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Alles flashig

In ihrem Roman „Dicht“ beschreibt Stefanie Sargnagel eine sorgsam verschwendete Jugend – mit viel Humor, Dosenbier und einem untypischen Ausgang

  • 3 Min.
Stefanie Sargnagel

In einer der vielen Besäufnis-Anekdoten im neuen Buch von Stefanie Sargnagel wankt ein Straßenpoet, der bei einer Lesung zu viel Gratiswein erwischt hat, durch den Veranstaltungsraum und schreit: „I bin a Dichter! I bin a Dichter!“ Nachdem er aus dem Laden geflogen ist, sagt Sargnagels Alter Ego zu einer Freundin: „Ich glaube, so werde ich mal, wenn ich alt bin.“

Zu Lesungen wird Sargnagel zurzeit wohl eher ein- als ausgeladen: Gerade ist ihr erster Roman erschienen. Bisher hatte die 34-jährige Künstlerin und Autorin ihren sehr guten Humor nur in Sammlungen ihrer Facebookposts veröffentlicht. Auch das neue Werk spannt keinen epischen Bogen, ist aber doch viel mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Pointen.

„Dicht“ heißt ihr Buch treffenderweise und ist eigentlich mehr Autobiografie als Roman: Die biografischen Eckdaten der Ich-Erzählerin Stefanie Sargnagel zumindest stimmen mit denen der real existierenden Stefanie Sargnagel, bürgerlich Sprengnagel, überein.

 

Wie jeder nonkonforme Teenager sucht Sargnagels literarisches Ich ständig nach dem Ausbruch

Dabei liest sich „Dicht“ stellenweise wie ein blitzschnell runtergeschriebenes Tagebuch, aber eben auch wie eine Hommage an Wien und ihre Außenseiter, die trotz ihres ganz und gar unbürgerlichen Lebensstils ein ziemlich erfülltes Leben zu führen scheinen. Dank des nach wie vor intakten städtischen Gemeindebausystems verbringen sie die Nullerjahre in großen Wohnungen, in die man gerne mal 5 bis 30 Leute zum Abhängen einladen kann, solange sie ein paar Dosenbier und Zigaretten mitbringen, und in denen von den rechtskonservativen Parolen, die damals Österreich durchwehten – die FPÖ war damals noch Regierungspartei –, so gar nichts zu spüren ist.

Sargnagels literarisches Ich, zu Beginn des Buches ist sie etwa 13, am Ende volljährig, bewegt sich durch diese Wohnungen, Parks und „Hittn“ (als Kneipen getarnte Drogenumschlagplätze) mit einer Offenheit und Solidarität, die bei den meisten Menschen leider spätestens zum Ende der Jugend verloren geht: Klar trinken Sargnagels Bekanntschaften zu viel, wenn sie den ganzen Tag auf Parkbänken rumhängen. Klar haben manche eine psychische Störung, ein Drogenproblem oder eine im kommerziellen Sinne seit Jahrzehnten gescheiterte Künstlerbiografie. Aber für Sargnagel, die im Buch ständig betont, wie sehr sie die Schule langweilt (ein paarmal zu oft, man hat es eigentlich beim ersten Mal schon verstanden), und die wie jeder nonkonforme Teenager ständig nach irgendeinem Ausbruch sucht, sind diese Bekanntschaften wesentlich spannendere Zeitgenossen als die drögen Mitschülerinnen.

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Dicht, Sargnagel
Mehr als eine bloße Sammlung von Pointen: „Dicht“ von Stefanie Sargnagel ist bei Rowohlt erschienen und kostet 20 Euro

Wenn es im Park zu regnerisch wird, zieht es Sargnagel immer öfter in die Wohnung von Michi, einem wortgewandten Enddreißiger, der wegen seiner Kettenraucher-Durchblutungsstörungen Stützstrümpfe trägt und ein unschlagbares Talent fürs Klauen hat. Bei den dortigen Gelagen, an denen Sargnagel mit ihrer Freundin Sarah nächtelang teilnimmt, wird es manchmal durchaus ungemütlich: Immer wieder hat jemand einen psychotischen Anfall, einen fehlgeschlagenen Drogentrip oder rückt den beiden Teenagern nah auf die Pelle. Sargnagel und ihre größtenteils doch schwer korrekten Kumpaninnen behalten in all dem Chaos aber immer die Kontrolle. Selbst wenn Sargnagel zwei aufeinander einschlagende Nazi-Jungen versöhnt und einer sie danach blutüberströmt anfleht, doch ein bisschen bei ihm zu bleiben, weil ihm allein so „urfad“ sei, ist das für Sargnagel eher eine „flashige“ als eine verstörende Erfahrung. 

Ein Leben abseits von Autorität, Weckern und Karriereplänen

Das Leben abseits der Schule scheint ihr immer mehr zu dem zu werden, was man mal „Straßenabitur“ nannte – die eigentliche Schule des Lebens, abseits von Autorität, Weckergeklingel und Karriereplänen. „Die Arbeitslosen und Verrückten, die mich in meiner Freizeit umgaben, vermittelten mir das Gefühl, dass ihr Weg auch ein legitimer Lebensentwurf sein könnte“, schreibt Sargnagel, die wenig später die Schule kurz vor dem Abschluss abbricht. 

Abgesehen von einem lukrativen Rucksackbierverkauf vor der Wiener Clubinstanz Flex hält sich auch ihre Lust zu arbeiten stark in Grenzen. Sie blüht erst auf, als sie nach einem spontanen, romantisch motivierten Einbruch in ein Möbelhaus ein paar Sozialstunden in einer kunsttherapeutischen Einrichtung ableisten muss („der beste Job, den ich je hatte“). Dort betreut sie einige der Existenzen, die sie eh aus dem Park kennt. Viele von ihnen zerstreuen sich mit den Jahren, Sargnagels Freundin Sarah wird Mutter, andere studieren doch noch ein bisschen, sogar Michi zieht um in ein jüdisches Altersheim, das auch Zimmer „an Menschen vermietet, die nicht unbedingt jüdisch oder alt“ sind. Hier weicht in klassischen Coming-of-Age-Romanen normalerweise das jugendliche Aussteigertum irgendeiner Form von pädagogisch wertvoller Einsicht, einer mindestens teilweisen Aussöhnung mit dem, was man als Jugendlicher gerne „das System“ nennt. Stefanie Sargnagel macht aber einfach weiter. Gott sei Dank.

Titelbild: Maša Stanić / Connected Archives

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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