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Heim gesucht

Fred Baillifs Film „La Mif“ über das Leben junger Schweizerinnen in einem Jugendheim fragt, was Familie ausmacht. Und was passiert, wenn man sich in der eigenen nicht sicher fühlt

Melody Despont Marin und Kassia Da Costa in "La Mif"

Worum geht’s?

Um den Alltag in einem Schweizer Jugendheim. Im Mittelpunkt stehen sieben Bewohnerinnen zwischen 13 und 18 Jahren, die mit ganz unterschiedlichen Problemen zu kämpfen haben: Novinha sehnt sich nach Kontakt zu ihrer Mutter, obwohl sie immer wieder feststellen muss, dass diese sich nicht für sie zu interessieren scheint. Tamara soll abgeschoben werden, weil ihr Asylantrag wiederholt abgelehnt wurde. Und Justine will nie mehr nach Hause, weil sie damit eine so schmerzvolle Erinnerung verbindet. Die Teenagerinnen haben auf den ersten Blick nur wenig gemeinsam. Aber sie vereint das Gefühl, den Halt verloren zu haben, von der Gesellschaft schon lange abgeschrieben worden zu sein. Sie streiten viel, doch wenn es hart auf hart kommt, sind sie füreinander da – jemand anderen haben sie ja schließlich nicht.

Worum geht’s eigentlich?

„Mif“ bedeutet „Familie“ in der französischen Jugendsprache „Verlan“, die so funktioniert, dass sie die Silben einzelner Worte umdreht. Die Frage, was eine Familie eigentlich ausmacht und was passiert, wenn man sich in der eigenen nicht geliebt oder geschützt fühlt, zieht sich durch den gesamten Film. Regisseur Fred Baillif, der mit „La Mif“ bei der Berlinale den Großen Preis der Internationalen Jury für den besten Film im Wettbewerb 14plus gewonnen hat, spart darin auch unangenehme Themen nicht aus: Es geht um Einsamkeit, Suizidgedanken und immer wieder um sexuellen Missbrauch. In einem Interview erklärte Baillif, was ihm dabei besonders wichtig war: „Ich habe gelernt“, sagte er dem US-amerikanischen Magazin „Variety“, „dass das Problem bei sexuellem Missbrauch nicht nur der Täter ist. Das Hauptproblem sind die Komplizen, die nichts wissen und nichts tun. Die Mutter, die Großmutter, der Onkel, wer auch immer es ist. Denn es geschieht meist innerhalb der Familie.“

Wie wird’s erzählt?

Baillif, der selbst Sozialarbeit studiert hat, arbeitete für seinen Film mit Laiendarstellerinnen. Über zwei Jahre tauschte er sich mit den Mädchen, die in „La Mif“ zu sehen sind, über deren Leben aus, ihre realen Geschichten flossen in die Handlung ein, und auch die Dialoge sind zum Großteil improvisiert. Das Filmmaterial arrangierte Baillif anschließend in Kapiteln, in denen jeweils eine der Hauptfiguren (nur einmal sind es zwei) im Mittelpunkt steht. Da so die einzelnen Handlungsstränge nacheinander erzählt werden, obwohl sie eigentlich parallel stattfinden und zum Teil ineinander verwoben sind, ist es zu Beginn nicht leicht, den Überblick zu behalten. Doch nach und nach setzt sich die Geschichte wie ein Puzzle zusammen. Durch den ständigen Perspektivwechsel ist der Film – trotz der teils schweren Themen – unterhaltsam und zeigt viele unterschiedliche Facetten des Jugendheim-Alltags. Gleichzeitig bleiben die einzelnen Geschichten dadurch etwas oberflächlich. Es gibt nur wenig Entwicklung bei den Charakteren, der Film zeigt eher eine Momentaufnahme. 

Stärkster Satz

„Sexualität ist kein Verbrechen. Sie muss beigebracht werden.“ Das sagt Heimleiterin Lora, als sie sich vor einem Ausschuss verantworten muss, nachdem die 17-jährige Audrey mit einem 14-Jährigen Sex hatte. Das ist in der Schweiz nicht per se strafbar, aufgrund des Altersunterschiedes muss es aber genauer geprüft werden. Die Szene verdeutlicht, dass die verantwortlichen Behörden die Bewohnerinnen eher als Kriminelle denn als Schutzbedürftige wahrnehmen. Aber auch, wie stark einzelne Sozialarbeiterinnen für ihre Bewohnerinnen einstehen, ungeachtet möglicher Konsequenzen. 

Good Job!

„La Mif“ ist nah dran. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Kamera ist mittendrin im Geschehen, folgt den jungen Protagonistinnen auf Schritt und Tritt. Dass die Bilder dabei auch mal unscharf oder verwackelt sind, lässt die Handlung, bei der ja ohnehin schon die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen, noch authentischer wirken. Auch wenn manche Szenen etwas klischeehaft erscheinen, zum Beispiel wenn sich Alison und Caroline mit einem älteren Mann sehr krawallig wegen einer Zigarette streiten oder die „I don’t give a fuck“-Socken eines der Mädchen präsent vor der Kamera platziert werden, ist der Film dennoch eindrücklich. Denn „La Mif“ macht deutlich, wie schutzlos sich viele junge Menschen in ihrem eigenen Zuhause fühlen. Und dass es an jedem von uns liegt, genau hinzusehen – auch in der eigenen Familie.

„La Mif“ läuft am 12. und 14. Juni auf dem Berlinale Summer Special.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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