links: leerer Pool mit Sprungturm, rechts: Mann hinter einen transparenten Vorhang

Ein Land auf Entzug

Unter Assad ist Syrien zum Narco-Staat geworden: Mit der Droge Captagon finanzierte er seinen Krieg gegen das eigene Volk. Nun ist der Diktator weg, geblieben ist die Sucht

Text: Anna-Theresa Bachmann und Fotos: Jonathan Funk
24. März 2026

An seine erste Pille kann sich Abdulrahim genau erinnern. Müde war er, unkonzentriert und matt vom langen Stehen in einer Konditorei nahe der syrischen Stadt Idlib. Ein Kollege habe ihm eine kleine weiße Tablette in die Hand gedrückt: „Schluck!“ Mehr als fünf Jahre ist das her. 

Anfangs konnte ich meine Abhängigkeit gut verstecken“, sagt Abdulrahim, der mittlerweile 24 ist und in diesem Text lieber nur seinen Vornamen nennt. Denn aus der einen Pille wurden bald vier oder fünf am Tag. Captagon heißt das, was Abdulrahim schluckte. Kurzfristig macht die synthetische Droge wach und euphorisch, unterdrückt Hunger und Angst. Langfristig kann sie schwere Nebenwirkungen haben. 

Aus dem Muntermacher wurde für Abdulrahim ein ständiger Begleiter. Er war häufig krank, reizbar, unberechenbar. Manchmal habe ihn die Wut so mitgerissen, erzählt er, dass er seinen kleinen Bruder schlug. Spätestens da habe auch seine Familie gespürt, dass etwas nicht stimmte. „Irgendwann konnte ich nicht mehr.“

Seine Eltern brachten Abdulrahim ins Hope Center, Syriens erstes stationäres Drogenrehabilitationszentrum. An diesem Wintermorgen sitzt er dort mit zerzaustem Haar auf einem der weichen Sofas, die Augen eingefallen, die Finger zupfen nervös am Bund seines Pullovers. Es ist Tag fünf seines Entzugs. „Ich spüre, dass sich etwas in mir drin verändert.“ Das zehre an seiner Kraft, sagt Abdulrahim. Aber es sei ein gutes Gefühl.

Mann im weißen Kittel sitzt mit gefalteten Händen an einem Schreibtisch in schlichtem Raum mit Regalen und Stuhl, es ist der Arzt Abdelrahman Joukhadar, der in Syrien Captagon-Abhängigen beim Entzug hilft

Der Arzt Abdelrahman Joukhadar hilft im Hope Center Captagon-Abhängigen beim Entzug

Das Hope Center liegt in Afrin, nahe der türkischen Grenze, in einer Villa mit heller Steinfassade, vielen Topfpflanzen und einem Basketballkorb im Innenhof. Finanziert von Frankeich und Katar und geführt von syrischen NGOs, wurde das Hope Center im Januar 2025 eröffnet. Nur wenige Wochen zuvor war die Herrscherfamilie Assad gestürzt worden, die das Land jahrzehntelang brutal regiert hatte. Der Bürgerkrieg, der 2011 auf Proteste gegen die Assads folgte, brachte Syrien in Zahlungsschwierigkeiten. Ausländische Sanktionen schwächten die Wirtschaft zusätzlich. Also konzentrierte sich das Regime auf den Drogenhandel. Syrien wurde zum Narco-Staat und Captagon sein größter Exportschlager. 

Ursprünglich stammt die Pille aus Deutschland. In den 1960er-Jahren war sie als Medikament gegen ADHS und Depressionen entwickelt worden. Weil das stark abhängig macht und Nebenwirkungen wie Halluzinationen, Angststörungen oder Herzrhythmusstörungen haben kann, wurde es in den 1980er-Jahren offiziell vom Markt genommen – im Untergrund aber weiter nachgemischt.

In den 2010er-Jahren stieg das Assad-Regime in die Produktion und den Handel ein. Es lieferte Captagon als Aufputschmittel in Kriegsgebiete im Nahen und Mittleren Osten oder in Nordafrika. Und als Partydroge in die reichen Golfstaaten, auch über Europa und Deutschland, um den Handel zu verschleiern. 

