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Und wie fühlen Sie sich dabei?

Die Zahl junger Menschen in psychotherapeutischer Behandlung wächst seit Jahren und ist in der Pandemie noch einmal gestiegen. Die 19-jährige Zoe* weiß wie es ist, eine Therapie zu machen

Therapie, Depression, Jugendliche, Corona

Auf Instagram und Snapchat wirkt es lange Zeit so, als sei Zoe ein unbeschwerter Teenager: Sie postet Storys mit Bärchenohren und herausgestreckter Zunge, tanzt und posiert mit Partybekanntschaften. „Das war eine Scheinwelt, alle dachten, mir geht es gut“, sagt Zoe heute. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Als sie 14 ist, traut sich Zoe vor lauter Schüchternheit nicht, Pommes bei McDonald’s zu bestellen. Mit 15 bekommt sie in der Schule kein Wort raus, klebt nur noch an ihrem Freund. Mit 16 vergräbt sie sich im Bett und verletzt sich selbst.

Zoe gehört zu den rund 823.000 Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die laut einem Report der Barmer Ersatzkasse im Jahr 2019 in psychotherapeutischer Behandlung waren. Damit hat sich die Zahl junger Patientinnen und Patienten innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend noch einmal verschärft. Nach Berechnungen der Kaufmännischen Krankenkasse hat es 2020 allein 60 Prozent mehr junge Menschen gegeben, die sich wegen Essstörungen behandeln ließen. Trotz der Zunahme an Hilfesuchenden scheinen viele Jugendliche mit psychischen Erkrankungen noch immer Angst davor zu haben, gesellschaftlich stigmatisiert zu werden, wenn sie über ihre Probleme sprechen – zum Beispiel von ihren Klassenkamerad:innen anders wahrgenommen oder gar ausgelacht zu werden.

Bei hohem Leidensdruck, sollte man sich frühzeitig Hilfe holen, sagt die Psychologin Julia Asbrand

Auch Zoe hat es lange vermieden, anderen von ihrer Therapie zu erzählen. Die Geschichte von Zoe, heute 18 Jahre alt, beginnt auf einem Kieler Gymnasium. Zoe lebt als jüngstes von vier Geschwistern zusammen mit ihren Eltern, drei Schlangen und drei Leopardgeckos. Ihre Mitschüler tragen Markenklamotten, sie trägt die alte Kleidung ihrer Schwestern. In ihrer Klasse isoliert sie sich, zu Hause scrollt sie durch Insta-Fotos mit traurigen Hashtags. „In dieser Welt habe ich mich wohlgefühlt“, sagt sie. Als ihre Noten schlechter werden, wechselt sie auf eine Gemeinschaftsschule. Sie lernt neue Leute kennen, verliebt sich in einen Mitschüler. Aber außer mit ihm spricht sie auch in der neuen Klasse bald schon mit niemandem mehr, zu ihren Eltern geht sie genauso auf Abstand. Dass Zoe sich zu dieser Zeit zum ersten Mal selbst ritzt, erzählt sie lange niemandem.


Was tun, wenn ich Hilfe brauche?

Wenn es dir über Wochen hinweg psychisch schlecht geht, wende dich an Profis.

Beim Kinder- und Jugendtelefon gibt es Beratung am Telefon (0800-111 0 333), im Chat und per Mail. Mit dem „Krisenchat“ kann man, wenn es einem schlecht geht, über Whatsapp Kontakt aufnehmen. Bei der Mailberatung „U25“ der Caritas unterstützen speziell ausgebildete junge Erwachsene Gleichaltrige mit Suizidgedanken. „Fideo“, die Informationsplattform der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, bietet jungen Menschen moderierte Selbsthilfe-Foren an. Alle Angebote sind kostenlos und anonym. 

Julia Asbrand, Professorin für klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie und -psychotherapie an der Humboldt-Universität Berlin, kennt die Alarmsignale von Jugendlichen in seelischer Not: Sie kriegen weniger auf die Reihe, treffen sich nicht mehr mit Freunden, die Noten fallen ab. Diese Anzeichen jedoch abzugrenzen von der Pubertät – einer hochemotionalen Phase mit hormonellen und kognitiven Veränderungen – sei für das Umfeld der betroffenen Person nicht immer einfach. Ganz entscheidend ist laut Asbrand die Frage: Gibt es einen Leidensdruck? Beeinflusst also das eigene Verhalten den Alltag? „Dann sollte man sich Hilfe suchen – nicht erst, wenn man schon Hilfe braucht, sondern schon dann, wenn man sich Sorgen macht, dass man Hilfe brauchen könnte.“

Bis Zoe sich in einer Whatsapp-Nachricht ihrer Schwester anvertraut, vergehen Monate. Als sie ein paar Tage später mit ihrer Mutter in die Stadt radelt, sagt die: „Man muss auch mal weinen dürfen.“ Schlechte Phasen habe die Mutter von Zoes Geschwistern gekannt, sagt Zoe, vielleicht habe sie sie deshalb nicht richtig ernst genommen.

