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Kann Christopher Nolan die Kinos retten?

Die Co­ronakrise hat die Kinobranche schwer getroffen. Sie fordert Lockerungen – und hofft auf den Blockbuster „Tenet“

  • 6 Min.
Kino, Corona

Richtig voll ist es nicht. Tatsächlich sitzt bei dieser Premiere in einem Leipziger Multiplex keine einzige Person in den ersten Reihen von Christopher Nolans „Tenet“. Kinoatmosphäre, die durch Reaktionen des Publikums entsteht, kommt kaum auf. Wenn sich die Stimmung durch irgendetwas auszeichnet, dann wohl durch kollektives Ausgeknocktsein. Liegt das an Corona – oder an Nolans neuem Film?

Dass die Pandemie für die Branche drastische Folgen haben würde, war Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes der deutschen Filmtheater (HDF Kino), sofort bewusst: „Wenn die Kinos schließen müssen, wird ein ganzes System heruntergefahren.“ Die Kinos sind abhängig vom Kreislauf der globalen Filmindustrie. Starttermine, Marketingkampagnen, Verleihverträge, Festivals und Preisverleihungen: Das alles wird lange im Voraus geplant und zwischen den verschiedenen Akteuren international koordiniert.

Wie wird die „neue Normalität“ in der Kinobranche aussehen?

Die Zwangspause mussten die Kinos mit Kurzarbeit, Corona-Hilfen und – wenn möglich – aufgestockten Fördergeldern überbrücken. Die kommerziellen Kino- und Verleihbetriebe sind allerdings in einer anderen Lage als die meist strukturell subventionierten Theater- und Opernhäuser. Das Maßnahmenpaket „Neustart Kultur“ des Bundes sieht zwar auch Mittel für die Filmwirtschaft vor, aber mit einem flächendeckenden Rettungspaket rechnet die Branche nicht.

Entscheidend ist also, wie die viel zitierte „neue Normalität“ in der Kinobranche aussehen wird. Die harten Fakten seit der Wiedereröffnung der meisten Spielstätten am 2. Juli sind jedenfalls ernüchternd: „Die Kinos waren quasi drei Monate lang auf null – und jetzt haben sie einen Umsatzeinbruch von 80 Prozent“, so Christine Berg. Sie verweist auf die Publikumszahlen im Juli, dem Monat der Wiedereröffnung. Nur 1,7 Millionen Kinotickets wurden verkauft – im vergangenen Jahr waren es im gleichen Zeitraum 9,8 Millionen. Berg nennt drei Gründe dafür: die Abstandsregeln, die Sorge des Publikums vor dem Coronavirus und den Mangel an Blockbustern. Wenn sich die Umstände nicht ändern, befürchtet sie eine Insolvenzwelle.

Ein schlechter Start war zu erwarten: Mit den geltenden Abstandsregeln – 1,50 Meter in alle Richtungen – hat jeder Saal nur 20 bis 30 Prozent seiner normalen Kapazität. Bislang wurde diese Beschränkung nur in Sachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen auf etwa 60 Prozent Auslastung gelockert. Ein offener Brief privatwirtschaftlicher Kinobetreiber an die Politik forderte kürzlich eine Rückkehr zum normalen Spielbetrieb im ganzen Bundesgebiet.

Die Erfüllung dieses Wunsches scheint derzeit unwahrscheinlich, aber selbst wenn er erfüllt würde: Die Plätze müsste ein Kino erst einmal füllen können. Christine Berg sieht mit Sorge, dass vielen Menschen noch das Vertrauen fehlt, eine Veranstaltung in einem geschlossenen Raum zu besuchen. Deshalb hat der HDF sogar eine Studie zur Aerosol-Belastung in Auftrag gegeben. Laut Berg gibt es demnach einige Faktoren, die die Ansteckungsgefahr im Kino reduzieren: „Es wird kaum gesprochen, es gibt Abstände, Lüftungsanlagen und separate Ein- und Ausgänge.“ Noch wichtiger und nicht planbar dürfte für die Branche allerdings die Frage sein, wie sich die Infektionszahlen im Herbst entwickeln.

„Die Kinos brauchen dringend einen echten Gassenhauer“

Und der Blockbuster-Mangel? Der bisher erfolgreichste Film der deutschen Kinocharts, der nach der Corona-Pause startete, war der deutsche Zeichentrickfilm „Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau“. Weil die US-Kinos brachliegen, halten die großen Verleiher ihre Toptitel zurück – oder setzen gleich auf den digitalen Markt: Disney bringt den Märchenfilm „Mulan“ zur Empörung der Kinobetreiber direkt auf Disney+. Universal will Filme künftig schon 17 Tage nach Kinostart online veröffentlichen; üblich sind bisher mindestens 90 Tage.

