Liebe in Zeiten des Hasses
Peyton und Emma sind Anfang 20 und seit einem Jahr zusammen. Was sie von den meisten Paaren in den USA unterscheidet: Peyton wählt republikanisch, Emma demokratisch. Wie liebt es sich in einem polarisierten Land?
Emma und Peyton sitzen auf der Couch im Aufenthaltsraum der Sorority „Pi Beta Phi“ am Washington & Jefferson College in Pennsylvania. Aus großen Bilderrahmen an den Wänden strahlen junge Frauen in festlichen Roben auf sie herunter. Es sind ehemalige Mitglieder von Emmas Studierendenverbindung, die bereits graduiert haben. Emma trägt ein Blümchenkleid, das die Tattoos auf ihrem rechten Arm sehen lässt, Peyton kommt gerade vom Training der Ringermannschaft und trägt Jogginghose und Hoodie. Emma und Peyton sind hier, um über ihre Beziehung zu sprechen – und über das, was sie voneinander unterscheidet: ihre politische Haltung.
Emma, 21, ist Demokratin, Peyton, 20, Republikaner. Sie stimmte bei der vergangenen Präsidentschaftswahl für Kamala Harris, er für Donald Trump. Im polarisierten Zwei-Parteien-System der USA liegen sie damit weit auseinander. „Wenn Leute erfahren, dass wir ein politically mixed couple sind, bekomme ich schon häufig schiefe Blicke ab“, erzählt Emma. „Einige Freundinnen sind etwas judgy, wenn ich sage, dass Peyton für Trump gestimmt hat. Aber wenn das aufkommt, reden wir meist nicht lange drüber und wechseln das Thema.“ „Meine Freunde kümmert es nicht wirklich, dass meine Freundin Demokratin ist“, sagt Peyton, „wenn die hören, dass Emma Kunst studiert, ist denen schon klar, dass sie demokratisch sein muss“, sagt er und lacht. Dennoch seien Paare wie Emma und er eine Seltenheit geworden, besonders unter jungen Menschen, erzählen sie.
Tatsächlich belegen Studien, dass es in den USA prozentual nur noch wenige Paare gibt, bei denen die Partner:innen unterschiedliche politische Meinungen vertreten. Laut einer Untersuchung der University of Michigan aus dem Jahr 2024 gaben nur 23 Prozent der Befragten an, eine andere politische Einstellung zu haben als ihr:e Partner:in. Und nur knapp 8 Prozent der Teilnehmenden gaben an, in einer Beziehung zu sein, in der eine Person demokratisch und die andere republikanisch wählt.
„Ich habe akzeptiert, dass ich seine Meinung niemals werde ändern können. Und er nicht meine“Emma, 21
Wie kann eine harmonische Beziehung gelingen, wenn die politischen Haltungen so stark auseinandergehen? „Ich habe akzeptiert, dass ich seine Meinung niemals werde ändern können. Und er nicht meine. Ich sehe einfach den Menschen und nicht die Politik“, erklärt Emma. Sie ist seit einem knappen Jahr mit Peyton zusammen, der hier am College Wirtschaft studiert. Die beiden haben sich bei einer Party seiner Studierendenverbindung kennengelernt. Sororities und Fraternities gehören in den USA zum Campus eines Colleges dazu. Wer entscheidet, Teil von ihnen zu sein, profitiert von mehr Wohnraum und von einer großen Freundesgruppe, verpflichtet sich aber auch, Charity-Events und Aktivitäten zu organisieren. Dieser besondere Lebensstil am College verbindet Emma und Peyton. Auch ihre Herkunft ist ähnlich. Beide kommen aus einem ländlichen, republikanisch geprägten Umfeld. Irgendwann entschied Emma aber, anders als ihre Familie, demokratisch zu wählen.
„Ich habe während der Schule viel Zeit bei einer Freundin verbracht, und ihre Mutter war Demokratin. Wie sie auf die Welt geblickt hat, hat für mich mehr Sinn ergeben als das republikanische Narrativ“, erzählt sie. Aufgewachsen ist Emma in der kleinen Stadt Lewistown in Pennsylvania, einer Region, die konservativ geprägt ist. „In Lewistown gibt’s eigentlich nichts zu tun, außer Kühe zu streicheln und zur Kirche zu gehen“, sagt sie und lacht. Politik spielte erst 2016 eine Rolle in ihrer Familie: „Da wurde bei uns auf einmal über Donald Trump gesprochen. Mir war vorher gar nicht klar, dass meine Familie so republikanisch ist.“
Peyton stammt aus Front Royal im Staat Virginia, ebenfalls einer ländlichen Gegend im Osten der USA. Als Mitglied des Ringerteams sei er schon immer in einem republikanischen Freundeskreis gewesen: „Ich bin seit der Highschool von Ringern umgeben – und die sind immer konservativ“, erzählt er. Seine Familie sei aber moderat gewesen. „Meine Eltern haben mal so gewählt und mal so.“ Seit 2016 hätten sie aber für Trump gestimmt, und auch er entschied sich bei der vergangenen Präsidentschaftswahl für ihn. „Heute bezeichne ich mich als Republikaner“, sagt Peyton.
