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„Mir wurde bewusst, dass ich über eine riesige Liebesgeschichte gestolpert bin“

Der Dokumentarfilm „Nelly & Nadine“ erzählt von zwei Frauen, die sich im Konzentrationslager verliebten. Regisseur Magnus Gertten erklärt, warum es ihm wichtig war, ihre Geschichte zu erzählen

 Nadine Hwang und Nelly Mousset-Vos

Es ist eine Geschichte, von der man kaum glauben kann, dass sie nicht schon viel früher erzählt wurde: Die belgische Opernsängerin Nelly Mousset-Vos und die Chinesin Nadine Hwang, die für einen der wichtigsten literarischen Salons der damaligen Zeit in Frankreich arbeitet, lernen sich 1944 als Inhaftierte im Konzentrationslager Ravensbrück kennen und verlieben sich. Beide Frauen waren zuvor im Widerstand aktiv. Zwar werden sie nach wenigen Wochen getrennt. Doch beide überleben die Schrecken des Holocaust und finden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder zueinander. Gemeinsam ziehen sie in die venezolanische Hauptstadt Caracas, um ein freieres Leben führen zu können. Doch zeit ihres Lebens verheimlichen die beiden Frauen ihre Beziehung vor ihren Familien und geben sich in der Öffentlichkeit als Cousinen aus. Der schwedische Regisseur Magnus Gertten stößt Jahrzehnte später im Zuge der Produktion eines anderen Films auf die Geschichte der beiden Frauen. 

fluter.de: Herr Gertten, Sie erzählen in Ihrem Film die Leidens- und Liebesgeschichte von Nelly Mousset-Vos und Nadine Hwang. Wie sind Sie auf diese beiden Frauen aufmerksam geworden?

Magnus Gertten: Ich habe 2007 einen alten Wochenschaubeitrag gesehen. Er erzählt die Geschichte einer Mission des Schwedischen Roten Kreuzes, das Häftlinge vor dem Ende des Krieges aus Konzentrationslagern evakuierte. In dem Beitrag sieht man, wie die Überlebenden in Schweden ankommen. Die Gesichter der Befreiten haben mich sofort in ihren Bann gezogen – unter anderem das Gesicht von Nadine. Wir konnten einige der Menschen aus dem Beitrag identifizieren. Insgesamt haben wir drei Dokumentarfilme über diese Überlebenden gedreht. Dabei hatte ich nie vor, dass eine Trilogie daraus wird. Nach dem Screening des zweiten Films „Every Face Has a Name“ in Paris hat mich eine Frau kontaktiert, die mir am Telefon sagte, dass sie mir etwas zeigen müsse. 

„Die Familie hat nie darüber gesprochen. Weder über die Zeit im Konzentrationslager noch über die Beziehung“

Wie ging es dann weiter?

Die Frau am Telefon war Sylvie Bianchi. Wir haben uns in einer Weinbar getroffen, und sie sagte mir, dass sie die Enkelin von Nelly sei und dass Nelly früher mit Nadine zusammengelebt habe. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich über eine riesige Liebesgeschichte gestolpert bin. Mir war klar, dass ich einen Film darüber drehen muss. Doch Sylvie wollte anfangs gar kein Teil des Drehs sein. Nach ein paar Gesprächen kam sie zu der Erkenntnis, dass sie sich den Geheimnissen ihrer Familie stellen muss und dass sie herausfinden will, wer ihre Großmutter wirklich war – und wer diese Frau war, mit der Nelly bis an ihr Lebensende zusammengelebt hat. 

Sylvie wusste also gar nicht, dass Nadine die Partnerin ihrer Großmutter war? 

Die Familie hat nie darüber gesprochen. Weder über die Zeit im Konzentrationslager noch über die Beziehung zwischen Nelly und Nadine. Sie wusste zwar, dass die beiden zusammengelebt haben, und wusste wohl auch, dass sie ein Paar waren. Was sie aber nicht wusste, ist, wie intensiv und leidenschaftlich die Beziehung zwischen den beiden war. Wir begleiten Sylvie dabei, wie sie all diese Sachen mithilfe der Hinterlassenschaften von Nelly und Nadine nach und nach herausfindet.

Sylvie hat sich also erst im erwachsenen Alter die Hinterlassenschaften ihrer Großmutter angeschaut. Wieso hat sie so lange damit gewartet?

Wie gesagt, sie wuchs in einer Familie auf, in der nicht über die Kriegserfahrungen der Großmutter gesprochen wurde – das ist nicht untypisch für Überlebende des Holocaust. Trotzdem hatte Sylvie eine enge Bindung zu Nelly. Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass sie Angst davor hatte, mit dem Horror konfrontiert zu werden, den ihre Großmutter im Konzentrationslager durchleben musste. 

 

Nelly und Nadine haben sich im Konzentrationslager Ravensbrück kennengelernt. Wie war es für die beiden möglich, dort eine Beziehung zu führen? 

Normalerweise mussten sich im KZ mehrere Häftlinge ein Bett teilen. Wir wissen aber dank der Tagebucheinträge, dass Nadine ein eigenes Bett im KZ hatte. Dort konnten die beiden wohl gemeinsam Zeit verbringen. Genauere Informationen finden sich dazu in den Tagebüchern nicht. Aber irgendwie haben diese Frauen es wohl geschafft, miteinander zu reden, eine Verbindung und letztendlich eine Beziehung zueinander aufzubauen. 

Sie haben es schon erwähnt: „Nelly & Nadine“ ist Teil einer Film-Trilogie, die Geschichten von Überlebenden des Holocaust erzählt. Warum ist es so wichtig, diese individuellen Erfahrungen zu zeigen? 

Bevor ich die Filme gedreht habe, wusste ich, was die meisten Menschen über den Krieg wissen – zum Beispiel, dass sechs Millionen Jüd*innen ermordet wurden. Vor den Dreharbeiten war diese Zahl für mich jedoch ziemlich abstrakt. Durch die Filme wird einem bewusst, dass das alles Menschen waren – so wie du und ich. Deshalb ist es so wichtig, diese Geschichten zu erzählen. Für mich geht es in „Nelly & Nadine“ aber nicht nur um den Holocaust oder den Zweiten Weltkrieg, sondern vordergründig um die Kraft der Liebe. Die Liebe zueinander hat Nelly und Nadine die Schrecken der Konzentrationslager überleben lassen. Das sollte uns ins Bewusstsein rufen, dass Liebe wirklich Großartiges leisten lässt.

„Nelly & Nadine“ läuft ab dem 24. November in den deutschen Kinos.

Titelbild: Rise and Shine Films GmbH

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.