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Vom Sie zum Er zum Ich

Nele dachte, sie sei ein Junge. Als sie dann einer war, erkannte sie den Irrtum

Nele

„Wie kann ich meine Brüste loswerden?“ Als Nele diese Frage bei Google eintippte, hatte sie schon eine längere Zeit des Leidens hinter sich. Obwohl es in der Schule gut lief und sie beliebt war, gab es viele traurige Momente – vor allem vor dem Spiegel: Mit 19 hasste sie ihre Brüste und ihre weiblichen Rundungen. Im Internet stieß sie schließlich auf den Begriff Transgender und entdeckte Gemeinsamkeiten zwischen sich und denen, die davon berichteten, im falschen Körper zu stecken. Von Selbstverletzungen war die Rede, von Suizidgedanken und Essstörungen. All das kannte Nele von sich selbst. Und dann las sie noch über eine sogenannte Mastektomie, die chirurgische Entfernung der Brust, die Transmänner unter bestimmten Voraussetzungen von der Krankenkasse bezahlt bekommen. Aber war sie das? Ein Transmann? Sollte auch sie ihren Körper verändern lassen?

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Nele, OP

Die OP, in der das Brustgewebe entfernt wird, bereut Nele bis heute nicht, weil sie nicht mehr so angestarrt wird

Mit diesen Fragen ging Nele zu einem Therapeuten. „Er hat mich dann direkt als Transgender diagnostiziert“, erinnert sie sich. Nach einem halben Jahr in Therapie wurde ihr das männliche Geschlechtshormon Testosteron verschrieben. Schon nach kurzer Zeit wurde ihre Klitoris größer, dann die Stimme tiefer, das Becken schmaler und die Brüste kleiner. Statt langen blonden Haaren und Kleidern trug Nele jetzt eine Kurzhaarfrisur – und in der Unterhose eine Penisattrappe. Auch in ihrem Personalausweis vollzog sich die Veränderung von einer Frau zum Mann: Aus Nele wurde Peer. 

Nele genoss es, von anderen nicht mehr als Frau angesehen zu werden. Kein Hinterherschauen mehr, kein Gegrapsche, auch im Beruf wurde sie plötzlich ernster genommen. „Als Frau bin ich das Mädchen, das als Hobby malt, als Mann bin ich ein professioneller Illustrator“, sagt sie.

Mithilfe einer Dating-App lernte sie den belgischen Transmann Elliot kennen. Die zwei trafen sich zum Kaffeetrinken, verstanden sich auf Anhieb gut und wurden ein Paar. Kurz darauf fand auch Neles lang ersehnte Brustentfernung statt. Für viele Transmenschen ist die Suche nach ihrem wahren Ich an diesem Punkt vorbei – nicht für Nele.

Mit Elliot führte sie weiterhin lange Gespräche über Menschen wie sie und die Art, wie sie von einem Großteil der Gesellschaft gesehen werden. Nele war der Überzeugung, im falschen Körper geboren zu sein, während Elliot glaubte, dass es nicht die Biologie, sondern die Gesellschaft ist, die einen Menschen zu einer Frau macht, zu einem Mann oder auch zu einer Transgender-Person. Dass es also nicht Neles Körper war, unter dem sie gelitten hatte, sondern das, was andere Menschen in diesem Körper gesehen hatten.

Tatsächlich fielen Nele die Blicke ein, die sie schon mit neun gespürt hatte, als sie in die Pubertät gekommen war und ihr Busen sich rasch entwickelte – weswegen sie nicht mehr mit freiem Oberkörper herumlaufen durfte. Die Art, wie die Jungs sie auf der Straße anschauten, hatte sich verändert, manche fassten sie sogar einfach an. „Plötzlich war ich nicht mehr ich, sondern sexy und wurde aufs Hübschsein reduziert“, sagt sie heute. Und dass der Wandel vom Kind zur Frau für sie gleichbedeutend gewesen sei mit dem Verlust von Freiheit und dem seltsamen Gefühl, zu einem Objekt degradiert zu werden.

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Nele

Nele als Junge hieß Peer. Das Testosteron hat die Gesichtszüge markanter gemacht

Nicht mit dem Körper war was falsch, sondern mit der Gesellschaft

„Wir leben leider auch in der westlichen Welt immer noch in einer patriarchalischen Gesellschaft. Das kann dazu führen, dass Frauen denken: ‚Ich möchte auch ein Mann sein, damit ich Macht habe und nicht mehr diskriminiert werde‘“, sagt der Psychologe Jan İlhan Kızılhan, der die Abteilung Transkulturelle Psychosomatik der MediClin Klinik am Vogelsang in Donaueschingen leitet. War das auch bei Nele der Grund? Dass sie nicht vor ihrem weiblichen Körper wegrannte, sondern vor dem, was andere mit diesem Körper machten? Heute sieht sie es so.