Da wirft Emma ein: „Das ist ja auch okay! Aber ich verstehe nicht, wie man explizit für Donald Trump stimmen kann!“ – „Er ist nicht so schlimm, wie du immer sagst“, entgegnet ihr Peyton und fügt hinzu: „In zwei Jahren bist du ihn eh los.“ Emma blickt ihn skeptisch an: „Nur, wenn er dann wirklich geht!“
Solche Sticheleien gibt es während des Gesprächs häufiger. Emma lacht: „Ich mag es halt, ihn etwas zu provozieren!“ Trotzdem gebe es auch Themen, über die sie sich ernsthaft in die Haare bekämen. Etwa Vorstellungen von Genderrollen, Migration oder die queere Community. „Neulich saßen wir im Auto, und da habe ich Trump und Queers aufgebracht“, erzählt Emma. „Ich erinnere mich“, antwortet Peyton, „sie hat auf einmal angefangen, diese ganzen Punkte aufzulisten, bei denen Trump ihrer Meinung nach deren Rechte einschränkt.“ „Ja, weil er das ja auch tut!“, entgegnet ihm Emma und fragt: „Warum bist du so ein Hater?“ Peyton antwortet: „Mir ist es egal, was diese Menschen machen, solange es mich nicht beeinflusst. Du lässt es so klingen, als würde ich sie hassen!“
Emma verdreht die Augen und grinst: „Schau, das sind so Situationen, in denen wir uns streiten. Aber das ändert nichts daran, dass wir uns lieben. Und wenn wir streiten, dann entschuldigen wir uns hinterher nie für den Inhalt, sondern für unseren Ton.“ Peyton nickt: „Wir werden uns politisch nicht überzeugen können. Trotzdem sollten wir gut miteinander umgehen.“
„Wir sind ein starkes Land und werden schon wieder zueinanderfinden. Wir sind die USA“Peyton, 20
Konflikte versuchen die beiden grundsätzlich zu vermeiden, indem sie Politik ausklammern, so gut es geht. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Sie würden sich lieber auf gemeinsame Momente fokussieren, sagt Peyton. Mit diesem Ansatz sind sie nicht allein. Laut einer Umfrage der Harvard-Universität vermeiden 47 Prozent aller jungen Menschen in den USA Gespräche über Politik aus Sorge, wie das Gegenüber reagieren könnte.
Dennoch betonen Emma und Peyton immer wieder, wie schade sie es finden, dass Menschen beider Parteien in den USA nicht mehr miteinander reden könnten. Die politische Spaltung des Landes mache sie traurig. Dass es so weit kommen konnte, liegt in Emmas Augen unter anderem an Donald Trump und dessen polarisierenden Aussagen. Peyton stimmt ihr in dem Punkt teilweise zu, hält aber daran fest, dass Trump insgesamt ein guter Präsident sei. Er habe ihn vor allem wegen der Wirtschaft gewählt: „Trump hat versprochen, die Steuern und die Gaspreise zu senken und mehr Jobs zu schaffen. Das finde ich gut. Ob er das alles wirklich umgesetzt hat, keine Ahnung. Ich unterstütze ihn einfach, weil er die Dinge endlich in die Hand nimmt“, sagt Peyton.
Schuld an der Spaltung des Landes sind aus Emmas und Peytons Sicht auch Medien, die teilweise nicht mehr wahrheitsgetreu berichten würden. Angst um die Zukunft der USA haben die beiden aber nicht. „Wir sind ein starkes Land und werden schon wieder zueinanderfinden. Wir sind die USA“, sagt Peyton.
Auch ihr Zusammenleben sehen die beiden durch ihre unterschiedlichen politischen Meinungen nicht beeinträchtigt. „Warum sollte man so etwas Großartiges wie Liebe zerstören, nur weil man unterschiedliche politische Ansichten hat?“, fragt Peyton. Emma nickt: „Wir lieben uns einfach. Das hat nichts mit Politik zu tun.“ Die beiden können sich vorstellen, nach ihrem Schulabschluss zusammenzuziehen und sich ein gemeinsames Leben in einem schönen Haus aufzubauen. Nur wer dann den Abwasch macht und wer die Gartenarbeit, da haben die beiden noch unterschiedliche Vorstellungen.
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Illustration: Gregory Gilbert-Lodge