Trotzdem kontaktiert die Mutter einige Psychotherapeuten, ohne Erfolg: Keiner hat freie Termine. Dahinter steckt ein strukturelles Problem: Gesetzlich versicherte Menschen warten laut dem Verband für psychologische Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen im Schnitt ein halbes Jahr auf einen ambulanten Therapieplatz. In Zoes Familie wird das Thema danach totgeschwiegen. Erst Wochen später vertraut sich Zoe auf Drängen ihres Freundes ihrer Hausärztin an. Die drückt ihr direkt eine Überweisung inklusive der Telefonnummer einer Psychotherapeutin in die Hand. Es vergehen Tage, bis Zoe sich überwinden kann und anruft. Doch diesmal hat sie Glück: Noch im selben Monat kann sie für ein Erstgespräch vorbeikommen.


Wer eine Therapie anfangen möchte, kann bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung PsychotherapeutInnen in seiner Nähe finden oder per Telefon (bundeseinheitlich 116 117) einen Termin vereinbaren lassen. In akuten Krisen, wende dich an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie in deiner Nähe (eine Datenbank gibt es hier unter „Versorgungsangebote“). Dort kann man ohne Termin vorbeigehen. Wer sich das nicht traut oder das Gefühl hat, dass er oder sie nicht mehr kann: Direkt die Polizei (110) anrufen.

Zoes Diagnose: schwere Depression und soziale Phobie

Oktober 2018. Zoes erste Therapiestunde führt sie in eine gemütlich eingerichtete Dachgeschosswohnung. Der freundlichen fremden Frau ihr gegenüber erzählt sie, dass sie Cello spielt und Hip-Hop und Contemporary tanzt. Dass sie zu Hause oft Streit hat – zuletzt an diesem Morgen, als die Mutter den Therapieantrag unterschreiben sollte und enttäuscht war, dass Zoe ihr nicht früher davon erzählt hatte. Und davon, dass sie antriebslos ist und im Leben manchmal keinen Sinn sieht. Die Diagnose teilt ihr die Therapeutin nur wenig später mit: eine schwere Depression und eine soziale Phobie.

Zoe realisiert jetzt zum ersten Mal, dass sie wirklich Hilfe braucht. Zur Therapie geht sie von nun an jeden Montag um 13 Uhr. Wenn sie länger Unterricht hat, reicht sie eine Entschuldigung ein. Zu ihren Lehrerinnen sagt sie, sie müsse zum Arzt. Ihren Freundinnen erzählt sie aus Angst vor deren Reaktionen nichts davon. Auf Rat der Therapeutin führt sie ein Stimmungstagebuch, setzt Kreuze auf eine Skala und verbindet sie zu Kurven. Obwohl es sie unter Druck setzt, bei der Therapie auf Knopfdruck reden zu müssen, geht es ihr dadurch eine Weile besser. Doch dann kommt der Winter, und vor Zoe tut sich ein Loch auf. Im Bus schütteln sie Panikattacken. Sie schwänzt immer öfter die Schule und schläft von früh bis abends. „Das Aufstehen hat keinen Sinn ergeben, weil der Tag keinen Spaß gemacht hat“, erzählt sie.

„Die Idee, dass die Welt schlecht ist, man selbst schlecht ist und die Zukunft keinen Sinn ergibt, ist klassisch für Depressionen“, sagt die Psychologin Asbrand. Dazu kommen häufig körperliche Symptome: Unruhe oder wenig Energie zum Beispiel. Auch ein gesteigerter oder verminderter Appetit kann ein Anzeichen für eine Depression sein. Was viele nicht wissen: Wer gesetzlich versichert ist, kann ab einem Alter von 15 Jahren ohne das Einverständnis der Eltern nach einer Therapie suchen. Wer akut mit Suizidgedanken ringt, sollte schnellstmöglich Hilfe suchen, empfiehlt Asbrand: bei lokalen Kinder- und Jugendpsychiatrien – oder zur Not auch bei der Polizei. 

