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„Das All gehört niemandem, deshalb fühlt sich keiner alleine zuständig“

Nicht nur die Erde, auch das All hat ein Müllproblem. Warum das gefährlich ist und wie es sich ändern ließe, erklärt der Astrophysiker Manuel Metz

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Weltraumschrott
 

fluter.de: Die Meere und Kontinente sind voller Müll, und als würde uns das nicht reichen, verschmutzen wir auch noch das Weltall. Wie schlimm ist die Lage im Orbit, Herr Metz?

Manuel Metz: Obwohl es die Raumfahrt noch gar nicht so lange gibt, ist die Lage jetzt schon bedrohlich. Wir haben Schätzungen zufolge etwa 36.500 Trümmer, die größer als zehn Zentimeter sind, und etwa 330 Millionen Stücke mit einem Durchmesser von mehr als einem Millimeter. Die ersten Forscher haben sich zwar schon Ende der 1970er-Jahre mit dem Thema Weltraumschrott beschäftigt, aber geändert hat sich seither kaum etwas. Das Weltall gehört niemandem, und deshalb fühlt sich auch keiner alleine zuständig.

Also schießen alle munter weiter Raketen und Satelliten ins All und damit auch potenziellen Müll?

So könnte man das sagen. Denn bisher gibt es zu dem Thema nur Richtlinien der Vereinten Nationen, also der UN, aber keinen ratifizierten Vertrag. Man kann also niemanden zur Rechenschaft ziehen.

„Weil sich der Weltraumschrott so unkontrolliert vermehrt und es zu Kettenreaktionen kommen kann, ist er so gefährlich“

Könnte man nicht einfach mit einer Art Roboter aufräumen oder mit einem Magnet Splitter einsammeln?

Das wäre schön, geht aber leider nicht. Ein Magnet kommt nicht infrage, weil fast keiner der Trümmer und Splitter magnetisch ist. Im Raketen- und Satellitenbau kommen hauptsächlich Kunststoffe und Aluminium zum Einsatz. Und ein solcher Roboter würde wohl nicht lange überleben, wenn man versuchen wollte, den Weltraumschrott wie mit einem Schneepflug wegzuräumen. Der Weltraumschrott kreist mit einer Geschwindigkeit von über sieben Kilometern pro Sekunde, das sind mehr als 25.000 Kilometer pro Stunde, und verwandelt sich gewissermaßen in ein Geschoss. Kommt dann mal ein größeres Teil angeschossen, durchbohrt oder zerfetzt es den Roboter, und es entstehen noch mehr Trümmer. Weil sich der Weltraumschrott so unkontrolliert vermehrt und es zu Kettenreaktionen kommen kann, ist der Müll im All so gefährlich.

Was können Unternehmen und Regierungen dann tun, um den Müll im All zu reduzieren?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten, die etwa beim Bau von Satelliten für die deutsche Bundesregierung durch die DLR-Raumfahrtagentur bereits umgesetzt werden. Zum Beispiel können Satelliten am Ende ihrer Lebensdauer auf eine niedrigere Flugbahn gesteuert und dort abgeschaltet, wir sagen passiviert, werden. So treten sie nach spätestens 25 Jahren wieder in die Erdatmosphäre ein und verglühen. Der Müll verschwindet also.

Das ist doch eigentlich eine einfache Regel. Warum halten sich nicht alle daran?

Für Betreiber eines Satelliten ist es eine Abwägung, ob es sich lohnt, den Satelliten gemäß der Vermeidungsrichtlinien zu entsorgen oder ihn einfach länger zu betreiben, bis er den Geist aufgibt. Der Müll kostet ja erst mal nichts. Und es kommt auch vor, dass Satelliten einfach kaputtgehen oder nicht mehr erreichbar sind, bevor sie gezielt Richtung Erde gelenkt werden können. Große Fernsehsatelliten im sogenannten geostationären Erdorbit über dem Äquator werden aber immerhin auf eine „Friedhofsumlaufbahn“ etwas weiter weg von der Erde gesteuert, sodass der Orbitbereich wieder frei wird. Dort kreisen sie dann zwar weiter als Müll, können aber zumindest keinen großen Schaden mehr anrichten.

„Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Staaten die Kosten der Müllabfuhr zahlen würden“

Mittlerweile gibt es Start-ups, die als Weltraummüllabfuhr arbeiten wollen. Die Europäische Raumfahrtbehörde ESA kooperiert zum Beispiel mit dem Schweizer Start-up Clearspace. Könnten solche Projekte das Problem lösen?

Die ESA fördert solche Ideen und hegt große Hoffnungen. Geplant ist, dass eine Sonde sich mit so was wie Tentakelarmen einen kaputten Satelliten oder Raketenteile greift und die dann auf eine niedrigere Erdumlaufbahn befördert oder sogar damit abstürzt und verbrennt. Ob das so funktioniert, müssen die ESA und das Start-up aber erst noch unter Beweis stellen. Im Jahr 2025 soll ein Testlauf stattfinden.

Dann könnte es in ein paar Jahren also schon ordentlicher im Weltraum aussehen?

Ich habe da keine große Hoffnung. Denn selbst wenn der Testlauf glückt, gibt es rechtliche Probleme. Die meisten großen toten Satelliten gehören den USA oder Russland. Und die darf ein Start-up oder die ESA nicht einfach so abschleppen. Ich halte es auch für unwahrscheinlich, dass die Staaten die Kosten der Müllabfuhr zahlen würden. Ein anderes Problem ist, dass wir aktuell so viele Satelliten wie noch nie ins All schießen. Das US-Unternehmen SpaceX hat allein seit 2019 über 1.730 Starlink-Satelliten entsendet, um weltweit Internetzugang per Satellit zu ermöglichen. Früher oder später werden die ersten kaputtgehen und könnten damit ein weiteres Risiko für die noch funktionierenden darstellen. Wenn Start-ups wie Clearspace sich schlau anstellen, gehen sie also auf solche Unternehmen zu.

Und was müsste sich ändern, damit das All nachhaltig sauberer wird?

Am besten wäre es wohl, wenn es einen ratifizierten UN-Vertrag geben würde. Insellösungen von einzelnen Staaten sind zwar gut, bringen aber nichts Grundlegendes. Wir müssen das – ähnlich wie den Klimawandel – global angehen.

Manuel Metz ist Astrophysiker, Mitarbeiter in der Raumfahrtagentur des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Co-Vorsitzender der Europäischen Konferenz über Weltraummüll. Sein Ziel: Unternehmen und Regierungen sollen ihren Müll aus dem All holen.

GIF: Renke Brandt

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