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Oh Lorde, greenwash over me!

Viele Fans der neuseeländischen Sängerin Lorde hofften, dass ihr neues Album „Solar Power” eine Platte über die Klimakrise wird. Diese Erwartungen wurden nicht erfüllt, andere dafür übertroffen

  • 4 Min.
Lorde

Mit das Beste, was einem im Leben passieren kann, ist, dass auf eine heftige Enttäuschung etwas so Tolles folgt, wie man es sich vorher gar nicht vorstellen konnte. Die beste Wohnung nach der 60. Absage. Die neue berufliche Richtung nach einem harten Karriere-Setback. Eine neue Liebe nach schlimmer Trennung. Wo sich eine Tür schließt und so.

Also kurz stark sein, Lorde-Fans, es wird gleich besser, versprochen: „Solar Power“ ist kein revolutionär kritisches Album über die Erderwärmung, wie es vorab gemunkelt wurde. Im Grunde hatte das Ella Marija Lani Yelich-O’Connor, wie Lorde mit bürgerlichem Namen heißt, in einem Interview mit dem britischen „Guardian“ vom Juni schon durchblicken lassen: „Ich bin keine Klimaaktivistin, ich bin ein Popstar“, sagte sie da. Dabei gibt es auf dem dritten Album der inzwischen 24-jährigen Neuseeländerin schon einige Zeilen, bei denen man sich fragt, ob sie nicht kritisch die Klimakrise aufgreifen. Etwa das wiederkehrende „It’s time to cool it down“ in der bereits vorab veröffentlichten Single-Auskopplung „Stoned at the Nail Salon“. Oder der Satz „Wearing SPF 3000 for the ultraviolet rays“ im kurzen Zwischenstück „Leader of a new regime“. Solche Tracks gesellen sich in die Reihe harmlos klingender Sommerhits – von Billie Eilish bis Lana del Rey –, die mehr oder weniger versteckt mit spitzen Kommentaren zur Erderwärmung kokettieren. In „Fallen Fruit“ streckt Lorde den Boomern deutlich den Zeigefinger ins Gesicht: Ihr, die ihr vor uns kamt und die Früchte einer goldenen Ära geerntet habt, lasst uns jetzt auf dem Fallobst tanzen. Damit hat es sich dann aber auch mit der Klima-Thematik.

Was bringt die biologisch abbaubare Musikbox?

Warum aber sollte sich gerade dieses Album so intensiv mit dem Klima auseinandersetzen? Es gab, wie gesagt, einige Hinweise. Erstens: Der Titel lautet „Solar Power“, und Solarenergie gilt bekanntermaßen als nachhaltig. Zweitens: Lordes Reise in die Antarktis, ein Lebenstraum, den sie sich Ende des vergangenen Jahres erfüllt hat und nach der sie die Staatschefs weltweit aufrief, etwas gegen die Klimakrise zu unternehmen. Und drittens: die nicht vorhandene CD. Das Album ist ein „discless product“, eine Neuheit. Das heißt: Es gibt zwar eine Hülle, die sogenannte „Music Box“, aber in dieser Hülle ist keine CD. Stattdessen ist die Box mit Poster, exklusivem Lorde-Briefchen, dem Booklet und einem Downloadlink erhältlich. Denn, so schreibt sie auf ihrer Website, es sei ihr wichtig gewesen, eine umweltfreundliche, vorwärtsdenkende Alternative zu CDs zu bieten, die überwiegend aus Polycarbonat bestehen, was schwer zu recyceln ist. Als Platte ist das Album aber sehr wohl bestellbar (und auch Vinyl aka Polyvinylchlorid aka PVC ist kein umweltfreundlicher Stoff). Und jetzt kommt’s: Selbst Musikstreamen ist natürlich nicht klimaneutral. Das Betreiben der dafür nötigen Serverfarmen setzt laut einer Untersuchung in den USA jährlich zwischen 200.000 und 350.000 Tonnen Treibhausgase frei. Streamen und dann noch die Musikbox bestellen, die einen nicht CO2-freien Weg beim Versand zurücklegt, scheinen also klimatechnisch nicht gerade die gescheiteste Variante zu sein, dieses Album zu genießen. Auch wenn die Box aus einem biologisch abbaubaren Material sein soll.

 

„Solar Power“ ist also kein Klima-Album. Es ist ein Album über das Erwachsenwerden und die (privilegierten) Struggles junger Frauen, die zum Yoga und nach Bali rennen und sich trotzdem nicht „spüren“. Ein Album, das der eigenen Teeniezeit nachtrauert, inhaltlich mit Lines wie „all the music you loved at 16 you grew out of“ und musikalisch mit klaren Liebesbekenntnissen zu Stars der Nullerjahre wie Nelly Furtado, Natalie Imbruglia und SClub7, gepaart mit Achtzigeranleihen von Fleetwood Mac und Crowded House. Die Gitarre, die in „Solar Power“ zu hören ist, haben Lorde und Produzent Jack Antonoff angeblich sogar im Studio des Crowded-House-Sängers Neil Finn gefunden. Hippie-Dippie-Poppy-Gitarren-Melancholie: Sollte das spanische Primavera-Sound-Festival mit Lorde als Headliner im nächsten Jahr tatsächlich stattfinden – es wird wohl kein Bauchnabel bedeckt bleiben.

Die Zikaden zirpen, die Chöre erklingen, fertigmachen zum Take-off!

Dieses leicht-schwere Glücksgefühl, das jedes Lorde-Album erzeugt, wird diesmal unter anderem mit Zikadenzirpen erreicht. Neben dem 2000er-Sound wolle das Album nämlich auch die Natur feiern, sagte Lorde dem „Guardian“, „das tiefe, transzendente Gefühl, das ich habe, wenn ich draußen bin“. Das klingt esoterisch, aber der Mix aus Käferzirpen, super harmonierenden Chören (ein Lorde-Must) und Gitarren funktioniert. Da macht einen etwas glücklich. Alle Türen auf, let the sunshine it. Im Becoming-of-Age-Track „Secrets from a Girl (who knows it all)“ zum Beispiel – und jetzt bitte noch mal schnell die Seatbelts fasten! Denn da wartet ein Gruß aus den Konichiwa-Records-Headquarters. Super foxiest female ever herself, Robyn, bereitet uns diesmal nicht auf ein Crash-and-Burn-Szenario, sondern die weichste und wärmste Landung aller Zeiten vor. „Welcome to Sadness“ ertönt ihre Stimme für ein kleines Solo, das mit diesen Worten endet: „I’ll be outside, and we can go look at the sunrise by euphoria mixed with existential vertigo. Cool?“ Supercool! 

Es ist bekannt, dass Lorde eine Form der synästhetischen Wahrnehmung hat, bei der sie Musik als Farbe sieht. Sie selbst sagt, ihr erstes Album „Pure Heroine“ sei für sie grün, das zweite, „Melodrama“, violett. Das dritte Album, „Solar Power“, sei golden. Einverstanden. Nur die grün anmutende Verpackung hätte man sich sparen können.

„Solar Power” ist am 20. August bei Universal erschienen.

Titelbild: Lloyd Bishop/NBC/NBCU Photo Bank via Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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