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„Bei Marx wimmelt es von Vampiren“

Was ist eine „marxistische Vampirkomödie“? Und was bringt es, politischen Theorien mit Humor zu begegnen? Ein Gespräch mit dem Regisseur Julian Radlmaier über seinen Film „Blutsauger“

  • 5 Min.
Blutsauger Film Berlinale

fluter.de: Viele aktuelle Filmproduktionen sind durch die Pandemie beeinträchtigt. „Blutsauger“ wurde im letzten Jahr fertiggestellt – war der Film auch davon betroffen?

Julian Radlmaier: In dieser Hinsicht hatte ich wirklich Glück, weil wir die Dreharbeiten schon abgeschlossen hatten. Als die Pandemie anfing, war ich gerade im Schnittprozess. Im Sommer, als die Umstände etwas einfacher waren, haben wir dann die Postproduktion realisieren können. So konnte der Film fast unbehelligt von der Pandemie gemacht werden.

Der Ausgangspunkt von „Blutsauger“ ist eine reale Begebenheit der Filmgeschichte: Der sowjetische Regisseur Sergei Eisenstein musste 1927 die Szenen aus seinem Film „Oktober“ herausschneiden, in denen der kommunistische Revolutionär Leo Trotzki dargestellt wurde – auf Anordnung von Josef Stalin, der Trotzki als Gegner ansah. Wie bist du auf die Idee gekommen, auf dieser Episode einen Film aufzubauen? 

Ich fand diese Anekdote schon immer interessant, und in einer Biografie über Eisenstein bin ich dann noch auf ein lustiges Detail gestoßen: Eisenstein hatte für die Rolle Trotzkis nämlich einen Laiendarsteller gecastet, der im wahren Leben „eine Art Zahnarzt“ gewesen sein soll. Mehr stand in der Biografie dazu nicht, aber ich hatte gleich die Idee, daraus eine Figur zu entwickeln, weil ich mich fragte: Wer war dieser möglicherweise falsche Zahnarzt, der zum Eisenstein-Schauspieler wurde – und was ist danach mit ihm passiert?

In deinem Film träumt dieser Laiendarsteller von Hollywood, strandet aber an der deutschen Ostsee in der Villa einer Fabrikbesitzerin, die sich als Vampir herausstellt. Die Geschichte erinnert an einen Schelmenroman, in dem ein unbedarfter Protagonist durchs Leben stolpert. Hattest du dieses Genre beim Schreiben im Sinn?

Sehr sogar. Die Trotzki-Anekdote hat sich sofort mit einer anderen Lektüre-Erinnerung verbunden. Es gibt einen tollen Roman von Ilja Ehrenburg, auch aus den 1920er-Jahren, mit dem Titel „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“. Da geht es um einen unbescholtenen Bürger in der frühen Sowjetunion, der das Land verlassen muss, weil er im falschen Moment vor einem Parteiplakat zu husten anfängt. Er geht nach Deutschland und landet in Berlin auf dem Set eines Fritz-Lang-Films. Mit dieser Grundstimmung eines burlesken Schelmenromans und einer Figur, die aus dem Frühsozialismus in den Westen geht, wollte ich meinen Film erzählen.

„Warum arbeitet man und für wen eigentlich?“

Ein anderer wichtiger Einfluss ist das Buch „Das Kapital“ von Karl Marx. In der ersten Szene diskutiert sogar eine Marx-Lesegruppe über eines seiner Zitate: „Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“

Bei Marx wimmelt es von Vampir- und Geistermetaphern. Diese literarische Figurenwelt, die aus den Schauerromanen des 19. Jahrhunderts kommt, steckt im „Kapital“ drin. Ich dachte: Wenn man einen Film machen will, der Marx ernst nimmt, dann muss man diese Metaphern verwenden. 

Schon dein Debütfilm hat sich mit marxistischer Theorie beschäftigt. Warum spielt Marx in deinen Filmen so eine wichtige Rolle?

Die Theorien von Marx haben die letzten zwei Jahrhunderte fundamental geprägt. Ich denke, dass sie uns immer noch viel zu sagen haben. Was mich zentral daran interessiert, ist die sogenannte Mehrwert-Theorie (Anmerkung der Redaktion: Damit wollte Marx die Ausbeutung der Arbeiter*innen durch die Unternehmer nachweisen). Vielleicht weil sie über die größeren systemischen Analysen hinaus eine Dimension hat, die jeder Mensch in seinem Alltag spüren kann. Also die Fragen: Warum arbeitet man und für wen eigentlich? Welchen Einfluss hat der Wert der Arbeit darauf, wie man seine Lebenszeit verbringt?

In „Blutsauger“ ist der Vampir eine Kapitalistin, die sich vom Blut ihrer Arbeitnehmer*innen ernährt. Lässt sich gerade mit populären Genreformen politische Theorie vermitteln?

