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Verhältnismäßig schuldig

Der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof wird zensiert, darf nicht ausreisen, wartet auf seine Haftstrafe – und hat mit „Doch das Böse gibt es nicht“ trotzdem einen kritischen Film über die Todesstrafe im Iran gedreht

  • 3 Min.
Doch das Böse gibt es nicht

Worum geht’s?

Um vier Männer und ihr Verhältnis zum System der Todesstrafe im Iran. Verurteilt ist keiner von ihnen, aber jeder ist irgendwie in die Vollstreckung von Urteilen verstrickt. Da ist der liebevolle Familienvater, der täglichen Besorgungen nachgeht, seine Tochter von der Schule abholt und seine Mutter pflegt – bis seine Berufstätigkeit ihn in ein anderes Licht rückt. Oder die zwei jungen Männer, die als Wehrdienstleistende Hinrichtungen durchführen sollen. Gibt es für sie einen Ausweg aus dieser Situation, und wenn ja, zu welchem Preis? Und schließlich ist da der ältere Mann, der vor vielen Jahren etwas aus moralischer Überzeugung tat, was er heute bereut.

Vordergründig geht es also – wie in einer klassischen griechischen Tragödie – um moralische Fragen und die Macht des Schicksals. Wie kann man richtig handeln, wenn jede Entscheidung, die man treffen kann, fatale Konsequenzen hat?

Worum geht’s eigentlich?

In der Kombination der vier Geschichten deutet sich eine Systemkritik an, die sich nicht nur auf das Thema Todesstrafe zu beschränken scheint. Müssen in einem autoritären System zwangsläufig alle Menschen mitschuldig werden – oder lässt sich mit einem „Nein“ im Kleinen schon grundsätzlicher Widerstand leisten? Wenig überraschend wurde „Doch das Böse gibt es nicht“ im autoritär regierten Iran verboten. Nachdem der Film auf der Berlinale 2020 den Goldenen Bären gewann, kursiert er aber laut Regisseur Mohammad Rasoulof wie seine früheren Werke schon auf dem iranischen Schwarzmarkt.

Was steckt dahinter?

Der Iran führte laut Amnesty International im Jahr 2020 mal wieder die meisten dokumentierten Hinrichtungen weltweit durch (noch deutlich höher liegen die Zahlen wohl in China, aber hier hält das Regime sie geheim). Offiziell wurden im Iran im vergangenen Jahr 246 Urteile vollstreckt. Trotz der Pandemie waren es kaum weniger als in den Vorjahren, und es ist von einer höheren Dunkelziffer auszugehen. Todesurteile können für Mord, Vergewaltigung, aber auch für Drogenhandel, Homosexualität oder Gotteslästerung gefällt werden – und das sogar bei Minderjährigen. 

Wie wird’s erzählt?

Als klassischer Episodenfilm mit vier voneinander unabhängigen Kurzfilmen. Dabei setzt Rasoulof etwas zu sehr auf melodramatische Zuspitzungen und Plot Twists. Die Ausnahme von der Regel: Beim Übergang von der ersten zur zweiten Episode – wenn sich der Film schockartig vom Familiendrama in eine Thriller-Handlung stürzt – funktioniert das ganz hervorragend.

 

Good Job!

Die iranischen Filmschaffenden leisten seit vielen Jahren Erstaunliches. Regisseur:innen wie Jafar Panahi, Asghar Farhadi, Rakhshan Banietemad oder eben Mohammad Rasoulof gelingt es immer wieder, an der Zensur vorbei kritische Sozialdramen zu drehen. Und das, obwohl einige von ihnen Berufsverbot und Hausarrest haben oder – wie Rasoulof – sogar zu einer Haftstrafe verurteilt worden sind. „Propaganda gegen die iranische Regierung“ lautete der Vorwurf bei Rasoulof. „In meinem Fall liegt es wahrscheinlich auch an der internationalen Aufmerksamkeit, dass ich meine Haftstrafe bisher nicht antreten musste“, sagte er im Frühjahr 2021 dem „Tagesspiegel“. „Es ist sehr undurchsichtig, wie solche Entscheidungen getroffen werden.“

Ideal für …

Liebhaber:innen des iranischen Kinos, die sich vom düsteren Thema und der Filmlänge von 150 Minuten nicht einschüchtern lassen. 

Stärkster Moment

Mit einem Happy End rechnet man hier wirklich nicht. Und doch endet zumindest eine Episode mit einer Autofahrt, bei der ein junges Paar die italienische Partisanenhymne „Bella Ciao“ dem Sonnenaufgang entgegenschmettert – und kurz so etwas wie Hoffnung spürbar ist.

„Doch das Böse gibt es nicht“ läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Titelbild: Der Soldat Pouya (Kaveh Ahangar) in „Doch das Böse gibt es nicht“ (Foto: GRANDFILM)

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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