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Von einer Zelle in die andere

„Lieber Thomas“ erzählt vom Leben des Schriftstellers Thomas Brasch, der gegen alles aufbegehrte, was ihm nicht passte – erst in der DDR und dann in der Bundesrepublik

  • 4 Min.
Thomas Brasch schaut zurück nach Ostberlin

„Hör auf zu bluten“, raunzt der Soldat seinen Kadettenschüler an. Gar kein so schlechter Gag, könnte man meinen, schließlich kann ein Mensch seinen Blutfluss schwer regulieren. Nur ist der Satz, gesprochen in einem zugigen Schlafsaal Mitte der 50er-Jahre in der DDR, ernst gemeint. Mit dem Jungen, der den Blutstoppbefehl erhält, hat man als Zuschauerin nur bedingt Mitleid: Er hat gerade die Hauptfigur von „Lieber Thomas“, den etwa zehnjährigen Thomas Brasch, in der nächtlichen Anarchie des Militärinternats bedroht, worauf ihm Thomas eine runtergehauen hat. Der Satz „Hör auf zu bluten“ hängt über diesen ersten Szenen des Films wie eine Verheißung, denn er bringt die Einstellung der DDR-Staatsführung gut auf den Punkt: Das, was sein soll, ist im Zweifel wichtiger als das, was ist. Eine Haltung, die Thomas, der zum Autor und Filmemacher heranwächst, immer wieder in rasende Wut und schließlich ins Gefängnis bringen wird. 

Braschs Vater macht Karriere in der SED, aber der Sohn will nicht ins System passen

Thomas Brasch mag heute vor allem literarisch Interessierten etwas sagen, in den 1970er- und 80er-Jahren aber war er ein Star, in Ost- wie in Westdeutschland. Weil er Gedichte, Erzählungen und Theaterstücke schrieb, die wild und eingängig waren. Und weil er gegen alles protestierte, was ihm nicht passte, in Ost- wie in Westdeutschland. Merkwürdig eigentlich, dass „Lieber Thomas“ der erste Spielfilm über sein Leben ist. 

Brasch, geboren 1945, war Sohn jüdischer Emigranten, die vor dem Nationalsozialismus nach England fliehen mussten und nach dem Zweiten Weltkrieg in die DDR übersiedelten. Braschs Vater Horst, ein überzeugter Sozialist, machte Karriere in der SED-, der Staatspartei der DDR, aber der Sohn Thomas wollte so gar nicht ins System passen. Er hasste das Militärinternat der Nationalen Volksarmee, auf das man ihn schickte, wurde von zwei Studiengängen ausgeschlossen, kam wegen einer Protestaktion gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968 ins Gefängnis (verraten vom eigenen Vater), schrieb unliebsame Texte, von denen in der DDR kaum welche gedruckt werden durften, und reiste schließlich 1976 nach Westdeutschland aus, wo er zwar die Freiheit hatte, zu veröffentlichen, was er wollte, die Auswüchse des Kapitalismus aber als eine andere Form der Unfreiheit wahrnahm.

„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber/wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber“

„Lieber Thomas“ erzählt all diese Lebensstationen, als Künstlerbiografie setzt der Film sich aber auch mit Braschs Kunst auseinander. Regisseur Andreas Kleinert hat den Film in Kapitel eingeteilt, die jeweils nach einer Strophe von Braschs wohl bekanntestem Gedicht benannt sind: „Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber/wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber/die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber/die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber/wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber/wo ich sterbe, da will ich nicht hin:/Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“. Auch sonst tut Kleinert einiges, um Brüche zu erzeugen und zu verfremden: „Lieber Thomas“ ist in Schwarz-Weiß gedreht, zwischen die Spielfilmszenen mischen sich kurze Schnipsel historischer Aufnahmen, und immer wieder kippt das Reale ins Fantastische. Zum Beispiel, wenn Brasch plötzlich zwei junge Frauen auf deren Wunsch hin erschießt, ein Gedankenspiel, wie sich herausstellt, mit dem Brasch sich in den „Mädchenmörder“ Karl Brunke hineinversetzt, über den er schreibt. 

Diese auf den ersten Blick sperrige Form fühlt sich bald ganz natürlich an, passend zu der sperrigen Figur, die der Film porträtiert. Was an „Lieber Thomas“ aber nachhaltig stört, sind die hölzernen Dialoge, gerade in der ersten Filmhälfte, wenn Brasch als jugendlicher Rebell dargestellt werden soll, der Autoritäten gegen sich aufbringt und ansonsten eine gefühlte Ewigkeit durch die Betten der Ostberlinerinnen vagabundiert. Einmal hält eine Geliebte doch allen Ernstes mitten im Sex inne und fragt Brasch, ob er vom Schreiben leben kann, worauf der erwidert, er könne nicht ohne Schreiben leben. Zum Glück spielt Albrecht Schuch den Brasch so wach und verletzlich, dass auch solche Floskeln erträglich werden. Und als irgendwann Jella Haase in der Rolle der Schauspielerin und Brasch-Lebenspartnerin Katharina Thalbach dazukommt – endlich eine eigenständige, interessante Frauenfigur –, erwacht der Film endgültig zum Leben. 

Mit Thalbach wird Brasch in den Westen gehen, obwohl er viel lieber in der DDR geblieben wäre. Schließlich glaubt er wie sein Vater an die Idee einer sozialistischen Gesellschaft, nur soll die anders aussehen als das repressive System der DDR. Von solchen Zerrissenheiten erzählt „Lieber Thomas“ sehr gut. Der Vater Horst zum Beispiel wird nicht als Bösewicht dargestellt: Indem er seinen Sohn verrät, will er vor allem verhindern, dass der Rest der Familie in Sippenhaft gerät. Und er glaubt nach der Verfolgung im Nationalsozialismus so sehr an die Utopie einer gerechteren Welt, dass er die Ungerechtigkeiten in der Gegenwart, die sein Sohn anprangert, ausblendet – was sein soll, ist wichtiger als das, was ist. 

Im Westen fühlt sich Brasch in die Rolle des Dissidenten gedrängt

„Lieber Thomas“ ist ein Film darüber, wie die Zwänge der deutsch-deutschen Nachkriegsordnung Biografien geformt haben. Im Westen fühlt Brasch sich nicht befreit, sondern in die Rolle des Dissidenten gedrängt, die von Verlegern und Journalisten zu Geld gemacht werden soll, ohne dass sich irgendwer wirklich für seine Kunst zu interessieren scheint. „Jetzt sind wir mit dem Kopf durch die Wand“, sagt Katharina, als die beiden, gerade aus Ostberlin ausgereist, über die hell erleuchtete Westberliner Einkaufsmeile Ku’damm gehen. „Und stehen in der Nachbarzelle“, ergänzt Brasch. Wenn „Lieber Thomas“ bei allen Uneindeutigkeiten, von denen er erzählt, etwas eindeutig zeigt, dann das: wie unterschiedlich unglücklich man in den beiden deutschen Staaten sein konnte – und wie Menschen gegen dieses Unglück angekämpft haben. 

„Lieber Thomas“ läuft seit dem 11. November im Kino. 

Titelbild: Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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