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Poetisiert uns

Eine Woche nach der Amtseinführung von Joe Biden spricht die Welt noch immer über das Gedicht der 22-jährigen Amanda Gorman. Unsere Autorin hat sich die Gründe dafür genauer angeschaut

  • 5 Min.
Amanda Gorman

Es passiert nicht oft, dass ein Gedicht innerhalb von wenigen Stunden Menschen weltweit berührt. Die 22-jährige Amanda Gorman hat es geschafft: Bei der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden am 20. Januar trug die Afroamerikanerin einen lyrischen Text mit dem Titel „The Hill We Climb“ (dt.: „Der Berg, den wir erklimmen“) vor. Darin spricht sie über Spaltungen in den USA und ruft zur Versöhnung auf. Ihr Text, den viele als Zeichen der Hoffnung sehen, ging kurz darauf viral. Unsere Autorin hat sich fünf Aspekte angeschaut, die erklären, warum. 

Ihre Message

Gorman spricht in ihrer circa sechsminütigen Performance von einem „nicht enden wollenden Schatten“, der über den USA liege, von einer „verwundeten Welt“. Damit bezieht sie sich auf die letzten Jahre, die das Land geprägt haben, etwa durch die Black-Lives-Matter-Proteste oder die Präsidentschaft von Donald Trump, die von Falschbehauptungen und politischen Spaltungen gekennzeichnet war. Ein Ereignis war für die junge Poetin besonders bewegend: der Sturm auf das Kapitol, Sitz des US-Kongresses, am 6. Januar 2021. In einem NBC-Interview berichtet Gorman, dass sie in dieser Nacht eine enorme Verantwortung verspürt habe, die Ereignisse in ihrem Text zu verarbeiten. Dort heißt es: „Wir haben eine Kraft gesehen, die unsere Nation eher zertrümmern würde, als sie zu teilen […]. Und dieser Versuch war beinahe erfolgreich.“ Sie spricht sich für Versöhnung und Toleranz aus, um „ein Land zu komponieren, das allen Kulturen, Farben, Charakteren und Bedingungen des Menschen verpflichtet ist“. 

Ihre Symbolik

Dass Gorman kurz nach dem Sturm auf das Kapitol genau dort nun sehr versöhnliche Verse vorgetragen hat, ist an sich schon symbolträchtig. Im Gespräch mit NBC sagte die 22-Jährige: „Ich wollte mit meinen Worten die Idee der Vereinigten Staaten wieder heiligen, die wir durch Gewalt so befleckt gesehen haben“. Dabei arbeitet Gorman gern mit Metaphern und Alliterationen („We’ve braved the belly of the beast“, dt.: Wir haben dem Bauch der Bestie getrotzt) und spielt mit Zufällen, etwa indem sie die Begriffe „Waffen“ und „Arme“, die im Englischen gleich lauten, in einem Vers verbindet: „We lay down our arms, so we can reach out our arms to one another“ (dt.: Wir legen unsere Waffen nieder, damit wir uns gegenseitig die Arme reichen können). 

Bei ihrem Auftritt trug sie einen Ring mit einem Vogel in einem Käfig als Hommage an die verstorbene US-amerikanische Schriftstellerin Maya Angelou, die 1993 bei der Amtseinführung von Bill Clinton ebenfalls ein Gedicht vorgetragen hatte. Angelou gilt als Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung und ist unter anderem für ihr autobiografisches Werk „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ bekannt. Darin schreibt sie über Identität und Rassismus in den USA. 

Gormans Outfit kam allerdings nicht bei allen gut an: Die „Neue Zürcher Zeitung“ äußerte Kritik an ihrem auffällig gelben Prada-Mantel, der für eine als Stimme des Volkes inszenierte Person zu elitär sei. Gorman selbst sagt, sie wolle mit dem Kleidungsstück ihre Bewunderung für die feministische Haltung der Designerin Miuccia Prada ausdrücken. 