Regimenahe Geschäftsleute und deren Netzwerke kontrollierten zentrale Handelsrouten und Häfen. Schätzungen zufolge nahmen Akteure in Syrien und das Regime so fast zwei Milliarden US-Dollar jährlich ein – 2023 war das beinahe doppelt so viel wie alle legalen Exporte Syriens zusammen. 

Mehrere Personen in blauen Trainingsanzügen stehen an einem Tisch mit Fladenbrot, einer großen Suppenkelle und mehreren Schalen

Auch im Ibn-Khaldoun werden Suchtkranke behandelt

Zerstörtes, zweistöckiges Gebäude mit offenen Fassaden und Trümmern im Eingangsbereich

Dem Krankenhaus sieht man den Krieg deutlich an

Aber auch im Land selbst griffen die Menschen zu: Regimesoldaten und Milizen im Bürgerkrieg, verzweifelte Vertriebene und erschöpfte Angestellte wie Abdulrahim. Nach dem Sturz des Regimes kämpft das Land nun gegen die Sucht und ihre Folgen. 

Ein großes Problem ist, dass es in Syrien an Fachpersonal fehlt“, sagt Abdelrahman Joukhadar, der als Arzt im Hope Center arbeitet. Nach seinem Medizinstudium spezialisierte sich Joukhadar auf mentale Gesundheit. Solche Weiterbildungen werden seit einigen Jahren auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angeboten. Schon vor dem Bürgerkrieg gab es kaum Psychiater und Psychotherapeutinnen im Land, wegen der Kämpfe flohen viele ins Ausland. Im Nordwesten Syriens, wo auch Afrin liegt, blieben so zeitweise nur zwei Psychiater für rund vier Millionen Menschen. 

Auch wenn der Krieg vorbei ist, bleibt Syrien instabil, betont Joukhadar. Besonders im Nordwesten leben viele Menschen weiterhin in Camps, weil ihre Häuser in Trümmern liegen. „Der psychologische Druck in so einer Situation ist enorm“, sagt Joukhadar. „Gerade junge Menschen suchen dann nach etwas, das ihre negativen Gedanken vertreibt.“ Neben Captagon würden viele Alkohol trinken oder Crystal Meth nehmen, um ihren Schmerz zu betäuben. Gleichzeitig gibt es viele Vorurteile. Gegenüber Abhängigen. Aber auch gegenüber denen, die ihnen helfen wollen. Wer im Bereich mentale Gesundheit arbeite, gelte oft selbst als belastet, sagt Joukhadar. „Das schreckt viele junge Mediziner und Medizinerinnen ab.“

Die neue Regierung verspricht, hart gegen den Drogenhandel vorzugehen

Zwischen alldem wirkt das Hope Center wie eine Insel: An den Wänden hängen Sprüche, die Mut machen sollen. „Trage die Vergangenheit nicht mit dir herum, sie verhindert, dass du Fortschritte machst“, lautet einer. Aber so einfach ist es nicht. Auch im Center sind die Mittel begrenzt. 20 Betten hat es, für Männer und Frauen. „Frauen fällt es besonders schwer, bei uns Hilfe zu suchen“, sagt Joukhadar. In einer Gesellschaft, in der viele erwarten, dass Frauen das Haus nicht allein verlassen, ist das Übernachten unter einem Dach mit fremden Männern eine riesige Hürde.

Wer den Weg ins Zentrum schafft, hat genau drei Wochen für den Entzug. Das Team überwacht körperliche Reaktionen, bietet Gruppensitzungen, Gespräche, Filme. Die Patientinnen und Patienten sollen ihren Körper und ihre Psyche verstehen, damit sie draußen nicht in alte Muster zurückfallen. Um die Drogenepidemie nachhaltig zu bekämpfen, müsse aber die neue Regierung handeln, sagt Joukhadar. „Ganzheitlich.“ Mit Aufklärung in Schulen und Beratungs- und Behandlungsangeboten im ganzen Land.

