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„Alkoholismus ist erblich“

… sagt die Verhaltenstherapeutin Ulrike Schneider-Schmid. Im Interview verrät sie, warum das so ist und wie wir Alkoholismus systematisch verharmlosen

Alkoholismus, Familie

fluter.de: Wie erleben Kinder alkoholkranke Eltern?

Ulrike Schneider-Schmid: Für Kinder ist das Verhalten Alkoholabhängiger oft ein Rätsel. In einem Moment herrscht Euphorie, Regeln dürfen überschritten werden und alle tanzen. Eine Stunde später reagiert das angetrunkene Elternteil mit Wut oder Nichtachtung auf dasselbe Verhalten. Das Kind kann keine stabile Vorhersage treffen und kaum innere Regeln etablieren, die es später auf die Welt draußen anwenden kann.

Es erlebt seine Umwelt als unvorhersehbar.

Und als nicht kontrollierbar. Kinder empfinden sich in dieser Lage als hilflos und wenig selbstwirksam, schamvoll, oft auch als schuldig an der unsteten emotionalen Situation. Ihr Selbstwert sinkt. Das wird nicht selten durch die sogenannte „Parentifizierung“ beschleunigt: Kinder von Alkoholkranken übernehmen oft die Funktion der Eltern, indem sie sich um jüngere Geschwister und Hausarbeit kümmern. Und da Alkohol die Hemmschwellen löst, erleben Kinder in diesen Familien häufiger Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch.

„Alkohol ist ein legales und sozial völlig akzeptiertes Rauschmittel“

Was kann das später im Erwachsenenalter auslösen?

Massive Traumata bis hin zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Und ein höheres Risiko, selbst alkoholkrank zu werden. Wenn ich sehe, dass bei Mama oder Papa auf jedes Problem ein Schnaps folgt, muss ich mir die gesunden Konfliktlösungskompetenzen, die ich im Leben brauche, erst mal selbst erarbeiten.

Wir lernen Alkoholismus von unseren Eltern?

Ja, sich den Alkohol abzugucken ist eine große Gefahr. Der Mensch ist ein Nachahmer, besonders in den ersten Lebensjahren. Mit einem Verwandten ersten Grades, der Alkoholiker ist, ist die Wahrscheinlichkeit viermal höher, selbst einer zu werden. Außerdem ist Alkoholismus zu einem gewissen Grad erblich. Das sehen wir auch an der Alkoholtoleranz: Wer Alkohol gut verträgt, besitzt ein höheres Risiko, Alkoholiker zu werden. Und unsere Alkoholtoleranz ist zu 90 Prozent genetisch bedingt.

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Unser Autor hat Jahre gebraucht, um zu realisieren, dass seine Mutter Alkoholikerin ist

Welche Rolle spielt der gesellschaftliche Umgang mit Alkohol?

Aus der Perspektive derer, die mit Sucht oder Süchtigen leben, haben wir ganz sicher die grundfalsche Einstellung zu Alkohol. Ein Sekt zum Geburtstag oder das Feierabendbier ist für viele normal, Alkohol ist ein legales und sozial völlig akzeptiertes Rauschmittel. Deshalb wird, wer seinen Konsum kontrollieren will, oft erst mal bekehrt: „Ach, so viel trinkst du doch gar nicht“, „Komm, sei kein Spielverderber, stoß mit an“, „Wie, du trinkst nicht?“ sind Aussagen, die jeder schon gehört oder selbst äußert hat. Solche reflexhaften Sätze hindern uns daran, Alkoholkonsum kritisch zu hinterfragen.

Was würden Sie Menschen raten, die merken, dass sie ihren Konsum nicht mehr kontrollieren können?

Der wichtigste Schritt ist, sich die Sucht selbst einzugestehen. Zu akzeptieren, dass man auf etwas verzichten muss, ohne das man nicht mehr leben zu können glaubt, ist verdammt schwer. Zumal der süchtige Körper den Alkohol ja tatsächlich braucht, um zu funktionieren. Manche Menschen können ihr Verhalten allein ändern, die meisten brauchen Unterstützung.

„Mit dem Alkoholismus einer Person muss immer auch ihr komplettes Umfeld leben“

Wo bekommt man die?

Zu Beginn können Suchtberatungsstellen oder der Hausarzt einschätzen, was helfen kann. In der Regel folgen ein Entzugsprogramm in einer Klinik, um den Körper zu entgiften, und eine Entwöhnungstherapie. In der bespricht man mit Therapeuten die Ursachen der Sucht, arbeitet an alternativen Verhaltensmustern und dem Umgang mit dem Partner, der Familie, dem sozialen Umfeld. Auch die Anonymen Alkoholiker sind für manchen ein passendes Konzept.

Eine Selbsthilfegruppe, die weltweit Alkoholikern im Alltag hilft.

Ich sehe, dass sich dort viele durchringen können, ihre Sucht gegenüber anderen aufrichtig zu kommunizieren und sich dafür zu entschuldigen, was sie ihnen mit der Sucht angetan haben. Denn mit dem Alkoholismus einer Person muss immer auch ihr komplettes Umfeld leben und umgehen. Eigene Gruppen, die Al-Anons, arbeiten mit Partnern und Familie. Damit sie verstehen, dass sie nicht allein für den Alkoholiker verantwortlich sind, und sich irgendwann auch wieder auf eigene Bedürfnisse konzentrieren dürfen.

Ulrike Schneider-Schmid arbeitet als Therapeutin in Berlin.

Titelbild: Martin Parr / Magnum Photos / Agentur Focus

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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