vor Schmerzen nachts nicht schlafen. Hier gibt es aber keine Gesundheitsversorgung für mich“, erzählt er. 

Er hofft auf eine Behandlung in einem großen Krankenhaus. Doch dafür fehlt das Geld. 420 äthiopische Birr erhalten Geflüchtete im Camp pro Person und Monat vom UNHCR, umgerechnet etwa 2,30 Euro, dazu 600 Birr (ca. 3,20 Euro) pro Familie für Transportkosten und einen Grundstock an Lebensmitteln. Für Said zu wenig für ein würdevolles Leben. „Hier geht es nur ums Überleben.“ Viel zu tun gibt es für Menschen wie ihn hier ohnehin nicht. Er selbst würde irgendwann gerne zurück in den Sudan, doch für seine Kinder und Enkel sieht er in seiner Heimat keine Zukunft.

Seit April 2023 kämpfen die Sudanesische Armee (SAF) und die Rapid Support Forces (RSF) um die Macht im Sudan. Hilfsorganisationen sprechen von der größten humanitären Krise der Welt. Millionen Menschen mussten ihr Zuhause verlassen. Rund 14.500 von ihnen leben in Äthiopien im Flüchtlingscamp Ura in drei Zonen. Die Zelte aus Holzstämmen und den weißen Planen reihen sich am Horizont auf.

Wie ist die Lage im Sudan?

Seit April 2023 herrscht im Sudan Krieg zwischen der sudanesischen Armee (SAF) unter Abdel Fattah al-Burhan und der Rebellenmiliz Rapid Support Forces (RSF), die von Mohamed Hamdan Daglo angeführt wird.

In der Übergangsregierung, die nach dem Putsch gegen Diktator Al-Baschir 2019 eingesetzt wurde, besetzten beide Generäle wichtige Posten. Al-Burhan wurde de facto zum Staatsoberhaupt, Daglo sein Vize.

2021 kam es erneut zu einem Militärputsch, die Übergangsregierung wurde aufgelöst. Der Machtkampf der beiden Generäle eskalierte schließlich am 15. April 2023 mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs durch Kämpfe zwischen der SAF und den RSF in Khartum.

Seitdem kam es zu ethnisch motivierten Massenhinrichtungen, zivile Infrastruktur wurde im ganzen Land zerstört, und sexualisierte Gewalt wird systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Beiden Seiten werden schwerste Kriegsverbrechen vorgeworfen. 

Hilfsorganisationen haben das Land mittlerweile verlassen, Krankheiten wie Cholera breiten sich aus, und über die Hälfte der Bevölkerung ist von Hunger betroffen. Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Ägypten befeuern den Krieg weiter durch Waffenlieferungen.

Schätzungen zufolge wurden seit Kriegsbeginn zwischen 26.000 und 150.000 Menschen getötet. Laut UNHCR wurden mehr als acht Millionen Menschen innerhalb des Landes vertrieben. Etwa 3,4 Millionen sind in Nachbarländer geflüchtet.

Dennoch wirkt das Lager an vielen Orten wie eine fast normale Kleinstadt: An Holzständen verkaufen Händler Obst und Gemüse, blaue Tuk-Tuks wirbeln Staub auf, ein paar Kinder spielen Fußball auf dem Weg, zwei Steine als Tore.

Das UNHCR betreibt das Lager mit Unterstützung von staatlichen Hilfsorganisationen und NGOs aus aller Welt. Die äthiopische Regierung stellt die Fläche, der Refugees and Returnees Service (RRS) kümmert sich um die Registrierung. Doch die ist aktuell gestoppt. Warum genau und wie lange noch, verrät der RRS nicht. Die Behörde schätzt aber, dass bis zu 40.000 Sudanesen hinter der Grenze auf eine Aufnahme warten. Das Camp in Ura kann bis zu 34.000 Geflüchtete aufnehmen. Doch schon jetzt kommen die Betreiber an ihre finanziellen Grenzen. Weltweit haben Hilfsorganisationen mit sinkenden Mitteln für humanitäre Hilfe zu kämpfen. 

Portrait von Sejud Khalifa, im Hintergrund das Geflüchtetencamp Ura

Sejud Khalifa unterrichtet geflüchtete Kinder

Foto: David Wünschel

„Die Lage ist kritisch“, sagt Marie Josee Morgan, Leiterin des UNHCR-Büros für die Region. Zu wenig Wasser, zu wenig Nahrung, zu wenige Toiletten, zu wenig Medikamente. Mangel- und Unterernährung sind weit verbreitet, besonders bei Kindern. Das UNHCR und Hilfsorganisationen werben weltweit für neue Geldgeber, um die Situation der Menschen zu verbessern. Gleichzeitig fordern sie schon lange mehr Aufmerksamkeit und Druck der internationalen Gemeinschaft auf die Kriegsparteien und deren Unterstützer, wie Ägypten oder die Vereinigten Arabischen Emirate, um im Sudan zumindest für einen Waffenstillstand zu sorgen.

