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Drinnen oder draußen?

Manche halten Werkstätten für Menschen mit Behinderung für alternativlos, andere wollen sie komplett abschaffen. Warum?

Wolfgang Trost – Andreas Lausberg

Jeden Morgen machen sich im Düsseldorfer Berufsverkehr 1.460 Menschen auf den Weg nach „drinnen“. Sie arbeiten in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung – und damit fast immer getrennt vom regulären, sogenannten ersten Arbeitsmarkt.

Sieben solcher Werkstätten gibt es in Düsseldorf. In einer waschen die Beschäftigten Hotelwäsche, in anderen schreinern sie Spielsachen oder kochen für Schulen. Wer hier von einem gemeinsamen Büro oder einer Mittagspause mit einem Menschen ohne Behinderung träumt, spricht in der Regel von „draußen“. Drinnen die Menschen mit Behinderung, draußen der Rest ohne. Um diese Trennung gibt es eine Debatte. Ihre zentralen Fragen: Wie und wo möchten Menschen mit Behinderung arbeiten? Und wie sollte ihre Arbeit entlohnt werden?

Andreas Lausberg fährt jeden Morgen mit dem Fahrrad nach „drinnen“. Das Café Südpark liegt neben einem Streichelzoo, Lausbergs Gäste sind vor allem Familien, sie bestellen Kaffee, Limo und Kuchen. Lausberg ist bei einer „Werkstatt für angepasste Arbeit“ beschäftigt. Das bedeutet weniger Arbeitsstress, aber nur einen Bruchteil des Lohns, den er in einem Café in der Innenstadt verdienen würde.

 

In den Werkstätten arbeiten immer mehr Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen

Dass er mal hier arbeiten würde, hätte sich Lausberg früher nicht vorstellen können. Als Hotelkaufmann arbeitete er in Berlin, auf den Malediven und auf einem Kreuzfahrtschiff. Dann erlitt er einen Burn-out. Im Café begann er als Aushilfe. Dann kam der Vorschlag, in Vollzeit einzusteigen. „Da war ich, das sage ich ganz ehrlich, total schockiert“, erinnert sich Lausberg.

Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten arbeiten 315.000 Menschen in solchen Einrichtugen. Viele denken vor allem an Menschen mit geistiger Behinderung. Dabei steigt der Anteil von Menschen mit Depressionen, Suchterkrankungen oder anderen psychischen Beeinträchtigungen unter den Werkstattbeschäftigten seit Jahren. Zu den heute etwa 21 Prozent gehört auch Andreas Lausberg.

Andreas Lausberg
Als Kind wollte er Lokomotivführer werden, in seinem alten Job auf einem Kreuzfahrtschiff fuhr Andreas Lausberg zweimal um die Welt

Nach vielen Gesprächen schob er seine Vorurteile beiseite. „Es ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Lausberg heute, vier Jahre später. Die 35-Stunden-Arbeitswoche gibt ihm Stabilität. Wird es zu stressig, kann er Auszeiten nehmen. „Ich stehe hier nicht so unter Druck wie in der freien Wirtschaft. Hier sagt niemand: Mensch, reiß dich zusammen.“ Das System der Werkstätten ist für ihn mehr als nur Arbeit. „Es ist für viele die Chance, an einem Leben in der Gesellschaft teilzunehmen. Ein Teil davon zu sein. Im Sinne von: Ich gehe arbeiten für mein Geld.“

Viele Kritiker*innen sehen das anders. Sie werfen den Werkstätten Ausbeutung vor, weil ein Großteil der Werkstattbeschäftigten nur einen Bruchteil des Mindestlohns verdient. 2019 betrug das Monatsentgelt durchschnittlich 220 Euro.

Die Werkstätten sind (eigentlich) als Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt gedacht

Schon da wird es kompliziert: Formal war die Beschäftigung in Werkstätten nie als Lohnarbeit gedacht. Werkstätten sind laut Gesetz Orte der Rehabilitation. Sie sollen auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereiten. Wer dort arbeitet, tritt in ein „arbeitnehmer-ähnliches Beschäftigungs-Verhältnis“ ein. Die Abstufung „ähnlich“ hat zur Folge, dass kein Mindestlohn gezahlt werden muss. Die Beschäftigten bekommen oft zusätzlich Grundsicherung und Erwerbsminderungsrente, von denen Miete und Lebensunterhalt finanziert werden sollen. In der Praxis macht die Regelung viele Beschäftigte abhängig von der Grundsicherung und nimmt ihnen die Möglichkeit, Vermögen aufzubauen.

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Einige fordern deshalb den Mindestlohn für die Beschäftigten, andere mehr Anreize für die Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt. Manche wollen die Werkstätten ganz abschaffen. Wovon die Beschäftigten am meisten profitieren würden, ist umstritten. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales lässt die Frage, wie das System inklusiver werden könnte, derzeit in einer Studie untersuchen.

