Gesundheit!
Warum es zwei Arten von Krankenversicherungen gibt – und zwölf weitere Zahlen, die dir das Kassensystem erklären
In Deutschland müssen alle krankenversichert sein. Die meisten landen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Die private (PKV) ist nicht allen möglich: Man braucht ein hohes Einkommen, ist verbeamtet oder selbstständig
Der Anfang der heutigen GKV: Otto von Bismarck führte eine Krankenversicherungspflicht für Arbeiterinnen und Arbeiter ein. Die miesen Arbeitsbedingungen der Industrialisierung hatten zu vielen Krankheiten, Unfällen und damit viele Familien in die Armut geführt. Mit dem Gesetz wollte Reichskanzler Bismarck auch Aufstände verhindern und den aufstrebenden Sozialdemokraten Einfluss nehmen. Höhere Angestellte, Beamte und Selbstständige sicherten sich weiter privat ab. Dieses Nebeneinander aus GKV und PKV wurde nie wieder aufgelöst
In Deutschland sind rund 75 Millionen Menschen gesetzlich versichert. Ein riesiges Solidarsystem. Denn sie alle zahlen ein, ohne zu wissen, wer wie viel Geld wofür in Anspruch nimmt
Der Mikrozensus 2023 erfasste mehr als 70.000 Menschen ohne KV. Die meisten gaben an, nicht regulär zu arbeiten, weil sie zum Beispiel studieren oder in Rente sind. Schätzungen gehen sogar von bis zu einer Million Unversicherten aus, weil dazu unter anderem auch Menschen ohne Aufenthaltstitel zählen
Aktuell gibt es 93 gesetzliche Krankenkassen. Was sie übernehmen müssen, ist festgelegt, die Leistungen sind also weitgehend gleich für alle. Die Kassen konkurrieren aber mit Zusatzleistungen wie Beratungshotlines um Mitglieder
An einer privat versicherten Person kann eine niedergelassene Ärztin im Schnitt mehr als doppelt so viel verdienen wie an einer gesetzlich versicherten. Das ist natürlich ein Anreiz, Privatversicherte zu bevorzugen. Sorgt aber auch dafür, dass Praxen mehr Geld verdienen, wovon alle profitieren
4.200 Euro gaben die GKV 2024 im Schnitt für jeden Versicherten aus. Der größte Teil geht für Krankenhausaufenthalte und Medikamente drauf, nicht für Arztbesuche. In Deutschland wird pro Kopf mehr für Gesundheit ausgegeben als in jedem anderen EU-Land
fehlten den GKV allein im Jahr 2024. Dafür gibt es viele Gründe, zum Beispiel mehr ältere Menschen, die weniger einzahlen, aber mehr kosten, die bessere Bezahlung des Personals in Krankenhäusern, teure Technik wie OP-Roboter oder neue Behandlungen wie Gentherapien.
93 Lobbyisten führt das Lobbyregister für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Der GDV ist mit einem Budget von gut 15 Millionen Euro der größte Lobbyist im Bundestag – und vertritt auch die PKV
In der EU ist Deutschland mit seinem dualen System aus GKV und PKV praktisch einzigartig. Sie existieren als vollwertige Versicherungen nebeneinander, während PKV in anderen Ländern nur ergänzend sind. Es gab mehrere Versuche, eine Krankenversicherung für alle einzuführen, die im Bundestag allerdings nie eine Mehrheit bekamen
Gründe scheint es dafür zu geben, dass das System aus GKV und PKV weiter besteht. Zum einen ist das System mit seinen vielen Akteuren und Geldtöpfen so komplex, dass Veränderungen schwierig sind: Selbst unter Fachleuten ist umstritten, welche Reformen das System gerechter und nachhaltiger machen. Zum anderen gibt es neben der starken PKV-Lobby auch rechtliche Zweifel: Lässt sich aus dem PKV-Vertrag das Recht auf bestimmte Gelder ableiten, wären diese als Eigentum vom Grundgesetz geschützt.
Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.