Von Nele zu Peer zurück zu Nele. „Detransition“ heißt es, wenn sich Transgender-Personen entschließen, ihre Umwandlung wieder rückgängig zu machen. Seit einem Jahr definiert sich Nele wieder als Frau. Die Östrogene machen ihre Gesichtszüge weicher und ihre Hüften breiter, nur die tiefere Stimme wird für immer bleiben. Ihren damaligen Entschluss bereut sie nicht, auch wenn sie sich mit ihrem heutigen Wissen anders entschieden hätte. Und mit ihrer Mastektomie ist sie immer noch zufrieden, weil sie wegen ihrer Brust nicht mehr sexualisiert wird.

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Nele

Das ist Nele heute. Ihr biologisches Geschlecht hat sie akzeptiert, die gesellschaftliche Rolle dahinter nicht

Nele glaubt, dass sie in der Zeit, als sie sich selbst verletzte und Suizidgedanken hatte, eigentlich gar nicht in der Lage war, eine derart weitreichende Entscheidung zu treffen. Psychologe Jan İlhan Kızılhan stimmt ihr zu: „Zuerst muss man die Störung behandeln und den Patienten stabilisieren. Dann kann man sehen, wie es weitergeht.“ Auch Andreas Steiert, Chirurg an der Meoclinic in Berlin, sagt: „Ich halte es für einen Kunstfehler, wenn man Patienten, die in einer Borderline-Symptomatik stecken, also in einer instabilen psychischen Situation, operiert.“

Neles Therapeut verfolgte damals den sogenannten affirmativen Ansatz, bei dem man davon ausgeht, dass durch die Transition Depressionen, Essstörungen und andere psychische Störungen weichen. Der Transformationswunsch wird dabei von Anfang an nicht hinterfragt oder beurteilt, sondern bejaht und unterstützt. Das soll den Leidensdruck der Patienten mindern. Darüber, ob Geschlechtsumwandlungen oft zu früh empfohlen werden, gibt es noch keine Studien. Fest steht aber, dass die Zahl der Behandlungen gestiegen ist – und auch die der Detransitionen.

Heute sieht sich Nele als Frau, weil es ihr biologisches Geschlecht ist, ohne daraus eine gesellschaftliche Rolle abzuleiten, die sie erfüllen muss. Sie hat ihre eigene Definition von Identität gefunden.

Fotos: privat

Anmerkung der Redaktion (07. Januar 2020)

Danke für die zahlreichen, zum Teil kritischen Rückmeldungen zu Neles Geschichte, auf die wir hier kurz eingehen wollen. Es ist in dieser Onlineversion weniger ersichtlich, aber der Artikel ist im Kontext des aktuellen fluter-Heftes zum Thema Wahrheiten erschienen. Wegen dieses Leitthemas hat die Redaktion entschieden, Neles Geschichte in den Mittelpunkt zu stellen – und nicht etwa die Debatten um Detransition, das sogenannte Gatekeeping oder therapeutische Ansätze.

Hier wird auf begrenztem Platz ein Einzelfall geschildert, der in keinem Fall pauschal für alle trans* Menschen zu verstehen ist; es gibt viele Menschen, die ganz andere Erfahrungen gemacht haben. Der Text vereinfacht an mancher Stelle bewusst, weil wir auch für jene schreiben wollen, die wenig Kontakt zu trans* Personen oder noch nie von einer Detransition gehört haben. Über die Vereinfachungen lässt sich ganz sicher streiten; wir wollen mit Neles Geschichte aber nicht für stärkeres Gatekeeping plädieren. Wir freuen uns, dass die Kritik unter dem Artikel einige Begriffe und Zusammenhänge noch mal reflektiert.

Statistisch hält sich der Artikel u.a. an die AWMF, die davon ausgeht, dass sich Zahlen zum Behandlungserfolg bei Geschlechtsdysphorie bislang höchstens schätzen und hochrechnen lassen. Die Zahl der Detransitionen ist gestiegen, scheint aber nach wie vor gering zu sein (Quellen u.a. hier). Weitere Studien laufen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

20 Kommentare
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Joy
  ·  
27.12.2020-11:12

Im Artikel heißt es, die Zahl der Detransitionen sei "stark gestiegen". Gibt es dazu einen Beleg wie hoch ist diese Zahl Prozentual, vor allem im Blick auf Menschen deren Leben durch eine Transition gerettet wird?

Schade auch, dass hier der Narrativ des biologischen Geschlechts weiter gefüttert wird. Hat man sich vor Verfassen des Artikels eingehend mit der Thematik befasst oder wurde hier einfach nur unkritisch Neles transfeindliches Wording (dass sie schon bei anderen Veröffentlichungen verwendet hat) aufgegriffen?

