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Sollten wir die Börse den Profis überlassen?

Oder können Hobbytrader die Börse demokratisieren und so Vermögen umverteilen? Ein Pro & Contra

  • 5 Min.
Börse den Profis überlassen? fluter-Streit

Ja, die Börse braucht Gesetze und Regulierung, keine Hobbytrader

meint Holger Fröhlich

Ja, Kleinanleger*innen sollte kurzfristiger Aktienhandel verboten werden. Aber nicht vom Gesetzgeber (das wäre autoritärer Mist), sondern vom eigenen Verstand. Die Zahl der Aktionäre ist in Deutschland traditionell gering, aber im Corona-Jahr 2020 hat sie beinahe Höchststände erreicht. Rund 17,5 Prozent der über 14-Jährigen haben heute ein Aktiendepot, das sind 2,7 Millionen mehr als ein Jahr zuvor. Was treibt diese Menschen an die Börse? 

Grob lassen sich zwei Gruppen unterscheiden. Der traditionelle deutsche Kleinanleger ist in den Vierzigern, Mann und Gutverdiener (mehr als 4.000 Euro netto im Monat). Er will sein Erspartes vor der Inflation bewahren, überlässt das Tagesgeschäft den Profis und kauft etwa passive Indexfonds: eine Anlage, die moderate Gewinne verheißt. Die lässt ihm einen ruhigen Schlaf und Zeit für Waldspaziergänge. Mehr als die Hälfte der Aktionäre hierzulande macht es so.

Kleinanleger können das System an sich nicht stürzen

Ihnen gegenüber stehen die jungen Wilden. Diese Gruppe der unter 40-Jährigen ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr um fast 50 Prozent gewachsen. Das ist enorm und auch durch die Pandemie zu erklären: Wem die Welt zum Wohnzimmer schrumpft, der holt sich die Action eben aufs Ecksofa. Diese Anleger*innen handeln gern kurzfristig, bei extrem schwankenden Kursen und mit Optionen, die den Einsatz in kürzester Zeit vervielfachen – oder vernichten.

Man könnte das als Zeitvertreib einer gelangweilten Mittelschicht abschreiben, spielten manche ihr Tun nicht neuerdings zum Revoluzzertum auf. Bei ihnen wird Daytrading in Jogginghosen zum Kampf zwischen Unten und Oben, Volk gegen Finanzelite, Rechtschaffenheit gegen Raubtierkapitalismus. So weit die Erzählung der Gamestop-Saga, bei der sich Kleinanleger*innen auf Reddit verabredeten, um große Hedgefonds mit gezielten Aktienkäufen in den Ruin zu treiben.

Belegt ist, dass der angegriffene Hedgefonds Melvin Capital im Januar 2021 7,25 Milliarden Dollar verlor – über die Hälfte seiner verwalteten Vermögenswerte. Dass die Aktion ein Schlag gegen das System gewesen sein soll, ist aber falsch. Auch Hedgefondsmanager kennen Reddit, viele haben ihrerseits kräftig mitverdient. Des einen Leid ist des anderen Freud. Auch an der Börse.

Das größte Missverständnis der neuen Trader-Generation ist vielleicht, zu glauben, dass man das System nicht verstehen muss, um es anzugreifen. Wer der Finanzwelt durchs Aktienkaufen eins auswischen will, protestiert auch mit Roulettespielen gegen die Spielbank. Ein teurer Irrtum. Wer Aktien kauft, finanziert die eigentlich verhasste Börsen-Elite mit.

Gut reguliert und beaufsichtigt machen Banker einen sinnvollen Job

Was kann man daraus lernen? Die „Trading-Apps der kleinen Leute“ wie Robin Hood haben die Börse demokratisiert. Aber nur insofern, als dass es nun auch Leuten mit wenig Geld möglich ist, Geld zu verlieren. Im Grunde eine faire Sache. Das heißt aber noch nicht, dass es eine gute Idee wäre, diese neue Freiheit auch wahrzunehmen.