Das 2018 eingeführte „Budget für Arbeit“ sollte genau das bewirken: mehr Inklusion, also gleichberechtigtere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Mit dem Programm beteiligt sich der Staat mit bis zu 75 Prozent am Lohn, wenn Werkstattbeschäftigte auf dem ersten Arbeitsmarkt eingestellt werden.

Wolfgang Trost hat das probiert. Er ist Judoka mit schwarzem Gürtel. Trost weiß, was Inklusion ist. Für die Wettkämpfe trainiert er mit Menschen mit und ohne Behinderung. „Das macht viel aus“, sagt er. „Wenn man gemeinsam trainiert, wird man besser und kann sich selbst ganz anders entwickeln.“ Im Job war das lange anders.

Mehr als 15 Jahre hat Trost in den Düsseldorfer Werkstätten gearbeitet. Er hat Drogerieartikel verpackt und einen Staplerschein gemacht. 2021 fasste er den Entschluss, es trotz seiner Lese-Rechtschreibschwäche auf dem ersten Arbeitsmarkt zu versuchen. Ein erstes Praktikum lief nicht wie erhofft. „Das Unternehmen war sehr auf Leistung ausgelegt“, erklärt Ina Groesdonk. Als Integrationsfachkraft begleitet sie Trost beim Weg aus der Werkstatt. Man könne an der Arbeit teilhaben, ohne im klassischen Sinne genauso produktiv zu sein, sagt Groesdonk. „An den Gedanken müssen sich viele Unternehmen aber erst gewöhnen.“

Wolfgang Trost
„Die Jungs“ sagt Wolfgang Trost, wenn er von seinen neuen Kollegen spricht. Die Jungs helfen ihm, wenn Trost mit seiner Lese-Rechtschreibschwäche an Grenzen stößt

Dass es nicht nur bei ihm an der Umsetzung des „Budgets für Arbeit“ hakte, bestätigen Hochrechnungen. 2020, zwei Jahre nach der Einführung, hatten es schätzungsweise 1.000 Menschen mit dem Programm auf den ersten Arbeitsmarkt geschafft, also 0,32 Prozent aller Werkstattbeschäftigten.

Bei Wolfgang Trost hat es noch geklappt. Nach seinem dritten Praktikum bekam er einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz beim „Biertaxi“, einem Getränkelieferservice in Düsseldorf. Die Zeit in der Werkstatt bereut Trost nicht. „Ich hatte tolle Gruppenleiter und habe viel gelernt“, sagt er. Er weiß aber auch: Er ist eine Ausnahme. Nur wenige schaffen den Sprung von der Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt. Obwohl die als Sprungbrett gedacht sind.

Das kritisiert auch Anne Gersdorff. „Wir dümpeln seit Jahrzehnten unter einem Prozent bei den Übergängen. Das ist im Grunde eine Erfolgsquote von null Prozent – und wir halten trotzdem daran fest.“ Gersdorff ist Referentin beim Verein Sozialhelden e.V., der sich für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung einsetzt. „Ich möchte nicht von heute auf morgen alle Werkstätten schließen“, sagt sie. „Aber wir müssen den Einstieg in den Ausstieg schaffen.“

„Ich wünsche mir, dass Werkstätten in zehn Jahren die Ausnahme sind“

Im Verein leben sie diese Inklusion vor. Sven Papenbrock hat 13 Jahre lang in verschiedenen Berliner Werkstätten gearbeitet. Heute testet er für den Verein die Barrierefreiheit von Arztpraxen. „Ich habe endlich erreicht, was ich immer wollte“, sagt er.

In den Werkstätten kontrollierte Papenbrock CDs auf Kratzer oder setzte Waschmaschinenteile zusammen. Die Arbeit war oft eintönig. „In den neun Monaten in meinem neuen Job habe ich ein Vielfaches dessen gelernt, was ich in der Werkstatt in Jahren gelernt habe.“ Auch das Entgelt empfand er als unfair: „Alle müssten Mindestlohn bekommen.“ Außerdem fordert er hohe Strafen, wenn Unternehmen ihrer gesetzlichen Pflicht, Menschen mit Behinderung einzustellen, nicht nachkommen. Aktuell können sich Unternehmen davon freikaufen. Auch das würde Papenbrock abschaffen.

Wenn man Anne Gersdorff fragt, wie Arbeit für Menschen mit Behinderung in zehn Jahren aussehen sollte, überlegt sie keine Sekunde. „Ich würde mir wünschen, dass Werkstätten dann die Ausnahme sind, nicht die Regel.“

In einem Zwischenbericht der Studie des Bundesarbeitsministeriums steht: „Bei den Behindertenwerkstätten soll es sich um eine Übergangserscheinung handeln, bis der allgemeine Arbeitsmarkt […] so inklusiv, offen und zugänglich gestaltet ist, dass er allen Menschen mit Behinderungen offensteht.“ In Deutschland dauert diese Übergangserscheinung mittlerweile 50 Jahre.

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