Auch nach dem Sturz des Assad-Regimes ist Captagon in Syrien im Umlauf. Die Schmuggelrouten – etwa über Libanon und Irak – bestehen weiterhin. Die von Islamisten dominierte syrische Regierung ist aber zuletzt öffentlichkeitswirksam gegen den Drogenhandel vorgegangen. Und hat Ende Januar gemeinsam mit der WHO und den Vereinten Nationen eine nationale Strategie angekündigt, die die Drogenschwemme als Gefährdung der öffentlichen Gesundheit einordnet. Prävention soll deshalb genauso zur Strategie gehören wie Forschung und Strafverfolgung.

Mann sitzt an einem Schreibtisch vor einem großen Wappen mit Adlermotiv.

Muwaffaq Amouri leitet das Ibn-Khaldoun-Krankenhaus

Wie nötig Investitionen gegen Captagon sind, zeigt sich auch rund 90 Autominuten südöstlich des Hope Center. Am Stadtrand von Aleppo liegt hinter einem schweren Eisentor das Gelände des Ibn-Khaldoun-Krankenhauses. Es ist eines von nur drei großen psychiatrischen Krankenhäusern Syriens. Derzeit ist Platz für rund 300 Personen, ein kleiner Teil ist für Suchtkranke vorgesehen.

Dem Klinikgelände sieht man den Krieg noch an. Einige beschädigte Gebäude ragen als Betongerippe in die Luft, vor einem verwaisten Komplex, aus dem die Regierung einen Drogenentzugstrakt machen will, stehen zwei halb verrostete Krankenhausbetten. 

Auf Syrien steuert eine echte Gesundheitskrise zu, die uns in Gefahr bringt, wenn nicht alle Ministerien Alarm schlagen“, meint der Psychiater Muwaffaq Amouri. Er kennt das Ibn-Khaldoun seit vielen Jahren: Er arbeitete hier als Assistenzarzt, bevor er wegen des Krieges floh. Heute berät er die Regierung in Gesundheitsfragen und ist seit September 2025 zurück im Ibn-Khaldoun, als neuer Klinikleiter. 

Gerade im Militär war Captagon weit verbreitet“, erzählt Amouri. Vor allem unter den Kämpfern des Assad-Regimes oder den Milizen seines Verbündeten Iran wie der Hisbollah. Heute seien Kriegsverletzte und amputierte Kämpfer besonders gefährdet, durch Schmerzmittel abhängig zu werden. „Der Sturz des Regimes ist gut ein Jahr her. Aber es fühlt sich immer noch so an, als würden wir gerade erst damit beginnen, die Straßen von seinen Hinterlassenschaften freizuräumen.“ 

Durch die Patientenbereiche des Ibn-Khaldoun führt die Ärztin Ola Abdel Wahab. Sie öffnet die Metalltür zum Frauentrakt: Auf mehrere Zimmer verteilt hocken die Patientinnen hier dicht gedrängt auf zusammengeschobenen Betten, graue Wolldecken über den Knien, viele mit kahl geschorenen Köpfen. Es riecht nach Urin und Schweiß, die Räume erinnern mehr an ein Gefängnis als an ein Krankenhaus. „Unter dem Regime war es schlimmer“, sagt Wahab. Immerhin sei das Brot nicht mehr verschimmelt, es gebe mittlerweile Gemüse für die Patientinnen. Und viele, die von Captagon oder anderen Drogen abhängig seien, kämen gar nicht mit diesem Anspruch auf vollständigen Entzug in die Klinik. „Manche wollen die Sucht nur so weit in den Griff kriegen, dass sie im Alltag wieder funktionieren und sich nicht vollständig finanziell ruinieren“, sagt Wahab. 

Abdulrahim ist entschlossen, den Entzug durchzuziehen. Er will ohne Captagon leben, keinen Kontakt mehr zu den Leuten, die ihm bis vor wenigen Wochen noch Pillen verkauften oder mit ihm konsumierten. Nach seiner Entlassung wird das Team vom Hope Center per WhatsApp mit ihm in Kontakt bleiben. „Wer rückfällig wird, kann wieder vorbeikommen“, sagt Arzt Joukhadar. In diesem Punkt sind sich Joukhadar und Ola Abdel Wahab einig. „Jede suchtkranke Person, die in die Klinik zurückkehrt“, sagt Wahab, „ist eine, die sich und ihr Leben noch nicht aufgegeben hat.“

Cover des Fluter-Heft krank
Dieser Artikel ist aus dem fluter „krank“.
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