Thema – Angst

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Willst du mit mir Platte machen?

Alina und Ion sind zusammen – und obdachlos. Unter welchen Bedingungen führen sie ihre Beziehung?

Alina und Ion

Was Liebe ist? Alina überlegt kurz und lächelt dann. „Wir teilen alles.“ So wie vor ein paar Tagen, als sie eine Portion Pommes auf der Straße fand. Alina hatte großen Hunger und wartete trotzdem mit dem Essen auf Ion.

Als Kinder waren die beiden Nachbarn. Schon damals war Alina (39) in Ion (46) verliebt. Ein Paar wurden die beiden aber erst vor neun Jahren, sie war inzwischen verwitwet. Vergangenen Sommer haben die beiden in Rumänien ihr Schwein und die Kuh verkauft, um sich in der Bankenmetropole Frankfurt ein besseres Leben aufzubauen. Ein Bekannter hatte ihnen einen Job versprochen. Jetzt sind sie obdachlos.

Zehntausende Menschen schlafen in Deutschland auf der Straße. Manche wollen das so, die meisten haben keine Wahl: weil es vielerorts nicht genügend Unterkünfte gibt oder Betroffene dort nicht übernachten dürfen. Manche werden wegen aggressiven Verhaltens oder Drogenkonsum ausgeschlossen. Andere gehen nicht in die Unterkünfte, weil sie heruntergekommen sind oder weil sie ihre Hunde nicht mitnehmen dürfen. Vielen Menschen aus dem EU-Ausland fehlt außerdem die Berechtigung, Unterkünfte in Anspruch nehmen zu dürfen.

In Frankfurt am Main leben laut Schätzungen mehrere Hundert Obdachlose, eine Zuflucht finden sie im Diakoniezentrum „Weser5“. Hier, im Bahnhofsviertel, zwischen Bankentürmen und Bordellen, gibt es warmes Essen, sanitäre Anlagen und oft auch jemanden, der ein Ohr hat für die Probleme, mit denen Obdachlose zu kämpfen haben.

Rund 50 Leute sind an diesem Dienstagmorgen gekommen: Alte und Junge, Männer und Frauen, Zugezogene und Einheimische, manche rauchen im Innenhof und unterhalten sich, andere sitzen schweigend auf einem Stuhl oder schreiben Tagebuch. Ion hat gerade geduscht, Alina hängt die provisorisch gewaschenen Klamotten über eine Leine: zwei T-Shirts, zwei Paar Socken, eine Hose. Beide sehen müde aus. „Wir haben Angst“, sagt Ion. Letzte Nacht hat ein Fremder nach ihnen getreten. „Wir legen uns zum Schlafen nur an beleuchtete Orte“, sagt Alina. Ion: „Ich kuschele mich immer fest an sie.“ Er nimmt seine Frau demonstrativ in den Arm, seine Miene wird ernst, dann lächelt Ion wieder.

Es gibt kaum Paare unter Obdachlosen 

Das Leben auf der Straße ist hart – und gerade im Winter ist es lebensgefährlich. Wo bleibt da Platz für die Liebe?

„Unter Obdachlosen gibt es recht wenig Paare“, sagt Katrin Wilhelm, Leiterin der „Weser5“. Das habe verschiedene Gründe: ein unstetes Leben, psychische Auffälligkeiten, Suchterkrankungen, die ständige Suche nach Dingen, die einem beim Überleben helfen. In den Notunterkünften sind die Schlafbereiche in der Regel geschlechtergetrennt. Außerdem leben deutlich mehr Männer auf der Straße. Ihre Obdachlosigkeit resultiere oft aus Trennungen, sagt Wilhelm. „Die meisten bleiben danach allein.“ Obdachlose Frauen wiederum sind auf der Straße besonders gefährdet. „Viele versuchen, gar nicht als Frauen erkennbar zu sein.“ Oder sie gehen einen Deal mit einem Mann ein: Kochen gegen eine Dusche, Sex gegen einen Schlafplatz.

