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Das Glück liegt auf der Straße

Shadi ist 17 und will was erleben – nicht gerade einfach, wenn man als Frau im Iran aufwächst. Die Arte-Serie „Happiness“ erzählt von der iranischen Jugend als Roadtrip

Happiness Serie

Worum geht’s

Die 17-jährige Shadi (Ghazal Shojaie) wächst in Teheran auf, hängt am liebsten mit ihrer Freundin Ferial (Setareh Maleki) auf dem Spielplatz rum und rappt beim Schaukeln ihre Lieblingssongs mit. Shadis Mutter malt sich ein anderes, besseres Leben für sie aus und will mit ihr nach Paris auswandern, hat ihre Tochter allerdings nie nach ihrer Meinung gefragt. Als Shadi Sina (Soheil Bavi) kennenlernt, der mit Rotwein und härteren Sachen dealt (und vor allem ein Auto besitzt), beschließt sie abzuhauen: Mit Sina, Ferial und deren Cousin bricht sie auf, um ihren Vater zu suchen, den sie seit Jahren nicht gesehen hat und von dem sie gerne wüsste, was er von den Auswanderungsplänen hält. In Sinas Van fahren sie quer durch den Iran mit allem, was zu einem Roadtrip dazugehört: Anfangseuphorie, Freiheitsgefühl im Fahrtwind, Gespräche am Lagerfeuer, Panne, Streit – und Versöhnung.

Worum geht’s wirklich?

Die Arte-Kurzserie (die Folgen sind immer nur ein paar Minuten lang) versucht den Alltag Jugendlicher im Iran aus nächster Nähe zu zeigen. Shadi kann ihr Schicksal in vielerlei Hinsicht nicht selbst gestalten: Frauen und Mädchen dürfen sich im Iran ohne Erlaubnis ihres Mannes oder Vaters nicht frei in der Welt bewegen, das Kopftuch ist obligatorisch, jeder flirtende Blick ein Risiko und Alkohol für alle Iraner:innen verboten. Kein Wunder, dass Shadi von dem Leben träumt, das sie auf Instagram sieht. „Dank der sozialen Netzwerke haben junge Iraner Zugang zu anderen Lebensweisen, beispielsweise der amerikanischen. Sie wollen wie Amerikaner leben, allerdings in einem Land, das ihnen das verbietet“, sagt der Regisseur von „Happiness“, Pouria Takavar. Dennoch zögert Shadi, ihren Alltag, ihre Heimat und die Freundschaft mit Ferial einfach so für ein Leben in Frankreich aufzugeben.

„Happiness“ zeigt aber nicht nur die Gegensätze zwischen dem Iran und dem europäischen Sehnsuchtsland, die Serie macht auch klar, wie verschieden die Lebensrealitäten innerhalb des Irans sein können: Shadi, aus wohlhabendem Haus, besucht eine gute Schule, bekommt privat Französischunterricht. Sina dagegen hat keine Arbeit und verdient mit illegalen Geschäften, was er zum Leben braucht.

Wie nah ist das an der Realität?

Das Durchschnittsalter der Bevölkerung im Iran ist mit knapp 32 Jahren relativ niedrig, das Sagen haben aber die Alten, die das autoritäre Regime aufrechterhalten. Das Land ist gespalten in Jung und Alt, in Arm und Reich. Viele junge Iraner:innen, gerade aus ärmeren Familien, sind arbeitslos; sie waren die treibende Kraft hinter den regimekritischen Protesten der vergangenen Jahre, die sich vor allem an sozialen Fragen entzündeten. Die Reicheren dagegen wollen ihren Wohlstand und zumindest die Männer den Satus quo erhalten. Shadis Mutter sehnt sich nach einem besseren Leben für ihre Tochter und sich selbst. Die Figuren in der Serie, egal ob Shadi, ihre Freund:innen oder ihre Mutter, eint die Suche nach dem Glück („Shadi“ ist das persische Wort für Freude oder Glück).

Wie wird’s erzählt?

Die 15 Episoden dauern jeweils nur etwa fünf bis zehn Minuten, entsprechend temporeich wird erzählt. Trotzdem gelingt „Happiness“ ein einfühlsames, ausgeruhtes Porträt von Shadi und ihren Freund:innen. Die Serienschöpfer Pouria Takavar und Yashar Alishenas sind selbst in Teheran geboren und kennen die Welt ihrer Figuren genau, ihre Lebensfreude und Verzweiflung. Takavar, Jahrgang 1995, hat bereits eine Instagram-Serie über Jugendliche in Teheran (@teh_runn) gedreht und diese für „Happiness“ weiterentwickelt. Die Bilder, die er darin zeigt, wirken fast dokumentarisch – bei den beeindruckenden Wüsten- und Berglandschaften des Irans braucht es auch nicht viel Schnickschnack.

Good Job!

„Happiness“ ist nah dran an den Protagonist:innen, einfühlsam und gleichzeitig von einer angenehmen Leichtigkeit. Dafür sorgt auch der sanfte, manchmal auch alberne Humor. Wenige Szenen reichen, und man versteht, warum Shadi zwar die Gesetze in ihrem Land hinterfragt, aber trotzdem an ihrer Heimat hängt.

„Happiness“ ist zu sehen in der Arte-Mediathek.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.