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„Diese Kinder hatten keine Rechte“

Im Comic „Starkes Ding” erzählt Lika Nüssli von den Schweizer „Verdingkindern”, die auf Höfen Zwangsarbeiten verrichten mussten – und damit auch die Geschichte ihres Vaters

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Verdingkind

fluter.de: Lika Nüssli, Sie schildern in Ihrem Comic „Starkes Ding“ die Kindheit Ihres Vaters Ernst, der in den 1950ern ein sogenannter „Verdingbub“ war. Was hat es damit auf sich?

Lika Nüssli: Verdingkinder sind ein dunkles Kapitel in der jüngeren Schweizer Geschichte, das von etwa 1800 bis in die 1970er-Jahre dauerte und lange verdrängt wurde. Dabei handelt es sich um die Kinder armer Leute oder auch Waisen, die in andere Familien gesteckt und dort zur Zwangsarbeit „verdingt“ wurden. Sie wurden ausgebeutet und nicht wenige von ihnen auch misshandelt. Die staatlichen Kontrollen waren schwach, diese Kinder hatten eigentlich keine Rechte, und es hat sich auch niemand für sie eingesetzt.

Ihr Vater wuchs mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof auf. 1949 wurde er mit knapp zwölf Jahren als Verdingkind auf einen anderen Hof geschickt. Er hat insgesamt viereinhalb Jahre dort gearbeitet. Seine Eltern haben dafür einen geringen Geldbetrag bekommen. Wurde in Ihrer Familie darüber geredet?

Es wurde nicht totgeschwiegen bei uns, aber wir haben auch nicht oft darüber gesprochen. Ich glaube, mein Vater wollte das hinter sich lassen. Und er ist auch eher so die Generation, die nicht zum Psychologen geht.

Bis Sie schließlich entschieden haben, dass Sie mehr darüber wissen wollen. Spielte dabei auch das fortgeschrittene Alter Ihres Vaters eine Rolle?

Auf jeden Fall, er ist jetzt 85. Damit angefangen, wirklich danach zu fragen, habe ich vor zwei Jahren, während des ersten Corona-Lockdowns. Da habe ich gespürt, wie fragil das Leben ist, und es hatte plötzlich eine größere Dringlichkeit, diese Geschichte noch festzuhalten. Das wollte ich ohnehin schon lange.  Aber ich denke, es war gut, zu warten, bis ich als Zeichnerin ein bisschen erfahrener war.

Starkes Ding

Wir sehen im Comic, dass das Ehepaar, für das Ihr Vater arbeiten muss, ihn herumkommandiert und schlägt, ihn rund um die Uhr arbeiten lässt und zu wenig zu essen gibt. Wurden viele Verdingkinder damals so behandelt? Seine Schwester zum Beispiel, die einige Zeit nach Ernst ebenfalls „verdingt“ wurde, berichtet in einer Szene von sexualisierter Gewalt.

Ja … (zögert länger) … also ich denke, es war schon sehr schrecklich und  trotzdem wahrscheinlich noch eines der besseren Schicksale. Es gab Kinder, die gestorben sind, weil sie so schlecht behandelt wurden. Und von seinen Eltern wurde mein Vater vorher auch geschlagen. Außerdem lebte er immerhin nicht so weit von zu Hause weg, das war ja nur eine Stunde entfernt.

Seine Familie durfte er dann aber nur alle paar Wochen mal sonntags sehen. Und an Heiligabend.

Genau. Schon sehr wenig eigentlich.

Trotz großer Entbehrungen, Hunger und Schmerz erscheint Ihr Vater immer wieder fröhlich und vor allem: grundsätzlich zuversichtlich.

Er hatte sicher wahnsinnig Heimweh, und es war unglaublich hart. Trotzdem hatte er wohl immer wieder Menschen und Schulfreunde um sich herum, die ihm so kleine Oasen geboten haben. Und auch im Nachhinein: Er ist sicherlich traumatisiert, aber ich staune trotzdem, dass er so ein fröhlicher, offener Mensch geblieben ist. Das liegt bestimmt mit daran, dass er ja, bis er fast zwölf war, eine intakte Familie mit vielen Geschwistern gehabt hat. Aber er sagt auch, dass ihm ein Teil der Kindheit gestohlen wurde.

War Ihr Vater später böse auf seine Eltern, dass sie ihn weggegeben haben?