Es ist nämlich auch möglich, über Detransitionen zu schreiben, ohne damit Gewalt ggü trans Menschen auszuüben.
Schade, dass diese Chance hier wieder einmal vertan wurde und man lieber einen weiteren Artikel verfasst hat, der trans Personen langfristig weiterhin schadet.

Gast
  ·  
27.12.2020-11:12

Begrifflichkeiten wie Umwandlung sollten nochmal recherchiert werden. Da hatte ich vom Fluter mehr erwartet.

Windröschen
  ·  
27.12.2020-11:12

Das Problem ist, dass bei diesem Artikel nicht erwähnt wird, dass die Zahl der Transitionen und Detransitionen von Transmännern stark gestiegen ist, nicht die der Transfrauen! Das ist insofern problematisch, da dadurch zum Beispiel wie jüngst in Großbritannien zu beobachten die Behandlung von Transfrauen erschwert wird, was dazu führt, dass sie Hormone viel zu spät verschrieben bekommen, was wiederum ein Leben in Würde und Zufriedenheit unmöglich macht. Die Suizidrate ist bei Transfrauen mit Abstand am höchsten, was hauptsächlich am nicht vorhandenem Passing liegt, was nach einer durchlaufenen männlichen Pubertät so gut wie immer unmöglich wird.

Transmänner und Transfrauen haben unterschiedliche Ausgangslagen. Testosteron sorgt für körperliche Veränderungen an Stimme und der Skelettstruktur, die nur schwer bzw. gar nicht rückgängig gemacht werden können.

Umgekehrt kann ein Mensch, der eine Transition zur Transfrau nur mit weiblichen Hormonen durchlaufen hat, körperlich relativ problemlos wieder in sein bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht wechseln.

Das heißt es wäre sinnvoll wenn Hormone oder Pubertätsblocker bei Transfrauen früher und bei Transmänner später verordnet würden.

L H
  ·  
27.12.2020-01:12

Schämt Ihr euch nicht so einen transfeindlichen BS zu schreiben und zu veröffentlichen?! Nele hat sich schon so oft transfeindlich geäußert. TERFS, SWERFS und komplett unwissenschaftliche Inhalte sollten nicht andauernd gefördert werden. Unfassbar.

sabine b
  ·  
27.12.2020-04:12

Warum ist der Artikel transfeindlich? Ich verstehe es wirklich nicht, würde aber gern. Danke!

Windröschen
  ·  
27.12.2020-07:12

Ich glaub es geht um die generelle Stoßrichtung dass jetzt ein Backlash wegen den prominenten Detransitionsfällen stattfindet. Es wird oft unterschlagen dass das vor allem Transmänner sind, aber dann vor allem Transfrauen darunter leiden müssen. Das passiert vermutlich nicht mutwillig, aber schlecht recherhiert ist es schon. Früher, also vor 10 Jahren war das Verhältnis umgekehrt: es gab viel mehr Transfrauen als Transmänner. Durch patriarchale, heteronormative Gesellschaftstrukturen und durch die Präsenz des Themas in den Medien hat sich das umgekehrt. Ein Effekt ist auch peer group pressure der bei Frauen oft viel stärker ist. Da gibt es dann in einer Schulklasse oder Familie plötzlich zwei oder drei Transmänner, was allen vorherigen statistischen Wahrscheinlchkeiten widerspricht.

Nembis
  ·  
27.12.2020-11:12

Ich verwirrt der ultimative Anspruch auf ihre Sichtweise einiger Kommentatoren. Als zugegeben Außenstehender sehe ich hier keinerlei transfeindlichen Text. Es verwirrt mich, was alles in Geschlechtsanpassung statt Geschlechtsumwandlung hineininterpretiert wird. Dabei wäre Anpassung im Kontext der Detransition doch sogar falsch. Ebenso wir ein Satz, dass die Behandlungen zugenommen hat vollkommen überinterpretiert als sei er eine allgemeingültige, wissenschaftliche Statistik auf die alle verweisen würden.

Es scheint mir als dürfte man keinesfalls auch nur ein einziges Beispiel aufbringen, bei der eine Geschlechtsanpassung vielleicht doch zu hinterfragen wäre. Schließlich könnte das Beispiel anderen ihren Weg erschweren. Dabei muss man sich doch so oder so mit dem Thema, auch einer möglichen Fehlinterpretationen, auseinandersetzen. Und gerade in dem Beispiel war die Transition vielleicht sogar nötig um die Erfahrung sammeln zu können.

