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Einfach immer weiterschwimmen

Der Film „Die Schwimmerinnen“ erzählt die wahre Fluchtgeschichte von zwei syrischen Schwestern, die ihr Leben riskierten, um das anderer zu retten

Die Schwestern in "Die Schwimmerinnen" im Meer

Am 13. Geburtstag ihrer Schwester sitzt die 16-Jährige Sara abseits, blickt auf ihren Laptop. Es ist das Jahr 2011, und in Syriens Hauptstadt Damaskus gehen Menschen auf die Straße, um gegen ihre Regierung zu demonstrieren. „Was in Tunesien, Ägypten und Libyen geschehen ist, passiert nun auch hier“, sagt Sara – beunruhigt, dass das Regime den Demonstrierenden mit Gewalt begegnen könnte. „So etwas kann in Syrien nicht passieren“, sagt ihre Mutter und klappt Saras Laptop zu. Sie irrt sich: Die Proteste, die in Saras Heimat Syrien im Zuge des „Arabischen Frühlings“ ausbrechen, werden vom autoritären Regime um Präsident Baschar al-Assad brutal niedergeschlagen. Es kommt zum Bürgerkrieg.

Vier Jahre später, im Sommer 2015, hat sich die Lebenssituation von Sara und ihrer Schwester Yusra dramatisch verschlechtert. Während die beiden auf einer Rooftop-Party zu „Titanium“ von David Guetta tanzen und „I‘m bulletproof, nothing to lose, fire away, fire away“ singen, sieht man in der Ferne Raketen einschlagen. Beim Abendessen zu Hause fällt regelmäßig der Strom aus, im Bus werden sie von syrischen Soldaten sexuell belästigt. „Syrien gibt es nicht mehr“, stellt Sara nach einer Partynacht angetrunken und ernüchtert fest. Auf Facebook sieht sie, dass erneut eine Freundin umgekommen ist. Sara beschließt zu fliehen, am besten nach Deutschland. Auch Yusra, die wie Sara seit ihrer Kindheit Leistungsschwimmerin ist und von den Olympischen Spielen träumt, erkennt: Sie hat keine Zukunft in Syrien. Wenige Tage später sitzen die beiden im Flieger nach Istanbul. „Nehmt keine Route über das Wasser“ – das hatte ihnen ihr Vater eingebläut. In der Türkei angekommen, stellen sie jedoch fest: Ihre einzige Chance ist der Weg über das Mittelmeer.

Als das Boot zu sinken droht, springen Yusra und Sara ins Wasser 

„Die Schwimmerinnen“ ist zwar ein Spielfilm, die Netflix-Produktion basiert aber auf der wahren Fluchtgeschichte der Schwestern Sara und Yusra Mardini. Sie gehörten zu den knapp 900.000 Flüchtenden, die 2015 nach Deutschland kamen. Von den rund 450.000 Menschen, die hierzulande schließlich einen Asylerstantrag stellten, kam mehr als ein Drittel aus Syrien. Bis heute sterben nahezu jedes Jahr mehrere Tausend Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sind 2021 knapp 2.000 Menschen auf dieser Fluchtroute gestorben oder gelten als vermisst.

Der Film der walisisch-ägyptischen Regisseurin Sally El-Hosaini erinnert daran, nicht wegzuschauen, nicht zu vergessen. Er zeigt bedrückend und detailreich, wie die Schwestern in ein überfülltes Schlauchboot steigen. Zeigt ihre Verzweiflung, als der Motor ausfällt und das Boot mit Wasser vollläuft. Und die Wut und Fassungslosigkeit darüber, dass die Küstenwache ihnen nicht hilft. Als das Boot zu sinken droht, entscheiden Yusra und Sara, ins Wasser zu springen, um das Boot leichter zu machen. Nur durch ein Seil mit dem Boot verbunden, schwimmen sie drei Stunden lang durchs Meer, bis sie Lesbos erreichen.

 

In „Die Schwimmerinnen“ dominieren diese bildgewaltigen, emotionalen Szenen – oft unterlegt mit arabischer Musik –, die einem die Brust zusammenziehen. Gleichzeitig zeigt der Film die jugendliche Naivität, mit der sich Yusra und Sara auf den Weg nach Europa machen. Zu Beginn scheint es, als planten sie ein Abenteuer, scherzen noch darüber, bald im Berliner Berghain feiern zu können. Dass dieses sorgenlose Leben endgültig vorbei ist, belegen milchig weiße Rückblenden, die die glückliche Familie in Damaskus zeigen. Gegengeschnitten sieht man Yusra im Mittelmeer schwimmen, um sie herum nichts als Dunkelheit. Schwimmen ist es, was Yusra motiviert, nicht aufzugeben: weder auf Lesbos noch an der serbisch-ungarischen Grenze oder im Zelt auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, das sie sich mit sechs anderen Frauen teilen muss.

Flüchtende sind hier keine Opfer, sie sind Handelnde

„Die Schwimmerinnen“ ist somit auch ein Film über weibliche Emanzipation und den Ehrgeiz zweier arabischer Frauen, sich in einer patriarchalen Welt zu behaupten. Flüchtende sind hier keine Opfer, sie sind handelnde Menschen. Durch diese Erzählweise macht der Film zwar Hoffnung, erinnert gleichzeitig aber daran, dass es nicht alle lebend über das Mittelmeer schaffen.

Yusra, die heute UNHCR-Sonderbotschafterin ist und in Los Angeles studiert, erfüllte sich übrigens ihren Traum: Für das olympische Flüchtlingsteam nahm sie 2016 und 2020 an den Olympischen Spielen teil. Ihre Schwester Sara hat das Schwimmen hingegen aufgegeben. Sie kehrte nach Lesbos zurück, um Flüchtenden zu helfen. 2018 wurde sie wegen angeblicher Spionage und Menschenschmuggels festgenommen – laut Menschenrechtsorganisationen vorgeschobene Vorwürfe – und saß drei Monate in Untersuchungshaft. Ihr drohen 20 Jahre Gefängnis.

„Die Schwimmerinnen“ läuft bei Netflix.

Titelbild: Netflix

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.