Ihre Stimme 

Wer Gormans Auftritt gesehen hat, den:die dürfte wundern, dass sie noch bis vor ein paar Jahren wegen eines Sprachfehlers Angst hatte, frei zu sprechen. Gedichte laut vorzutragen habe ihr dabei geholfen, sagt sie heute. In einem TED-Talk erzählte Gorman 2018, dass die Entscheidung, die eigene Stimme zu erheben, immer auch eine politische sei. Poesie könne wie eine tote Kunstform für weiße Männer erscheinen, doch tatsächlich sei sie „die Sprache des Volkes“ – offen für alle und mit dem Potenzial, Veränderung anzustoßen: „Poesie ist immer am Puls der gefährlichsten und kühnsten Fragen, denen sich eine Nation oder eine Welt stellen kann.“ 

Ihr Alter 

Die 22-Jährige ist mit Abstand die jüngste Dichterin, die jemals bei der Amtseinführung eines neuen US-Präsidenten sprechen durfte. 2017 wurde sie als erste Jugendpoetin der USA („National Youth Poet Laureate“) ausgezeichnet. Sie steht für einen Neuanfang, für eine Generation, die das zerrissene Land wieder einen möchte. In ihrem Text blickt sie selbstbewusst in eine bessere Zukunft: „Lasst uns also ein Land hinterlassen, das besser ist als das, das uns hinterlassen wurde.“ Der ehemalige US-Präsident Barack Obama twitterte, dass junge Menschen wie Gorman Beweis dafür seien, dass es immer Licht im Dunkeln gebe, wenn man nur mutig genug sei, es zu erkennen und zuzulassen – ein Zitat aus Gormans Gedicht.

Ihre Geschichte

Gorman erzählt von sich selbst. Sie beschreibt sich als „dünnes Schwarzes Mädchen, das von Sklaven abstammt und von einer alleinerziehenden Mutter aufgezogen wurde“. Wie wichtig der 22-Jährigen ihre Herkunft ist, wird auch an dem Mantra deutlich, dass sie sich vor jedem Auftritt laut aufsagt: „Ich bin die Tochter von Schwarzen Schriftstellern, die von Freiheitskämpfern abstammen. Die ihre Ketten sprengten und die Welt veränderten. Sie rufen mich.“ Dass Gorman trotz ihrer Biografie und ihres Sprachfehlers an der Spitzenuniversität Harvard studiert hat und nun bei Bidens Amtseinführung sprechen durfte, macht sie für viele zum Sinnbild des „American Dream“. Nach dieser Vorstellung kann jede:r in den USA erfolgreich sein, solange er:sie nur hart genug dafür arbeitet. 

Die Kulturjournalistin Azadê Peşmen sieht darin allerdings auch die Gefahr der Instrumentalisierung. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagte sie, man müsse aufpassen, dass Gorman im Diskurs um Chancengleichheit nicht „ein bisschen vorgeschoben wird: ‚Hier, sie hat es geschafft, warum schaffst du es nicht auch?‘“ Amanda Gorman hat sich übrigens ein weiteres Ziel gesteckt: Bereits 2017 erzählte sie der „New York Times“, dass sie 2036 gerne als Präsidentschaftskandidatin antreten möchte. Ob sie dann wohl mit Gedichten Wahlkampf machen wird?

Titelbild: PATRICK SEMANSKY/POOL/AFP via Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

3 Kommentare
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Alois Geldermann
  ·  
01.02.2021-06:02

Mein Gedicht „Aufwärts ins Licht“ (You Tube) versucht, den Kitsch von „The Hill We Climb“ zu dekonstruieren. Unglaublich, dass selbst gebildete Menschen dieses pathetische Gebräu von Klischees und Stereotypen positiv bewerten. Mit Amanda erhält die ebenfalls weit überschätzte Greta endlich Konkurrenz. Die Infantilisierung der westlichen Gesellschaft schreitet voran !

Herr Professor
  ·  
11.03.2021-09:03

Wie bezeichnend ihr Kommentar doch ist... ein unbedeutender Schriftsteller versucht sich ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen und Werbung für seine "Dekonstruktion" einer erfolgreichen Dichterin zu machen. Männer wie Sie sind der Grund, weshalb Gormans Gedicht eine solche Tragweite und Relevanz hat. Zum Glück spricht die Fachwelt nicht über Alois Geldermann, sondern über Amanda Gorman.

Google
  ·  
05.02.2021-11:02

Hat sie sehr gut gesagt