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Leben nach dem IS

Im Irak beginnen Jugendliche wieder aufzubauen, was der Krieg zerstört hat – mit Graffiti, Volleyball und Lesungen

Mossul

Am Eingang von Top Zawa, einem Dorf in der Provinz Ninive im Nordirak, nicht weit von Mossul, ist die Zerstörung nicht zu übersehen: die Skelette der von Granaten zertrümmerten Gebäude, die von Maschinengewehren durchlöcherten Hauswände, die zerbombten Überbleibsel einstiger Dächer. Auch die verkohlten Fahrzeuge, die der sogenannte Islamische Staat einst für seine Autobomben nutzte, hat vier Jahre nach der Befreiung noch immer niemand weggeräumt. Inmitten der Ruinen liegt ein Sportplatz, auf dem eine Gruppe Teenager, die meisten von ihnen Jesidinnen, Volleyball spielt, als sei es das Normalste der Welt.

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Ranin
Ranin ist in der Ninive-Provinz aufgewachsen – bis Kämpfer des IS in ihr Dorf eingefallen sind

„Wenn wir auf dem Platz stehen, spielen wir einfach. Ich denke nicht daran, ob meine Gegnerinnen Christinnen sind oder Musliminnen. Alles, was zählt, ist der Sport“, sagt Ranin. Sie und ihre Freundin Nargez sind Volleyballspielerinnen in der Jugendmannschaft von Bartella, einem Dorf 40 Kilometer von Top Zawa entfernt. Jede Woche spielen sie gegen die Teams aus den Nachbardörfern, gegen Menschen aller Konfessionen und Minderheiten.

Ermöglicht wird das von einem Projekt namens United For Peace (Gemeinsam für den Frieden), das von der italienischen NGO Un Ponte Per, von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und dem deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert und aufgebaut wurde, um den sozialen Zusammenhalt in der Ninive-Ebene zu stärken.

 In Ninive ist Rausgehen und Volleyballspielen viele Jahre alles andere als normal gewesen, erzählt Ranin. Sie ist heute 17 Jahre alt und hat hier in der Provinz gelebt, bis die Kämpfer des IS in ihr Dorf einfielen. „Als wir geflohen sind, habe ich nicht daran geglaubt, dass wir jemals wieder zurückkommen werden“, erinnert sich Ranin.

„Mein Vater wurde vom IS entführt. Wir wissen bis heute nicht, was mit ihm passiert ist.“ Ihre 19-jährige Freundin Nargez hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen: „Der IS hat unser Land und unsere Häuser besetzt. Ich bin mit meiner Familie in der Nacht geflohen, und wir sind tagelang durch die Berge geirrt.“

Nargez und Ranin sind zwei von Tausenden Jesidinnen und Jesiden, die vor dem IS fliehen mussten. Im Juni 2014 eroberten die Terroristen des Islamischen Staats die Provinzhauptstadt Mossul und brachten fast die gesamte Region unter ihre Kontrolle. Laut Amnesty International hat der IS im Nordirak „ethnische Säuberungen“ von historischem Ausmaß durchgeführt, als die Terroristen nichtarabische und nichtsunnitische Gemeinden angriffen, Tausende Menschen ermordeten und mehr als 830.000 in die Flucht trieben.

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Volleyball
Der Ball ist rund und Religionszugehörigkeit auf dem Platz egal: Ranin und ihre Mitspielerinnen treten jede Woche gegen Teams aus den Nachbardörfern an

Zuvor hatten hier in Ninive ethnische und religiöse Minderheiten wie assyrische Christen, turkmenische Schiiten, Schabaken, Jesidinnen, Kakai oder Mandäer gemeinsam und in Frieden zusammengelebt. Heute, vier Jahre nach Abzug des IS, ist die Versöhnung all dieser Gruppen eine der größten Herausforderungen für die Region. Und noch immer leben rund 250.000 Irakerinnen und Iraker, die vor dem IS sind, in den Geflüchtetenlagern im Norden des Landes. Viele von ihnen können oder wollen nicht nach Hause zurückkehren, weil in ihren Dörfern inzwischen Milizen die Kontrolle übernommen haben. So wie in Ranins Heimatdorf, das nun von der regierungsnahen schiitischen Miliz Shi'ite al-Hashd al-Sha'bī beherrscht wird.

Kunst, Sport und Kultur sollen die zerrissene Gesellschaft wieder vereinen

Vor allem einige junge Leute hoffen nun, dass Sport, Kunst und Kultur dazu beitragen können, die zerrissene Gesellschaft wieder zu vereinen. „Der Prozess des Dialogs ist für ein Land wie den Irak schwierig, weil es in den letzten Jahren so viel Gewalt gegeben hat und bei vielen noch immer der Wunsch nach Rache an den Tätern oder vermeintlichen Tätern besteht“, erklärt Martina Pignatti Morano, Leiterin des Peacebuilding-Programms der NGO Un Ponte Per. „Gerade junge Menschen haben aber kreative Ideen und Lösungen, um die Versöhnung zu fördern, und deshalb ist es wichtig, sie dabei zu unterstützen. Kunst, Sport, Kultur und Bildung sind ein Weg, um Extremismus vorzubeugen.“

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7Arts Collective
Was Buntes drüber: Rasul (rechts im Kittel) und andere Mitglieder des 7Arts Collective übermalen Einschusslöcher und IS-Slogans