Immerhin können die Kinder in Ura zur Schule gehen. Diese liegt etwas außerhalb des Camps, im Dorf Ura, das selbst rund 3.500 Einwohner hat. Die geflüchteten und einheimischen Kinder lernen hier an derselben Schule, ab der siebten Klasse sogar in gemeinsamen Klassen – der Unterricht ist auf Englisch. Doch auch hier sind die Probleme groß: In einer Klasse lernen laut der Hilfsorganisation Plan International bis zu 100 Kinder, es gibt zu wenige Schulbücher, zu wenige Lehrkräfte. 

Plan International hat einen neuen Anbau für die Schule gebaut. Dort sitzt Sejud Khalifa in einem der Klassenzimmer. Sie floh aus der sudanesischen Hauptstadt Khartum, studierte Biologie, bis der Krieg begann. Jetzt unterrichtet die 21-Jährige in Ura Englisch in der ersten Klasse. Als Lehrerin verdient sie 960 Birr im Monat, etwas mehr als fünf Euro. Es ist eine festgeschriebene Aufwandsentschädigung, die alle Hilfsorganisationen hier einheitlich zahlen und über deren Höhe sich viele der Menschen hier beklagen. „Ich mache das nicht wegen des Geldes. Das Gehalt ist sehr niedrig. Aber die Kinder müssen unterrichtet werden“, erzählt Khalifa. Einige Lehrer aber haben bereits aufgegeben, suchen andere Arbeit. Vor allem viele junge Männer zieht es in die nahe gelegenen äthiopischen Goldminen, sie schuften dort unter prekären Bedingungen in der Hoffnung auf etwas mehr Geld.

Ruua Ramtella im Eingang einer Strohhütte im Geflüchtetencamp Ura

Ruua Ramtella hat ihren Ehemann im Flüchtlingscamp kennengelernt

Foto: Julian Hilgers

Zone A, Block 2: Ruua Ramtella

Ruua Ramtella beobachtet die Kinder von der Türschwelle aus: Zone A, Block 2. Die 22-Jährige trägt einen schwarzen Umhang und Niqab, sie soll ihr Zelt aktuell nicht verlassen. So will es die Tradition, denn wenige Tage nach unserem Besuch in Ura wird Ramtella heiraten. Ihren Mann hat sie hier im Flüchtlingscamp kennengelernt. Er kommt genau wie Ramtella aus Khartum. Die Hochzeit bedeutet für Ramtella neue Sorgen. „Ich habe Angst: Wenn ich hier ein Kind bekomme, wie wird sein Leben dann aussehen?“ 

Sie erzählt in perfektem Englisch. In Khartum hat sie Medizin studiert, wollte Ärztin werden, so wie ihr Vater. Dann kam der Krieg. Mit ihren Eltern und ihren zwei Schwestern flüchtete sie aus der Hauptstadt. Ramtella berichtet von ausgebrannten Autos und Toten auf den Straßen. Immer wieder bricht ihre Stimme weg. Ihren Vater hat die Familie auf der Flucht verloren. „Die RSF haben die Krankenhäuser aufgesucht. Sie haben die Ärzte mitgenommen und die Patienten getötet“, erzählt Ramtella. Sie vermutet, dass auch ihr Vater in der Gewalt der RSF ist. Doch es fehlt jede Spur. Um nach Äthiopien zu kommen, verkaufte die Familie ihre Kleidung, nutzte die letzten Ersparnisse. „Ich wurde von jemandem, der ein eigenes Leben hat, zu jemandem, der alles verloren hat“, erzählt Ramtella. 

Seit Juni 2024 lebt sie mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in Ura. Sie ist froh, dass sie in Sicherheit ist. Doch eine Perspektive gibt es hier selbst für gut gebildete Menschen wie Ramtella nicht. Sie würde so gerne weiterstudieren, arbeiten, sich von all den schlimmen Gedanken und Erinnerungen ablenken, sagt sie. „Hier zu sitzen, ohne Arbeit, ohne Bildung, das ist kein Leben.“ Ohne echte Alternative wird Ruua deshalb erst mal in Ura bleiben. Doch sie zieht um: in das Zelt von ihrem Mann, nur einige Meter weiter.

 

Die Recherche zu diesem Text wurde mit einer Reise vom Verein journalists.network unterstützt.

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Titelbild: Tycho Schildbach