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Keine Zeit für Erklärungen

In ein „Ein nasser Hund“ verfilmt Damir Lukačević die Jugend eines deutschiranischen Juden im Berliner Wedding – und setzt dabei leider mehr auf Effekt als auf Tiefe

  • 4 Min.
Nasser Hund

„Für die Deutschen war ich ein Kanake, für die Moslems ein Jude, für die Juden ein krimineller Jugendlicher aus dem Wedding“ – so fasst Arye Sharuz Shalicar in seiner Autobiografie „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ rückblickend seine Jugend im Norden Berlins zusammen. Er erzählt darin, wie er vom deutschen Teenager-Gangster, der sich wenig für jüdisches Leben interessiert, zum Pressesprecher der israelischen Armee wurde. Als Sohn von aus dem Iran geflohenen Juden verbrachte Shalicar seine Pubertät in den späten Neunzigerjahren im Wedding, einem migrantisch, vor allem türkisch, arabisch und kurdisch geprägten Teil der Hauptstadt. In seinem Buch berichtet er von dem Antisemitismus, der ihm vonseiten einiger Weddinger Jugendlicher entgegenschlägt, in vielen Fällen gespeist aus einer falschen Gleichsetzung von israelischer Politik und Judentum. Er erzählt von seinem Leben als Teil mehrerer Straßengangs, dem zwiegespaltenen Verhältnis zu seinen Freunden in der Koloniestraße und den unterschiedlichsten Formen von Rassismus. Genug Zerrissenheit und Ambivalenz also, um Ausgangsmaterial für einen guten Spielfilm zu liefern. 

Sein Jüdischsein hält Soheil vor Freunden und Klassenkameraden geheim

Doch die Verfilmung „Ein nasser Hund“ von Regisseur Lukačević reduziert die inneren und äußeren Konflikte der Protagonisten auf Schablonen: Die darin dargestellten Weddinger Jugendlichen bleiben weitestgehend platte, gewalttätige, sexistische, antisemitische Abziehbilder, kaum imstande zu irgendeiner Entwicklung. Sie können laut eigener Aussage noch nicht mal die Uhr lesen. Soheil, die von Doguhan Kabadayi gespielte, an Shalicar angelehnte Hauptfigur des Films, ist in seinem Handeln nicht ganz so berechenbar, allerdings auch nicht besonders plausibel: Sein Jüdischsein hält er vor Freunden und Klassenkameraden größtenteils geheim, wenn es aber „auffliegt“, scheint es ihn auch nicht sonderlich zu stören. Obwohl das, was wir aus seinem bisherigen Leben vor der Zeit im Wedding wissen, weder nach Problemen noch nach Aggressionen aussieht, zieht er bei seiner ersten Schlägerei unvermittelt ein Messer und sticht auf das Mitglied einer konkurrierenden Gang ein. Warum? Keine Ahnung, wir werden es nie erfahren.

 

Soheils Eltern sind auch weitestgehend hilflos. Kida Khodr Ramadans Rolle als Soheils Vater beschränkt sich darauf, immer ein bisschen traurig zu gucken und in etwa hundert Szenen seinen Sohn auszuschimpfen, weil der wieder irgendetwas Kriminelles angestellt hat. Als Soheil seine Eltern fragt, warum sie überhaupt in den Wedding gezogen seien, warum hier alle die Juden hassten, hofft man auf einen etwas tiefschürfenderen Vater-Sohn-Dialog. „Setz dich hin, wir müssen reden!“, sagt der Vater, nur um seinem Sohn dann zu antworten, dass der sich nicht unterkriegen lassen soll, einfach wieder aufstehen, wenn er hinfällt. 

Wandlungen, Ursachen, Komplexitäten? Fehlanzeige 

Auch andere Dialoge wirken leider oft wie die Persiflage eines Coming-of-Age-Konflikts, was wahnsinnig schade ist, weil die jugendlichen Darsteller – für viele ist es der erste Film – eigentlich eine durchgehend solide schauspielerische Leistung abliefern. Man fühlt sich stellenweise an die gut besetzte Serie „Dogs of Berlin“ erinnert, die ebenfalls an einem wirren, effekthascherischen Drehbuch krankte. Immerhin gibt es mit Soheils Schwarm Selma (Derya Dilber) und seinem besten Freund Hussein (Mohammad Eliraqui) zwei Figuren, die zumindest ansatzweise hin- und hergerissen sind zwischen ihrer Zuneigung zu Soheil und ihrem anerzogenen Hass auf Juden. Hier hätte der Film fokussieren sollen, Wandlungen darstellen, Ursachen und Komplexitäten ausleuchten können. Stattdessen beschränkt er sich auf Plattitüden wie etwa den von Selma gesprochenen Satz „Liebe kennt keine Religion“. Wo im Buch nachgedacht wird, fiktionalisiert sich der Film in eine reißerische inhaltliche Leere.

Das Ganze gipfelt in einem Ende, das so unglaubwürdig ist, dass man es hier ruhig spoilern kann: Soheil beschließt, nach Israel zu gehen, dummerweise nur ist Selma von ihm schwanger und hat überhaupt keine Lust mitzugehen. Ein nicht ganz so kleiner Konflikt, abgefrühstückt in einem Zwei-Minuten-Dialog. Die Lösung: Nach einer Art Deal zwischen den beiden Jungs heiratet Hussein einfach Selma – so kann der beste Kumpel das Kind großziehen und Soheil nach Isarel gehen. Was Selma davon hält? Soheils Familie? Wieder keine Antworten, sondern kitschige Bilder – davon etwa, wie Soheil als israelischer Soldat mitten im Einsatz Briefe von Selma liest, die ihm Fotos von seinem Kind geschickt hat. Für Erklärungen bleibt in diesem Film, der eigentlich so vieles erklären müsste, keine Zeit.

 „Ein nasser Hund“ läuft ab dem 9. September in den deutschen Kinos. 


 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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