Szene aus der Serie "Take the Money and Run": Ruja Ignatova (Nilam Farooq) sitzt an einer heruntergekommenen Bushaltestelle. Es ist dunkel und nur eine Straßenlaterne leuchtet. Sie ist als Aladdins Jasmin verkleidet und trägt ein türkisfarbenes Kleid

Abgezockt

Mit der vermeintlichen Kryptowährung OneCoin betrog Ruja Ignatova weltweit Millionen Menschen. Wie konnte es so weit kommen? Die ZDFneo-Serie „Take the Money and Run“ erzählt einen der größten Finanzbetrugsfälle der Gegenwart nach

Von Ilo Toerkell
Thema: Kultur
18. Februar 2026

Worum geht es?

Die semifiktionale True-Crime-Serie „Take the Money and Run“ basiert auf der wahren Geschichte eines der größten Finanzbetrugsfälle der vergangenen Jahre. Dr. Ruja Ignatova (gespielt von Nilam Farooq) betrog zwischen 2014 und 2017 mit der erfundenen Kryptowährung OneCoin rund 3,5 Millionen Menschen um rund vier Milliarden US-Dollar. Zur Erinnerung: Kryptowährungen sind digitales Geld, das dezentral und ohne Banken funktioniert. Alle Datensätze über Zahlungen werden auf vielen Rechnern im Netzwerk verteilt in chronologischer Reihenfolge in unveränderlichen Registern, den Blockchains, gespeichert. OneCoin vertuschte, dass es keine geeignete Blockchain hatte. Das investierte Geld floss direkt in die Taschen von Ruja Ignatova und ihren Mitwirkenden. Als der Betrug aufflog, tauchte Ignatova unter und ist seit 2017 verschwunden. Die Serie porträtiert die „Kryptoqueen“ in sechs Episoden von ihrer Kindheit bis zum Verschwinden und den internationalen Ermittlungen gegen sie.

Wie wird es erzählt?

Die Regisseur:innen Christiane Balthasar und Florian Schott zeigen Ignatovas Leben und den Aufstieg von OneCoin chronologisch, nach Orten und Jahren. Rückblenden erzählen von ihrer Kindheit als Tochter bulgarischer Immigrant:innen in Deutschland, die von finanziellen Schwierigkeiten geprägt war. Stilistisch schwankt die Serie zwischen „The Wolf of Wall Street“-artigen Exzessdarstellungen, intrigenlastigem Krimi und Celebrity-Biopic: Ignatova, die Business-Powerfrau, um deren Hals sich eine immer enger werdende Schlinge aus Lügen und Ermittlungen legt. Ihre Figur kommentiert selbst aus dem Off und wird zum Zentrum der Geschichte, sodass man am Ende beinahe hofft, sie käme mit ihrer Masche durch. Die dramatischen Auswirkungen auf die Betrugsopfer werden anhand der Figur Claire erzählt, die in der Hoffnung auf finanzielle Sicherheit in OneCoin investiert und alles verliert. Obwohl sie exemplarisch für Millionen Opfer steht, bekommt ihre Geschichte wenig Screentime, und das Ausmaß des Schadens für die Betroffenen ist kaum nachvollziehbar.

Wieso war der Betrug so erfolgreich?

OneCoin wurde als „nächster Bitcoin“ beworben: kleines Investment heute, großes Geld morgen. Dabei wurden gezielt Menschen in finanziellen Schwierigkeiten und in ärmeren Regionen angesprochen. Außerdem setzte OneCoin auf „Multi-Level-Marketing“, auch bekannt als Pyramidensystem. Das funktioniert so: Wer eine Person anwirbt, erhält Provision. Für jede weitere Person, die in der Kette hinzukommt, erhalten die Werbenden weiter oben in der Hierarchie eine Entlohnung. Das System hält sich durch immer neue Investments aufrecht, und das meiste Geld landet bei denen an der Spitze. 

Szene aus der Serie "Take the Money and Run": Ruja Ignatova (Nilam Farooq) und Sebastian Greenwood (Charlie Petersson) sitzen auf einem Bett in einem Hotelzimmer, vor ihnen steht ein Laptop. Beide schauen sich in die Augen und bilden mit dem Daumen und Zeigefinger einen Kreis

Hand drauf: Ruja Ignatova und Sebastian Greenwood entwickeln im Hotel in Macau den Namen OneCoin

Wie nah ist die Serie an der Realität? 

Beim zeitlichen Ablauf von Ignatovas Karriere und dem Aufstieg von OneCoin orientiert die Serie sich weitgehend an den Informationen, die aus den Gerichtsverfahren und Recherchen zu dem Fall bekannt sind. Spekuliert wurde zwangsläufig bei der Darstellung ihrer Gefühlswelt, die zwar im Fokus steht, aber eindimensional bleibt. Einige Charaktere, etwa der chinesische Investor Dr. Li Chan, sind frei erfunden. Auch über Ignatovas Verschwinden ist wenig bekannt. Theorien reichen von Mord bis zu einem Leben im Untergrund. Die Serie zeigt dementsprechend – Achtung, Spoiler – drei mögliche Enden: Ignatova auf einer abgelegenen Insel, umoperiert als Kellnerin arbeitend oder erschossen. Trotz kreativer Freiheiten bleibt das Unglaublichste an der Geschichte, der milliardenschwere Betrug, wahr.

Wie steht es heute um OneCoin?

Einige von Ignatovas Mitwirkenden wurden mittlerweile zu Haftstrafen verurteilt, und ein Vermögen im Wert von 28 Millionen Euro wurde sichergestellt. Eine umfassende Entschädigung für die Opfer steht bislang aus.

Lohnt sich die Serie?

Bedingt. Der Serie fehlt es an Tiefgang, und es ist unklar, was genau sie aussagen möchte. Eine Kritik am digitalen Kapitalismus, der besonders marginalisierte Leute ausbeutet, wird nur angeschnitten. Im Fokus steht Ruja Ignatova als Persönlichkeit, so wird Empathie erzeugt, wo ein kritischer Blick angebracht wäre. Außerdem drängt sich die Frage auf, inwiefern die Figurenzeichnungen rassistische und sexistische Stereotype erkennen lassen: Da sind etwa die klischeehaften Darstellungen der fiktionalen Charaktere Li Chan und der einzigen Schwarzen Figur Abby, die auf eine reine Fürsorge-Rolle reduziert wird. Geschlechterspezifische Machtverhältnisse, die in der Finanzbranche ohne Frage bestehen, werden durch Mansplaining und ungleiche Verteilung der Redeanteile reproduziert, anstatt diese Muster als sexistisch kenntlich zu machen und zu hinterfragen.

„Take the Money and Run“ ist in der ZDF-Mediathek zu sehen.

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Fotos:  ZDF/Felix Poplawski