„Die Branche ist nicht sehr solidarisch“, kommentiert Petra Klemann, Geschäftsführerin der „Passage“-Kinos in Leipzig, diese Entwicklungen. „Disney scheint nicht daran zu denken, dass es die Kinos wieder brauchen wird.“ Laut Klemann benötigen die Filmtheater „gerade jetzt einen echten Gassenhauer“. Einen Film, der die Sehnsucht des Publikums weckt und den Betrieb wieder ankurbelt. Außer Christopher Nolans „Tenet“, der am 26. August startete, kommt dafür in diesem Jahr eigentlich kein anderer Film infrage.

Folgt man dieser Logik, könnte es eine bessere Symbolfigur für die „Rettung“ der Kinos kaum geben. Wie wenige andere steht Nolan zugleich für Popcorn- und Autorenfilm. Sein Effektkino füllt die „Plexe“, wie Klemann die Multiplex-Häuser nennt, läuft in der Originalfassung aber auch in Programmkinos wie der Leipziger „Passage“. Filmnerds produzieren im Netz massenweise Content, vom GIF bis zum Videoessay über den Mindfuck – das erzählerische Verwirrspiel – des „neuen Nolan“. Und schließlich ist Nolan selbst Cineast, dreht am liebsten auf 70 Millimeter im IMAX-Format – macht also Eventkino mit analogem Glanz.

Vielleicht ist „Tenet“ aber ein bisschen zu viel Mindfuck, um unter widrigen Umständen zum großen Kassenerfolg zu werden. John David Washington („BlacKkKlansman“) spielt darin einen namenlosen Superagenten auf schier unmöglicher Mission: Er soll die Welt vor der Vernichtung retten – in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Spiel mit Zeitebenen und physikalischen Gesetzen war schon immer Nolans Fundament. Hier gerät etwa eine Verfolgungsjagd zum spektakulär-verkopften Bilderrausch, weil sie sich zugleich vor- und rückwärts abspielt. Das Prinzip der zeitlichen Inversion, der Umkehr von Ursache und Wirkung eines Ereignisses, ist aber so kompliziert, dass es ständig im Dialog erklärt werden muss. „Mir brummt der Kopf“, antwortet eine der Figuren einmal. Ein selbstironischer Witz des Films. Es bleibt einer der wenigen empathischen Momente.

Große Kinos sind besonders abhängig vom Erfolg der großen Filme wie „Tenet“

Die einseitige Hoffnung auf den Erfolg von „Tenet“ ist für Tobias Lindemann vom Independent-Verleih Grandfilm hingegen ein Indiz dafür, wie „krisenanfällig das Blockbuster-Modell der großen Kinos ist“.Obwohl in Deutschland pro Jahr mehr als 600 Filme starten, hängt die Bilanz vieler Spielstätten stark davon ab, ob die Top-Titel eher mäßig oder richtig gut laufen. Wenn, wie 2020, der neue „James Bond“ sowie Disney- und Superheldenfilme verschoben werden oder sofort ins Netz wandern, sind die Aussichten düster. Im Arthousebereich sieht das anders aus. Dort scheint die Solidarität zwischen Kino- und Verleihszene größer zu sein.

Grandfilm ist ein gutes Beispiel dafür. Mit der Aktion „kinosolidarisches Streaming“ hat der Verleih in der Coronapause Kinos, die davor regelmäßig Grandfilm-Titel zeigten, zu 50 Prozent an seinen Video-on-Demand-Einnahmen beteiligt. Exklusive Onlinestarts gab es dabei nicht. „Grundsätzlich ist für uns das Kino der wichtigste Ort, dort sollen unsere Filme zuerst zu sehen sein“, sagt Lindemann. Deswegen hat der kleine Betrieb aus Nürnberg schon drei neue Filme seit der Wiedereröffnung ins Kino gebracht. So startete etwa kurz nach den weltweiten „Black Lives Matter“-Protesten „What you gonna do when the World’s on Fire“, ein Dokumentarfilm über die Lebenswelt einer afroamerikanischen Community.

Die Coronakrise trifft natürlich auch den Arthousebereich, aber es gibt Grund zur Zuversicht: Klemanns Leipziger Programmkino hat im Juli immerhin 50 Prozent so viel eingespielt wie im Juli 2019; die Bilanz bei Grandfilm sieht ähnlich aus. In Leipzig wird im September zudem trotz Corona die Filmkunstmesse stattfinden, ein wichtiges Branchenevent für die Programmkinos. Präsentiert werden rund 60 Filme der – hoffentlich – kommenden Saison. Es sind fast so viele wie im vergangenen Jahr. Auf einen einzigen Film als Retter in der Not sollte man sich lieber nicht verlassen.

Titelbild: Sean Gallup/Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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