Am Straßenrand auf dem Weg in die Provinzhauptstadt Mossul stehen nacheinander Posten kurdischer Milizen, der irakischen Armee, schiitischer Milizen, dann wieder jene der irakischen Armee. Am Eingang der Stadt malt eine Gruppe junger Menschen in weißen Umhängen Graffitis an eine Wand. Sie malen die Köpfe von Jack Sparrow, Salvador Dalí und der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid. „Nach dem IS, nach all dem Leid, das wir erlebt haben, wollten wir uns wieder als Teil dieser Gemeinschaft fühlen“, sagt Rasul, 20, Literaturstudent aus Mossul. „Wir wollen sie besser machen, wir wollen sie bunt anmalen, und wir wollen Verantwortung übernehmen für den Ort, an dem wir leben.“

Kaffee und Bücher bringen in Mossul den Alltag zurück

Rasul ist Teil des 7Arts Collective, einer Gruppe von Studierenden, die sich 2017 zusammengefunden hat. Jede Woche treffen sich die Freiwilligen, um Farbe in die heruntergekommenen Stadtviertel Mossuls zu bringen. „Während der IS-Zeit war diese Wand voll von IS-Slogans und Einschusslöchern“, sagt Rasul, als er vor der frisch bemalten Wand steht. „Wenn die Menschen heute an unseren Graffitis vorbeigehen und die Farben sehen, dann freuen sie sich. Sie bleiben stehen, machen Selfies und teilen die Farben auf Social Media. Wo früher schwarz war, wird jetzt alles bunt.“

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Younis Shash

Younis Shash will mit dem Café Qantara Mossul wieder ein bisschen mehr zu dem machen, was es einmal war – die Wiege der irakischen Kultur

Auch Kultur und Literatur blühen inzwischen wieder langsam auf in Mossul. Das ist vor allem einer Gruppe junger Menschen zu verdanken, die in der Innenstadt ein kleines Kulturcafé mit dem Namen Qantara eröffnet haben. „Qantara ist eine Idee, die uns schon während der IS-Besetzung gekommen ist“, erzählt Younis Shash, einer der Gründer. „Der IS hat unsere Gesellschaft gespalten, und unser Traum ist es, sie an diesem Ort wieder zu vereinen.“ Deshalb haben sie das Café Qantara genannt, was übersetzt „Brücke“ heißt. Hier sind Männer und Frauen und Menschen aller Konfessionen willkommen. In den Regalen stehen Bücher auf Arabisch und Englisch, Karl Marx, die Bibel, arabische Gedichtbände und Bücher über die verschiedenen Gemeinschaften des Irak.

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Qantara Cafè
Erinnerungskultur im Qantara-Café: Eine permanente Ausstellung zeigt Objekte und Bilder aus der Zeit der IS-Besetzung

Immer wieder organisieren Younis und seine Freunde Lesungen und Konzerte mit lokalen Musiker:innen. Gemeinsam wollen sie Mossul wieder zur Wiege der irakischen Kultur machen. Schon 2003, während der US-Invasion, hat die Terrorgruppe al-Qaida Musiker und Künstlerinnen in Mossul angegriffen. Als dann der IS im Jahr 2014 in Mossul sein Kalifat ausrief, wurden Kunst und das kulturelle Leben komplett unterdrückt.

„Die Hauptidee dieses Ortes ist es, Menschen mithilfe der Kultur zusammenzubringen“, sagt Younis. Während er mit sanfter Stimme die Geschichte von Qantara erzählt, hat sich in einer Ecke des Cafés eine hitzige Diskussion entfacht. Die Stimmen der Männer beben, in den Händen halten sie Bücher und Zigaretten. „Wir kommen her, um über Literatur, Natur und Politik zu diskutieren, denn all das beeinflusst unser politisches Leben“, erklärt einer von ihnen. „Wir tun das, weil wir hier eine Art von Freiheit verspüren. Nach so vielen Jahren der Stille und des Leids können wir endlich wieder diskutieren und miteinander streiten.“

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

4 Kommentare
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Mike Sorvino
  ·  
10.09.2021-02:09

Wenn die NGO's,durch finanzielle Unterstützung der GIZ und des BMF, immer wieder westliche Kultur verbreiten, ist es eine Bevormundung. Es ist für die ältere semitische Bevölkerung ein Zurückdrängen ihrer eigenen Stammeskultur. Zu den Gepflogenheiten zählt die jahrhundertalte Blutrache und
die Anarchie. Sie sehen sich selber als zurückgebliebene Völker und vom Westen abhängig. Sie brauchten schon in der Vergangenheit starke (religiöse) Führer, die den Weg aufzeigten. Immer mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Es wird sich in naher Zukunft nichts ändern. Gut für die NGO's
und die wenigen die vor Ort davon profitieren.

Dr, Peter Haderlein
  ·  
10.09.2021-08:09

Als einer, der 2015 afghanische Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet hat, bin ich fasziniert vom Engagement der jungen Irakerinnen und Iraker. Möge Ihnen der Aufbau eines neuen Irak gelingen!

P. Haderlein, Glonn

Janine Jaeggi
  ·  
11.09.2021-12:09

Was für schöne projekte! kultur und Kunst ist so wichtig um zu heilen, Frieden zu stiften und zu versöhnen.

Gast
  ·  
11.09.2021-08:09

"Im Irak beginnen Jugendliche wieder aufzubauen". Welches Bild hatte ich da direkt vor Augen. Jugendliche die Steine klopfen und Mörtel anrühren.