Ob sie es sich eingesteht oder nicht: Hinter der Gamestop-Guerilla steckte keine Umverteilungsrevolution, sondern Gier. Der Wunsch, auch mal das große Los zu ziehen. Für eine Generation, die zusehen musste, wie Zocker mit der Finanzkrise 2008 viel Leid brachten und dafür kaum Konsequenzen tragen mussten, ist das nachvollziehbar. Ihre Wut ist berechtigt. Die Idee aber, sie durch Kleinanlegerei zu überwinden, ist unausgereift. Die Großanleger sind nicht die Dons im Kasino, die uns Arme vom Mitspielen abhalten wollen. Sie sind das Kasino. Auf Dauer verdienen sie an jedem Mitspielenden.

Also die Börse den Profis überlassen? Um Himmels willen, ja! Sollen sie den ganzen Tag auf öde Zahlenkolonnen starren und Lebenszeit an Wechselkurse verschenken. Reguliert von strengeren Gesetzen und einer Börsenaufsichtsbehörde, die endlich hinschaut, können sie einen guten und notwendigen Dienst erfüllen. Wenn Banker*innen jener Teil der Macht genommen wird, den manche missbrauchen, soll ihr Job gern auch fürstlich entlohnt werden. Ich würde ihn nicht machen wollen.

Holger Fröhlich schreibt über Wirtschaft, meist für „brand eins“ und immer seltener mit klarem Feierabend: Seit Wochen fragen ihn selbst Freundinnen und Freunde, die sonst Enteignungsfantasien hegen, wie sie ihre Aktieneinnahmen am besten versteuern.

Nein, denn Kleinanleger werden unterschätzt

findet Jennifer Garić

Da schließen sich Kleinanleger einmal zusammen, investieren gezielt in ein Unternehmen, und schon wird unlautere Marktmanipulation gewittert. Wenn sich Vermögende zusammentun und im großen Stil auf steigende oder fallende Kurse wetten, können sie genauso Kursschwankungen provozieren. Dann nennen wir das Ganze aber Hedgefonds. Und finden es völlig normal.

Sollten wir die Börse also den Profis überlassen? Bloß nicht! Nach Jahren der Aktienverdrossenheit in Deutschland tut sich endlich was. Fast 40 Prozent der 18- bis 34-Jährigen investieren inzwischen in Aktien, zeigt eine Studie der Bankeninitiative „Pro Aktie“. In der Vorjahresstudie lag die Rate noch mehr als zehn Prozentpunkte niedriger.

Warum bitte sollen nur Vermögende investieren dürfen?

Was bleibt den Bürgern auch anderes übrig? Omas Sparbuch und Papas Bausparplan mögen gut gemeint sein, sind aber alles andere als ertragreich. Während sich die ältere Generation entspannt zurücklehnen und ihren Zinsen bei der Arbeit zuschauen konnte, sind junge Menschen mit Null- und Minuszinsen konfrontiert. Sie können Rendite also nur noch auf dem Kapitalmarkt erwirtschaften – und noch nie war das so einfach wie heute.

Apps wie Robinhood und Trade Republic machen den Aktienhandel für alle zugänglich. Wie viel Geld ein Nutzer investiert, ob er sich an günstigen oder teuren Aktien von Riesen wie Apple, Amazon und Microsoft versucht, ist ihnen egal. Welcher Bankberater nimmt einen schon ernst, wenn man nur 50 Euro investieren will, um erst einmal ein Gefühl für den Aktienhandel zu bekommen? Wahrscheinlich kommt es nicht einmal zum Beratungstermin. Zugegeben, bei den immensen Gebühren einiger Banken müsste man die 50 Euro locker verdoppeln, um überhaupt mit einem Plus aus dem Geschäft zu gehen – und das ist dann doch eher utopisch. Wer die Börse den Profis überlässt, fördert ein elitäres System, das nur denen Platz lässt, die ohnehin schon Geld haben. Ein hoher Kontostand wird zur Eintrittskarte; wer nicht erbt, hat schon verloren.