Montag, 28. Januar 2019: Über den Tag ihrer Einweisung spricht Zoe heute, als würde sie einen Film nacherzählen. Sie fährt an diesem Morgen nicht zur Schule, sondern zum Bahnhof, wo sie einen House-Track in Dauerschleife hört und den Zügen beim Ein- und Abfahren zusieht. Als sie sich nachmittags zur Therapie schleppt, gibt ihr Freund ihr einen Brief für die Therapeutin mit. Ein Hilferuf. Er wartet vor dem Hauseingang und wird später nach drinnen gebeten. Ob sie Suizidgedanken habe, fragt die Therapeutin. Zoe schweigt. „Haben Sie sie schon einmal so gesehen?“ Die Frage geht an ihren Freund. Der schüttelt den Kopf. Ein paar Augenblicke später hängt die Psychologin am Telefon mit einer Kieler Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. „Mir war alles egal in diesem Moment“, sagt Zoe.

„Nur weil man eine Therapie beginnt, ist es ja noch lange nicht vorbei“

In der geschlossenen Station ist sie drei Tage lang in der Krisenintervention, danach beginnt der Klinikalltag. Frühstück um acht, Klinikschule, Mittagessen, Gruppentherapie und Präsentationen zum Überwinden ihrer Redeangst, Abendbrot und gemeinsame Fernsehzeit. In dieser Zeit trennt sich ihr Freund von ihr. Auch ihr bester Freund meldet sich nicht mehr. Gleichzeitig lernt Zoe einen Jungen kennen, der wegen eines Suizidversuchs eingewiesen wurde. Die beiden nähern sich an, obwohl Körperkontakt zwischen Patienten verboten ist. „11.03.❤“, steht in ihrer Instagram-Bio: der Tag, an dem sie ein Paar werden.

Bis Zoe stabil ist, vergehen Monate. „Nur weil man eine Therapie beginnt, ist es ja noch lange nicht vorbei“, sagt sie. „Es ist ein langer Weg.“ Zwischenzeitlich wird sie aus der Klinik geworfen, weil sie sich zweimal betrunken hat. Sie fängt von vorne an. Sie sagt: „Ich wollte nicht, dass mein Neffe irgendwann fragt, wo seine Tante ist.“ Sie schluckt jetzt Fluoxetin, ein Antidepressivum. Und sie lernt, bestimmte Fertigkeiten, sogenannte „Skills“, gegen den Druck einzusetzen, sich selbst verletzen zu wollen: Seilspringen oder das Lutschen von Brausetabletten zum Beispiel. Im April darf Zoe zum ersten Mal wieder am Unterricht ihrer Schule teilnehmen. Ihr ist wichtig, dass ihre Klasse von ihrem Klinikaufenthalt weiß, also informiert sie die Lehrerin. Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler begrüßen sie mit dem Satz: „Schön, dass du wieder da bist.“

Im Dezember 2020 kommentiert Zoe ihre Geschichte unter einem Youtube-Video zum Thema Depressionen vom Onlinenetzwerk „funk“ in dem Talkformat „Auf Klo“. „Mir und meinem Freund hat der Klinikaufenthalt sehr geholfen, und mir ist wichtig, dass darüber gesprochen wird“, erklärt sie. Vor kurzem hat Zoe ihren Realschulabschluss nachgeholt, im Herbst beginnt sie eine Ausbildung zur Diätassistentin. „Mir geht es gut, aber ich will nicht behaupten, dass ich geheilt bin“, sagt sie. „Wenn man einmal anfällig dafür war, kann die Depression wiederkommen.“ Zoe hat gelernt, über ihre Sorgen zu sprechen. Wenn sie heute ihr Perfektionismus quält oder Schlafstörungen, wählt sie die Nummer der Schulsozialpädagogin. In Therapie ist sie seit einem Jahr nicht mehr, auch das Fluoxetin hat sie ausgeschlichen, also langsam und unter ärztlicher Betreuung abgesetzt. An die letzte Sitzung erinnert sich Zoes ganze Familie noch genau. „Sie haben Ihre Tochter zurück“, habe die Therapeutin am Ende gesagt. Vor Erleichterung hätten alle gelacht.

* Zoe heißt eigentlich anders. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

Titelbild: Jan Q. Maschinski

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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