Nein, ich verstehe nicht wie diese vermeintlich hilfreichen, übersensiblen Reaktionen einen tatsächlich Betroffenen nachhaltig helfen. Oder vielmehr den Diskurs durch falsche Tabus erschweren. Aber bitte, klärt mich doch auf.

Windröschen
  ·  
28.12.2020-12:12

Weil jeder Detransitions-Fall von transfeindlich eingestellten Personen wie z.B. Rowling dazu benutzt wird, Stimmung zu machen. Ihre mediale Präsenz hat sicher mit dazu beigetragen, dass die frühzeitige Behandlung für alle Transmenschen in Großbritannien unmöglich gemacht wurde. Wir sprechen hier von einer der vulnerabelsten Gruppen überhaupt, deren Probleme für Außenstehende extrem schwer nachzuvollziehen sind. Aber trotzdem fühlt sich irgendwie jeder, der irgendwas aufgeschnappt hat, dazu bemüßigt, seinen Senf dazuzugeben. Dabei sind die Argumente oft leicht durchschaubar. Transfeindlichen Menschen geht es darum, Transpersonen wieder unsichtbar zu machen. Sie nehmen medial zu viel Raum ein und die Gegner träumen von Konversionstherapien und Zwangstherapie in der Psychiatrie.

L
  ·  
23.02.2021-09:02

Ich sehe, dass es auf den ersten Blick nicht wirklich trans* feindlich scheint, nach was hier geschrieben wurde. Nach dem ersten Lesen war ich verwirrt, warum ich ein ganz komisches Bauchgefühl hatte- aber dann bin ich bestimmte Stellen nochmal durchgegangen und es gibt schon einiges, was eine transfeindliche Perspektive füttert, und manches, was einfach nicht stimmt.

Es ist wichtig, dass Detransitionsgeschichten beschrieben werden. Aber ohne, dass dabei Halbwahrheiten verbreitet werden, und bitte mit Differenzierung.

Der Teil zur affirmativen Therapie wird unten noch mehr erläutert. Es ist sinnvoll, Personen ernst zu nehmen, und es sollte gemeinsam! überlegt werden, was sinnvoll ist. Und am Ende die Entscheidung bei der Person liegen. Hier ein Aufsatz zur Rolle der Therapie, der von Fachpersonen und sehr empfehlenswert ist: https://www.psykobell.de/dr-med-werner-ettmeier/link-zum-download/
Es ist wichtig, dass Personen, die das wollen, den Raum haben, sich im Thema trans* zu hinterfragen. Dass sie Unterstützung bekommen, wenn sie Schwierigkeiten mit gesellschaftlichen Rollen haben, und sich damit außeinandersetzen wollen. Dass die Erwartungen an das Leben nach einer Transition besprochen und realistisch eingeschätzt werden. Dass Personen nicht in die Richtung trans* gedrängt werden- aber das ist in guter Therapie auch alles selbstverständlich. Nele hat schlechte Erfahrungen gemacht- aber damit einen gesamten Therapieansatz schlecht zu reden ist unwissenschaftlich und Unsinn.
Trotzdem kann es vorkommen- ein Grund, warum die Geschichten von Detransitionen erzählt werden sollten!

Am Ende sollte jede Person es frei entscheiden, ob sie Therapie will, oder nicht. Nele hätte sich auch das Gesicht tattoowieren können oder andere schwerwiegende Entscheidungen treffen können. Niemand käme im Nachhinein auf die Idee, zu sagen, der Staat hätte es ihr verbieten sollen. Sie ist eine erwachsene Frau darf selbst entscheiden- muss aber dafür auch die Verantwortung übernehmen.

Indirekt stimmt der Artikel außerdem auch der Theorie Elliots zu, dass die Geschlechtsidentität etwas rein gesellschaftliches sei. Dadurch, dass Nele am Anfang eine andere Meinung hat, jetzt aber im Nachhinein es auch so sieht und Entscheidungen bereut.
Es gibt zwar schon ein paar Vertreter*innen dieser Meinung, aber SO VIEL Forschung unterstützt die These, das Geschlechtsidentitäten auch biologischen Zusammenhang haben. Dass es tatsächlich Menschen gibt, auf die das Bild im falschen Körper geboren passt.
Geschlecht ist eine Identität und fließend, ein Spektrum, komplex und schwierig, definitiv nicht binär. Bei vielen trans* Personen aber auch irgendwo biologisch ersichtlich. Da geht es um Hormonlevel, die auf den Fetus eingewirkt haben, oder Muster im Gehirn, die bei trans* Frauen aussehen wie bei cis* (= nicht trans*) Frauen. Es gibt Fachliteratur und Bücher darüber, bisschen suchen und ihr findet was!