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Auf der Weserstraße
Ein Obdachloser schläft auf der Straße in Frankfurt, neben ihm sein Koffer

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Kornelia Busweiler
Kornelia Busweiler ist ihr Aussehen wichtig, sie trägt Anzug und lackiert ihre Nägel
 

Solche Erfahrungen hat Kornelia Busweiler nicht gemacht. 20 Jahre lebte die zierliche Frau auf der Straße. Noch immer kommt sie fast täglich in die „Weser5“. Heute trägt sie einen schicken Anzug, ihre Nägel glänzen lila. Im Gegensatz zu den meisten anderen hat sich die 67-Jährige damals bewusst für ein Leben auf der Straße entschieden. Als junge Frau nahm sie Reißaus aus ihrem mittelhessischen Kaff. Wenn sie nicht gerade in Südeuropa unterwegs war, hat sie in Frankfurt mit ihrer neuen Clique „Platte gemacht“.

Ja, die Winter, die seien hart gewesen, sagt Busweiler und rollt ihre Augen unter der getönten Herzbrille. „Trotzdem war es meine glücklichste Zeit.“

An den Moment vor 39 Jahren kann sich Kornelia Busweiler genau erinnern. Sie trug ihren großen Rucksack, an dem Schlafsack und Kochgeschirr baumelten. Dann stand er vor ihr: ein stattlicher Mann mit stattlichem Schnauzer und Sonnenbrille. Sie hatte Roland bereits Jahre vorher getroffen. Erinnern aber konnte zunächst nur er sich.

„Wo schläfst du?“, fragte er.

„Mal hier, mal dort“, sagte sie.

„Du weißt gar nicht, wer ich bin.“

Er blickte über seine Brille in ihre Augen: „Gehst du mit mir auf die Platte?“

Da war es schon um sie geschehen. „Richtig bum“, sagt Kornelia Busweiler und kaut auf ihrem Kaugummi. Die fehlende Privatsphäre sollte ihr Liebesleben nicht stören. „Wir haben uns versteckt, im Wald oder unter einer Brücke.“

Sex ist schwierig, kuscheln und küssen geht 

Für Alina und Ion ist das undenkbar. „Wir können uns küssen und kuscheln, aber mehr Intimität geht nicht“, sagt Ion. Trotzdem seien sie enger zusammengerückt, seit sie auf der Straße leben. Die gegenseitige Unterstützung, kleine Berührungen, alles fühle sich hier noch intensiver an. Ob sie manchmal voneinander genervt sind? Beide verneinen. Vielleicht gibt es auch einfach Wichtigeres.

Kornelia Busweiler glaubt, dass es früher einfacher war, auf der Straße zu leben. Unter der Friedensbrücke unweit des Frankfurter Hauptbahnhofs baute sie mit Roland ihr erstes Häuschen: einen Bretterverschlag mit Bollerofen und eigenem Bett. Davor blühten die Geranien. Über Jahre habe die Hütte dort stehen dürfen.

Ihre nächste Station: ein Wohnwagen. „Dort haben wir immer gekocht, mein Mann liebte Rosenkohl.“ Und sie? „Ich hab das auch gegessen.“ In jeder Beziehung muss man Kompromisse machen. Nach einer Pause schiebt sie hinterher: „Es war schon eng. Roland hat manchmal die ganze Nacht Computer gezockt – da habe ich gesagt, mach das Ding leiser.“

Später sind sie in ein baufälliges Haus gezogen, dann in eine kleine Wohnung. „Krank sind wir erst geworden, als wir ein Dach über dem Kopf hatten.“ Roland hatte einen Schlaganfall, später Krebs. „Am 8. Juni hat er die Augen zugemacht.“

 

Kornelia Busweiler will jetzt eine rauchen. Ihren Rollator lässt sie neben dem Tisch stehen und geht in den Innenhof der „Weser5“. Dort hängen Alina und Ion gerade ihre Wäsche ab. Frau Busweiler ist froh, heute nicht mehr obdachlos zu sein. „In dem Alter“, sagt sie. „Und dazu alleine.“ Die Liebe gibt den Menschen Stabilität – das ist auch auf der Straße nicht anders.

Fotos: Timo Reuter

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.