Minuszinsen, Lockdown-Langeweile – kein Wunder, dass Trading-Apps gerade boomen. Das Virus hat wichtige Aktienmärkte zwischenzeitlich einbrechen lassen und viele Neulinge an die Börse gelockt. Wenn von dieser positiven Entwicklung nur Gamestop in Erinnerung bleibt, wäre das sehr traurig. Schon jetzt passiert so viel mehr. Längst nicht jeder Kleinanleger läuft Reddit-Kommentaren und Tweets von Elon Musk blind hinterher. Auch junge, unerfahrene Anleger gehen durchaus verantwortungsvoll mit Geld um. Womöglich sogar verantwortungsvoller als ihre Eltern.

Kleinanleger interessieren sich eher für die Werte eines Unternehmens

Eine Studie des Fintechs Finimize zeigt: Investoren unter 29 Jahren achten weniger auf die Finanzen börsennotierter Unternehmen als ältere Generationen. Sie interessieren sich dagegen eher für die Werte, die Unternehmen vertreten. Sie setzen außerdem oft auf Trends. Damit sind sie wichtige Treiber von Innovation. Zu ihren Lieblingsaktien gehören etablierte Unternehmen wie Tesla, Apple und Amazon. Aber auch der Fleischersatzhersteller Beyond Meat, die Fahrdienste Uber und Lyft oder der Kommunikationsdienst Slack. Zugleich legen junge Anleger unter allen Investoren mit Abstand am meisten Wert auf nachhaltige Investments.

Diese Anleger beweisen also ein Gespür für den Markt, wirtschaftliche Entwicklung, für Unternehmenserfolg – auch ohne Bilanzen lesen zu können oder in der Schule gelernt zu haben, wie die Börse funktioniert. Klar: Sie tätigen mitunter Fehlinvestments und erliegen falschen Einschätzungen wie alle anderen Anleger auch. Phänomene wie Gamestop wird es deshalb weiterhin geben, es gab sie ja auch schon vor Reddit. Ich erinnere gern daran, wie Tulpen den ersten Börsencrash ausgelöst haben und holländische Investoren wie besessen ihre Gulden gegen Blumenzwiebeln tauschten.

Viele haben ihr Investment also nie blühen sehen – weder auf dem Feld noch auf dem Konto. Aber deshalb die Börse den Profis überlassen? Diskutieren wir doch lieber, welche Börsenkultur wir wollen und wie wir alle Börsenprofis werden können.

Jennifer Garić schreibt im Büro wortwert über Wirtschaft, Digitalisierung und Vorsorge. Sie tradet per App. Das einzige Wertpapier, das sie je gedruckt gesehen hat, war eine 1-Euro-Aktie von Beate Uhse.

Collagen: Renke Brandt

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Annonym
  ·  
14.04.2021-10:04

"Diese Anleger handeln gern kurzfristig, bei extrem schwankenden Kursen und mit Optionen, die den Einsatz in kürzester Zeit vervielfachen – oder vernichten."

Welcher Kleinanleger handelt bitte mit Optionen oder Hebeln? Das gehört schon zum Repertoire eines sehr fortgeschrittenen Anlegers und nicht des typischen Traderepublic Kunden...

"Wer der Finanzwelt durchs Aktienkaufen eins auswischen will, protestiert auch mit Roulettespielen gegen die Spielbank. Ein teurer Irrtum. Wer Aktien kauft, finanziert die eigentlich verhasste Börsen-Elite mit."

Korrekt, denn die Börsen-Elite verdient durch die Geschäfte der Kleinanleger automatisch mit. Falsch ist jedoch der Vergleich mit dem Roulettespiel. Die Bank hat beim Roulette nur wegen der 0 einen Vorteil, denn mit dieser ergibt sich rechnerisch ein kleiner Vorteil der ausreicht. Die Börsen-Elite weiß aber schon vor dem Kleinanleger auf welches Feld seine Kugel fällt und gewinnt somit mit jeder neuen Runde einen minimalsten Betrag...