Wenn eine Meinung in der Forschung eher kritisch gesehen wird und eine andere These anerkannter ist, sollte das auch in einem guten Artikel zumindest kurz aufgegriffen werden. Oder darauf eingegangen werden, dass es nur eine Sicht ist. Keine Wahrheit.

Dann die indirekte Unterstützung von dem Gedanken, dass trans* Personen noch mehr hinterfragt werden sollten, bevor sie Entscheidungen treffen dürfen. Ich persönlich kann mich um einiges besser mit der Frage, ob ich Hormone nehmen will, außeinandersetzen, seit ich es theoretisch dürfte. Ich muss niemandem mehr irgendwas beweisen, sondern es geht darum, was ich will. Eine Frage, ein Zweifel, der mir bedrohlicher schien, als ich gefühlt darum kämpfen musste, die Möglichkeit von bestimmten geschlechtsangleichenden Maßnahmen zu bekommen.

Das schwierige an der Geschichte ist, dass sie so viel mehr ist als eine Geschichte. Dass sie bestimmte Meinungen indirekt oder auch direkt unterstützt, ohne das ganze differenziert zu sehen.
Und gerade für Personen, die sich wenig mit dem Thema außeinandersetzen, Dinge vereinfacht, die ein Bild bestärken, dass trans* Personen nicht wissen, was gut für sie ist. Ich glaube wirklich, dass Detransitionsgeschichten wichtig sind. Ich will sie aber lesen können, ohne mir zu denken, dass Personen, die sich nicht weiter einlesen, trans* schädigende Aussagen als Wahrheit mitnehmen.

a trans person
  ·  
28.12.2020-07:12

Geschlexhtsanpassende Operationen können gar nicht "zu früh" empfohlen werden, die Bestimmungen dazu lassen das gar nicht zu. Und wenn ihr euch so für das Thema interessiert, macht doch gleich noch nen Beitrag dazu welche Auswirkungen ein nicht-affirmativer Ansatz auf die Suizidalität von trans Menschen hat. Und wenn es den schon gibt, verlinkt ihn doch bitte in Artikel.
Ich freu mich dass Nele jetzt einen Weg gefunden hat, mit sich im Guten zu sein, Neles Geschichte sollte aber keine Einladung sein, das Gatekeeping zu erhöhen, wie es im Artikel angedeutet wird.

Tristan
  ·  
28.12.2020-08:12

Die Berichterstattung dieses Artikels ist beunruhigend tendenziös und suggestiv.

So wird hier zum Beispiel geschrieben:

"Neles Therapeut verfolgte damals den sogenannten affirmativen Ansatz, bei dem man davon ausgeht, dass durch die Transition Depressionen, Essstörungen und andere psychische Störungen weichen. Der Transformationswunsch wird dabei von Anfang an nicht hinterfragt oder beurteilt, sondern bejaht und unterstützt."

Erst einmal: Was soll die gewählte Sprache (im ganzen Artikel)? "Transformationswunsch"? Es ist der Wunsch zur Transition. Diese Wortneuschöpfungen sind hier fehl am Platz. Trans Menschen sind schließlich keine Autos, die sich in Roboter verwandeln.

Aber auch faktisch ist dieser Abschnitt simpel falsch. Eine Diagnose beruht darauf, dass sich ein Therapeut sehr intensiv mit der ganzen Symptomatik der Patient*innen auseinander setzt. Dabei wird auch abgrenzt, ob andere Erkrankungen vorliegen und ob sich eventuelle aktuelle psychische Probleme mit der Transition klären würden oder nicht. Es wird nicht einfach und grundlos davon ausgegangen, dass sich eine Essstörung einfach so löst, nur weil eine Transition stattfindet. Kein*e seriöse*r Therapeut*in würde das einfach annehmen.

Nun gibt es, wie in allen Berufszweigen, auch schlechte Therapeuten, zu allen Themen. Davon kann man aber keinen allgemeinen Behandlungsstandard ableiten und das dann als "affirmativ" bezeichnen. Affirmativ bedeutet, Transidentität als erst einmal gegeben anzunehmen und dann sorgfältig auszuloten, wie die aktuelle Situation ist, was für andere Faktoren vorliegen, was es für andere (auch psychische) Erkrankungen gibt und wie sich das Alltagsleben gestaltet. Das ist durchaus ein Hinterfragen, nur eben nicht in dem Sinne, dass Patient*innen als unglaubwürdig oder fehlgeleitet behandelt werden. Stattdessen wird hinterfragt, wie der Leidensdruck aussieht und was Patient*innen helfen wird, authentisch sie selbst zu sein.

Außerdem sind hier auch Sätze extra suggestiv formuliert. Zum Beispiel dieser:

"Darüber, ob Geschlechtsumwandlungen oft zu früh empfohlen werden, gibt es noch keine Studien."