Einerseits finde ich, dass die Vampirmetapher als Bild für die Produktionsverhältnisse im Kapitalismus super funktioniert. Andererseits hat sie eine ambivalente Geschichte, weil die Vampirfigur insbesondere im Nationalsozialismus antisemitisch benutzt worden ist. Deshalb macht der Film deutlich: Die Vampire sind keine „Rasse“, keine von irgendwem als biologisch unterschiedlich angesehene Art. Es gibt zum Beispiel den Bürgermeister des fiktiven Ostseestädtchens, der an ein Erbe gelangt und so zum Vampir aufsteigt. „Vampir sein“ ist also eine strukturelle Position, in die man hineingerät. Man wird Vampir, wenn man Kapital erwirbt. Aber eigentlich ist das Horrorgenre nicht die filmische Tradition, die mich interessiert. Vielleicht ist der Film deshalb für Vampirfans enttäuschend, weil er sehr unblutig und nicht besonders unheimlich ist.

„Blutsauger“ läuft derzeit auf der virtuellen Berlinale in der Sektion „Encounters“ und wird voraussichtlich im Juni auf dem „Berlinale Summer Special“ fürs Publikum zu sehen sein. Der reguläre deutscher Kinostart steht leider noch nicht fest.

Vor allem ist es eine Komödie mit ziemlich witzigen Dialogen, Kostümen und Requisiten. Wie entsteht deine Art von Komik?

Das ist ein ziemlich instinktiver Prozess. Oft passiert irgendein Fehler, oder ich sehe eine Möglichkeit, meine eigenen Sinnkonstruktionen ein bisschen zu torpedieren … 

„Komik schafft die Möglichkeit, sich spielerisch mit politischen Theorien auseinanderzusetzen“

… zum Beispiel zu Beginn, wenn beim Blick auf das Meer die Jahreszahl 1928 eingeblendet wird und dann ein Kitesurfer ins Bild segelt? Das macht den Eindruck einer realistischen historischen Darstellung ja gleich wieder kaputt.

Ja, das war beim Drehen nicht geplant, aber genau das brauchte es an der Stelle. In einer anderen Szene fährt eine Figur mit einem Kawasaki-Motorrad aus der Jetztzeit durch die Gegend. Ich arbeite außerdem gerne mit Laiendarsteller*innen zusammen, weil die auch so eine Widerständigkeit haben, die sich der Fiktion in den Weg stellt. Das ist mir wichtig, gerade wenn man sich mit Theorien beschäftigt, die eine gewisse Autorität haben. Man nimmt die Theorien dann nicht weniger ernst, aber die Komik schafft die Möglichkeit, sich spielerisch mit ihnen auseinanderzusetzen, und verhindert auch, dass man Agitprop (Anmerkung der Redaktion: kommunistische Propaganda) oder so etwas Ähnliches macht.

Andere aktuelle Produktionen, etwa „Babylon Berlin“ oder „Berlin Alexanderplatz“, entdecken im Heute politische Parallelen zu den 1920er-Jahren – zum Beispiel beim Erstarken der extremen Rechten. Warum weicht dein Film dem Epochenvergleich eher aus?

Wir haben versucht, diesen festen Kanon an Bildern und Erzählungen von uns fernzuhalten: das verruchte Berlin auf der einen Seite, die SA-Schläger auf der anderen. Der Bezug auf die 1920er kommt ja von der Eisenstein-Anekdote. Für mich ist die Hauptfigur des Ljowuschka einer der ersten postsozialistisch Enttäuschten. Die These des Films ist vielleicht, dass die Umstände, wenn eine linke Lösung versperrt scheint, eine rechte Perspektive auf die Gesellschaft begünstigen. Wenn in einer Szene etwa ein Migrant verfolgt wird, denke ich eher an Rostock-Lichtenhagen 1992. Zeitlich bietet der Film also mehrere Interpretationsebenen an.

„Blutsauger“ sehen auf der Online-Berlinale zunächst nur die Berlinale-Jury und die Presse. Was hältst du davon als Filmemacher?

Die virtuelle Premiere ist für den Film schon ein bisschen schade. Zum einen müsste man ihn eigentlich auf der großen Leinwand sehen, um ihn in seiner Fülle wahrnehmen zu können. Zum anderen ist das Schöne an der Berlinale ja auch, dass über einen Film geschrieben und gesprochen wird – dieses ganze soziale Moment bricht bei einem virtuellen Event weg. Meine Hoffnung ist, dass es im Juni eine richtige Premiere mit Publikum geben kann und später im Jahr dann einen Kinostart.

Julian Radlmaier, geboren 1984, studierte Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin und anschließend Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Sein Abschlussfilm „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (2017) bekam als bester Debütfilm den Preis der deutschen Filmkritik. „Blutsauger“ wurde 2019 in Vorproduktion mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnet.

Titelbild: faktura film, Porträt: Tim Schenkl

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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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