Ich denke nicht. In seiner Klasse waren noch ein paar andere Verdingkinder, das war damals ein Stück weit Normalität. Und mein Vater hat es auch für seine Familie gemacht. Da gab es einen starken Zusammenhalt, da mussten alle hart arbeiten, auch die, die zu Hause geblieben sind. Er ist wohl in so einen Trotz gefallen: Ich schaff das! Ich zeig denen, wie stark ich bin! Und trotzdem … er gibt es nicht richtig zu, aber ich glaube schon, dass er es als Unrecht empfand, dass damals von sieben Kindern ausgerechnet er gehen musste.

Im Comic erfährt man auch, dass Ihr Vater nicht zur Schule durfte, wenn wieder Arbeit anstand. Haben die Jahre als Verdingkind seine Bildung sehr zurückgeworfen?

Er ist halt nur acht Jahre zur Schule gegangen und auch in denen meist nur halbe Tage. Er hat anschließend auch keine Ausbildung gemacht. Mein Vater kann supergut rechnen, weil sie das zu Hause immer gemacht haben und er viel Karten gespielt hat. Aber er hat nie richtig schreiben gelernt. Lesen kann er, aber er schreibt wie ein kleines Kind, mit total vielen Fehlern und sehr krakelig. 

Was hat er nach der Schule gemacht?

Zunächst hat er als Knecht gearbeitet, auf einem anderen Hof. Und dann für eine große Schweizer Supermarktkette, da ist er in einem kleinen Lastwagen mit Verkaufstheke überall auf dem Land herumgekurvt, und die Leute konnten direkt bei ihm einkaufen. Bis er schließlich meine Mutter kennengelernt hat. Die hatte ein Restaurant – und mein Vater war der geborene Wirt!

Zu den visuellen Einflüssen des Comics gehört die Senntumsmalerei. Was ist darunter zu verstehen?

Das ist so eine naive Bauernmalerei, die im 19. Jahrhundert im Toggenburg, wo mein Vater aufgewachsen ist, und dem Appenzeller Land entstanden ist. Sie ist sehr bilderbuchartig, zum Beispiel stimmen manche Größenverhältnisse nicht – etwa eine Kuh, die irgendwo auf einem Berg steht und dann halt riesengroß ist, damit man sie trotzdem noch sieht als Figur. Ich finde sehr schön, wie frei diese Malerei gestaltet ist. Sie hat auch etwas Kindliches. Und die Geschichte meines Comics wird von einem Kind erzählt, darum scheint es mir passend.

Starkes Ding

Ich hatte den Eindruck, dass es am Anfang viele Seiten gibt, auf denen alles sehr reduziert ist, mit viel Weiß, und mittendrin ist Ernst, der als kleines Kind noch sehr comichaft wirkt. Im weiteren Verlauf wird es dann düsterer und komplexer, weil er eben auch erwachsener wird. War das gewollt?

Hmm. Also, auf jeden Fall wollte ich, dass alles immer dichter wird. Die Arbeit blieb über die ganze Zeit eigentlich dieselbe, und es wäre total langweilig gewesen, die immer wieder darzustellen. Also wollte ich diese vier Jahre zu einem Albtraum von nie aufhörender Arbeit werden lassen, immer und immer dasselbe.

Immer wieder Kühe melken, Heu wegtragen.

Misten, Holzen. Ja, ich habe die Zeit zusammengepresst, ihr aber trotzdem Raum gegeben.

Insgesamt soll die Zahl der Verdingkinder in die Hunderttausende gehen. Mit der Aufarbeitung hat sich die Schweiz lange schwergetan. Erst 2013 gab es schließlich die so benannte Wiedergutmachungsinitiative für ehemalige Verding- und Heimkinder. Seit 2017 können die eine Entschädigung beantragen. Hat Ihr Vater das gemacht?

Ja, und auch bekommen: 25.000 Franken. Lächerlich wenig für viereinhalb Jahre harter Arbeit und eine gestohlene Kindheit – von so einem reichen Land wie der Schweiz. Aber ihn hat es sehr gefreut, vor allem die Anerkennung des Bundes.

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Lika Nüssli (Foto: Herbert Weber)
(Foto: Herbert Weber)

Lika Nüssli, geboren 1973 im Schweizer Kanton St. Gallen, zeichnet Comics, macht Installationen und Performances. Bis Ende Mai 2022 ist im Cartoonmuseum Basel eine Ausstellung über ihr Werk zu sehen. 

„Starkes Ding“ (232 Seiten, 29 Euro) ist im Verlag Edition Moderne erschienen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.