Erst einmal: Es gibt Zahlen zu Detransition, hier wird also die Wahrheit verdreht. Wir haben eine sehr gute Vorstellung davon, wie oft eine Transition "fälschlich" unterstützt wird. Diese Zahlen liegen nicht bei Null, aber sie sind auch nicht besorgniserregend hoch.

Der Begriff "Geschlechtsumwandlung" ist hier außerdem irreführend. Kein*e Therapeut*in "empfiehlt eine Geschlechtsumwandlung", das ist völliger Unsinn. Eine "Geschlechtsumwandlung" in diesem Sinne gibt es nicht.

Ein*e Therapeut*in erstellt basierend auf den Angaben der Patient*innen erst einmal eine Diagnose und hilft bei der Beantragung einer Kostenübernahme für die therapeutische Begleitung. Man reflektiert mit den Patient*innen Alltagsprobleme und unterstützt bei der SOZIALEN Transition, das heißt, das Leben in dem Geschlecht. Dabei finden Patient*innen für sich selbst und Stück für Stück heraus, wie sie sich mit diesem Leben fühlen, ob sie glücklich damit sind oder nicht und welche Angleichungen sie benötigen.

Zusätzlich kann ein*e Therapeut*in Empfehlungen und Gutachten schreiben, die beispielsweise Endokrinolog*innen vorgelegt werden können, um eine Hormontherapie zu beginnen. Das wird aber auf den Wunsch der Patient*innen getan und nicht forciert oder gar "empfohlen".

Die Anpassung von äußerlichen Charakteristika, zum Beispiel eine Mastektomie wie bei Nele, werden bei der Krankenkasse beantragt. Auch das wird nicht "empfohlen", sondern muss von Patient*innen mühsam und auf eigene Initiative erkämpft werden.

Wovon wird hier also geredet, wenn gesagt wird, es wird "zu oft eine Geschlechtsumwandlung empfohlen"? Wird die Diagnose zu oft gestellt? Wird zu oft eine Hormontherapie vorgenommen (die man in der Regel erst nach 6-12 Monaten Therapie erhält)? Werden zu oft chirurgische Anpassungen vorgenommen? Diese schwammige Formulierung ist tendenziös und unseriös und lässt offen, welche Verbesserung überhaupt angestrebt werden soll.

Genauso tendenziös: "Fest steht aber, dass die Zahl der Behandlungen stark gestiegen ist – und auch die der Detransitionen."

Ja klar, wenn der Anteil von Detransitioniern 1% ist, und statt 100 Menschen plötzlich 1000 Menschen eine Transition durchführen, dann sind das 10 Menschen statt nur noch 1. So funktionieren Prozentzahlen! Für solche Erkenntnisse muss man kein Atomphysiker sein, aber sie machen sich sehr gut, wenn man diffuse Angst schüren will.

Jetzt noch etwas Persönliches: Ich bin Borderliner und transgender. Beides bin ich lebenslänglich, denn Borderline ist wie z.B. Alkoholismus nichts, was "geheilt" wird. Man lebt mit der Symptomatik sein Leben lang. Das ist nicht schön, aber es ist Realität.

Hier wird (ohne jede Einordnung!) zitiert:

„Ich halte es für einen Kunstfehler, wenn man Patienten, die in einer Borderline-Symptomatik stecken, also in einer instabilen psychischen Situation, operiert.“

Wenn mir aufgrund meines Borderline LEBENSLÄNGLICH die Möglichkeit, über meinen eigenen Körper entscheiden zu können, abgesprochen werden würde: Das wäre fatal.
Hätte man mir meine Transition, nur basierend auf einer weiteren Erkrankung, verwehrt, wäre ich heute nicht in meiner aktuellen stabilen Lebenssituation. Solche absoluten Aussagen sind einfach unseriös und verkennen die komplexen Zusammenhänge zwischen psychischen Krankheiten wie Borderline und Transidentität. Ob eine aktuelle vorliegende Borderline-Diagnose wirklich ein Hinderungsgrund für operative geschlechtsangleichende Maßnahmen ist, das entscheiden WENN dann die behandelnden Ärzt*innen und Therapeut*innen. Eine solche (NACHTRÄGLICHE!) Ferndiagnose braucht niemand.

Insgesamt hätte ich vom Fluter einfach deutlich mehr erwartet.

Sheela
  ·  
30.12.2020-10:12

Danke für diesen differenzierten, informierten Beitrag!! Hier schreibt eine Person, die sich im Gegensatz zum*zur Verfasser*in wirklich mit dem Thema auskennt.

Juliana
  ·  
28.12.2020-09:12

"Neles Therapeut verfolgte damals den sogenannten affirmativen Ansatz, bei dem man davon ausgeht, dass durch die Transition Depressionen, Essstörungen und andere psychische Störungen weichen."

Es ist halt schlicht und einfach eine glatte Lüge, dass beim affirmativen Ansatz davon ausgegangen würde. Es wird nicht von der absurden Annahme von Herrn Kızılhan ausgegangen, man müsse alle Komorbiditäten bereits beseitigt haben, bevor man eine Transition beginnen kann. Das bringt Leute in einen Teufelskreis, weil die Dysphorie diese Komorbiditäten selbstverständlich mit bedingt.

Ihr seid von der Bundeszentrale für politische Bildung, ja? Es ist zum Verzweifeln, bald haben wir Zustände wie in Großbritannien.

Windröschen
  ·  
29.12.2020-11:12

Letztlich ist es halt immer noch so dass man bei psychischen Erkrankungen wie auch beim Phänomen Transidentiät letztlich auf die Angaben des Patienten angewiesen ist. Es gibt keine Brainscans mit denen man sichere Diagnosen stellen kann, sondern nur Anhaltspunkte die eine epigenetische Ursache für Transidentät nahelegen.

Ich war zuerst bei einer Therapeutin die Gatekeeping statt eines affirmativen Ansatzes verfolgt hat. Sprich: hunderte Therapiestunden in denen wir uns im Kreis gedreht haben und sie an mir als Privatpatientin sicher gut verdient hat. Besser ging es mir damit nicht. Als ich dann von selbst Schritte unternehmen wollte hat sie immer meine Zweifel betont. Damit habe ich mehrere Jahre verloren in denen die Hormone besser gewirkt hätten, da ich jünger war und auch sonst hätte sich mein Leben vermutlich besser entwickelt.

Niemand kann in den Kopf einer Person mit Geschlechtsdysphorie hineinsehen. Es gibt nur Anhaltspunkte und letztendlich muss der oder die Betroffene die Entscheidung selbst fällen. Selbst Kinder müssen diese mit der Unterstützung ihrer Eltern und Therapeuten selbst fällen, ihnen einfach wie in Großbritannien die Behandlung zu verweigern wird schlimme Folgen haben.

Marie
  ·  
28.12.2020-10:12

Achim
  ·  
29.12.2020-09:12

Wow.
Ich habe ein trans Kind. Seit 7 Jahren glauben wir unserem Kind das, was es schon immer wußte, und uns seit es sprechen konnte, schon sagte. Im Gegensatz zu Ihrer Redaktion haben wir uns seit Jahren sehr stark mit dieser Thematik beschäftigt. Vor ca. Einem Jahr begegnete mir eben genau Nele erstmals im Internet. Natürlich kann ich nicht ausschließen, daß in D so etwas möglich ist, was Nele für sich beschreibt. Aber bei keinem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen, wirklich bei niemandem den ich bei Trakine oder auch unserer eigenen Familiengruppe kennenlernen durfte, ist ein solches Prozedere, wie von ihr beschrieben vorgekommen. Solch ein Prozedere hätte definitiv auch nichts mit dem affirmativen Ansatz zu tun. Im Gegenteil: Vorgesehen/empfohlen wird hier eine umfangreiche Breite Aufklärung der Kinder/Jugendlichen und deren Eltern und auch des Umfeldes über alle Risiken und Chancen. Hier empfehle ich Ihrer Redaktion dringend eine genauere Recherche statt einseitiger Berichterstattung. Ein einfacher Einstieg wäre hier die Veranstaltung des deutschen Ethikrates zum Thema trans Kinder. Was den affirmativen Ansatz zunächst ausmacht, ist, daß man dem Kind GLAUBT und es ERNST NIMMT. Was gute verantwortungsvolle Ärzte dann daraus machen, beschreibt Dr. Romer beim Ethikrat gut.
Zurück zu Nele. Wir beschäftigen und seit Jahren intensiv mit dem Thema Blocker, Hormone und eventuelle OPs. Mit unserem Kind. Und mittlerweile 4 derzeit involvierten Ärzten. Mein Kind ist fast 13 Jahre alt. Und scheint zum Thema sicherer zu sein (sagen nach 7 Jahre mittlerweile 6 Ärzte) als Nele (und ihr einer Arzt) es beschreibt. Aber natürlich: Absolute Sicherheit besteht nie...
Nach mittlerweile vielen langen Gesprächen mit Ärzten, trans Menschen und nicht binären Menschen schätze ich vieles von dem, was Nele erzählt als überaus unklar ein. Daß bei Ärzten die unser Kind oder viele andere uns bekannten Kinder behandeln, Nele klar als trans Person diagnostiziert würde, hielte ich für eher sehr unwahrscheinlich (wenn mit offenen Karten gespielt wird).
Wie sensibel dieses Thema für die betroffenen Menschen ist, wissen Sie sichtlich nicht. Natürlich darf man über Detranstionierer schreiben. Wenn das aber derart einseitig geschieht, wie von Ihnen hier praktiziert, diskreditiert das nicht nur behandelnde Ärtze, die nach WHO, den Empfehlungen auch der Dt. Leitlinienkommission und des Dt. Ethikrates behandeln, sondern gefährdet auch die Gesundheit von Menschen. Und zwar nicht nur von trans Menschen, sondern auch sichtlich die von Menschen wie Nele, die nach allem was sie sagt, medizinisch und therapeutisch nicht gut betreut war und schlecht beraten wurde. Aber das hat eben gerade nichts, wirklich gar nichts mir dem affirmativen Ansatz zu tun.

Silas
  ·  
29.12.2020-09:12

Das größte Problem welches zu Detransitionen führt sind überschnelle Diagnosen von Therapeuten und Menschen, die ihre Transition selbst in die Hand nehmen und zahlen. Der affirmative Ansatz ist etwas, das in den allermeisten Fällen zu einer starken Besserung der Symptome fühlt. Meine Essstörung hätte man ohne Hormontherapie nicht wegbekommen. Da muss man halt gucken, ob das zusammen hängt. Sehr unausgeglichener Artikel, und sehr unangenehm zu lesen. Viele Leute werden sich durch diesen Artikel in ihrer transphoben Meinung bestätigt sehen.

Sabine B.
  ·  
29.12.2020-10:12

Als Außenstehende empfand ich den Text(und empfinde ihn immer noch) nicht als transfeindlich, kann ich wahrscheinlich auch garnicht aus meiner Position. Mich hat er neugierig gemacht.

Und einige Informationen hab ich durch eure offenen und erläuternden Kommentare bekommen.

Vielen Dank dafür!

Achim
  ·  
30.12.2020-11:12

Hallo Sabine B. Was Außenstehenden nicht bewußt sein kann, ist, wie stark sich ‚Meinungen’ die sich aus ‚ich habe das Gefühl, daß...‘ oder persönlichem ‚ich glaube ja, daß...‘ zusammen setzten bei vielen queeren Themen genau durch solche massiv einseitigen Darstellungen zu einer ausgrenzenden und feindlichen Haltung führen. Denken Sie an das Thema Pädophilie. Homosexuelle Menschen (mittlerweile auch trans Menschen) werden werden durch falsche Aussagen hier gegen alle Wissenschaft noch immer massiv kriminalisiert.
Auch wird bewußt versucht Eltern wie uns oder nach deutschen Leitlinien behandelnde Ärzte durch einseitige Darstellung wie bsw. Blocker-/Hormongabe bei Jugendlichen sind ‚erwiesenermaßen schädlich‘ oder ‚sind nicht genügend erforscht’ massiv zu diskreditieren. Solche Darstellungen zeigen aber leider nur einen kleinen Teil der Wahrheit. Massive Nebenwirkungen haben nämlich auch andere Dauermedikationen (wie bsw. Psychopharmaka) oder ein Auslassen von Medikationen. Werden bsw. Blocker oder auch Hormone bei Wachstumsstörungen oder anderen hormonellen Erkrankungen nicht gegeben, würden sehr viele Kinder in ihrem späteren Leben massivste Einschnitte erleben müssen. In meiner Naivität habe ich unseren Endokrinologen wegen der hohen Anzahl von Kindern im Wartezimmer gefragt, ob er denn viele trans Kinder behandelt. Die Antwort war ‚mehr als andere Kollegen, aber nur sehr wenige Kinder in unserer Praxis sind trans‘.
Wenn Sie neugierig sind kann ich Ihnen den Video-/Audiobeitrag des Dt. Ethikrates zum Thema trans Kinder empfehlen. Zu Gast waren dort auch der in den Medien gerne auftretende Korte mit seiner einseitigen Darstellung oder auch der trans Mann Amelung, beide deutlich gegen den affirmativen Ansatz aufgestellt, aber auch andere. Als wirkliche breite Information zum Thema sehr zu empfehlen.

Windröschen
  ·  
30.12.2020-01:12

Die Argumente transfreindlicher Menschen werden durch solche Artikel vermeintlich untermauert: A la "es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche die durch den affirmativen Ansatz zur Transition gedrängt werden, obwohl sie gar nicht trans sind." Damit kann man dann natürlich wunderbar Richter und Politiker dazu bringen die ganze Gatekeeping-Maschinerie wieder aufzubauen und medizinische Behandlung jahrelang für alle verweigern.