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Echte Freundschaft und seitenweise Hass

Wie bringt man jüdische und arabische Israelis dazu, miteinander zu reden? Indem man sie mit ihren schlimmsten Vorurteilen konfrontiert, sagen Sameh Zakout und Uriya Rosenman – und haben daraus ein Rapvideo gemacht

Sameh Zakout und Uriya Rosenman

Ende Mai verständigten sich die israelische Regierung und die islamistische Hamas auf eine Waffenruhe im Israel-Gaza-Konflikt. Parallel erschien ein Musikvideo, das den Konflikt zwischen den jüdischen und arabischen Communitys in Israel in seiner ganzen Komplexität abzubilden versucht. „Let’s Talk Straight“ ist ein Rapbattle, eine Geschichtsstunde, ein Streitgespräch in hebräischer und arabischer Sprache. Auf der einen Seite: der Psychologe und Dozent Uriya Rosenman, der aus einer jüdischen Familie stammt. Auf der anderen: der palästinensischstämmige Israeli Sameh „SAZ“ Zakout, Schauspieler und Pionier der arabischen-israelischen Rapszene.

Im Song nehmen beide die Rollen der radikalsten Vertreter ihrer Community ein: So rappt Uriya beispielsweise, dass arabische Männer israelische Frauen belästigen würden. Sameh entgegnet, dass Juden das Unrecht, das sie aus seiner Sicht an den Palästinensern begehen, mit dem Holocaust rechtfertigen würden. Was bringen die Stereotype? Unser Autor hat mit den beiden gesprochen.

fluter.de: Die Geschichte von „Let’s Talk Straight“ beginnt vor drei Jahren, im Juni 2018. Da hast du, Uriya, das Musikvideo zu Joyner Lucas’ Song „I’m Not Racist“ entdeckt. Was hat dich daran fasziniert?

Uriya: Joyner hat einen sehr kreativen Weg gefunden, um den Rassismus zu skizzieren, der die amerikanische Gesellschaft durchzieht. In seinem Video sind zwei Menschen zu sehen, die sich ihre jeweiligen Wahrheiten ohne jegliche politische Korrektheit ins Gesicht sagen. Das Modell hat mich inspiriert. Ich wollte mich dem jüdisch-arabischen Konflikt widmen, weil das der Konflikt innerhalb Israels ist, der mich in meinem Leben am meisten beschäftigt hat. Als ich allerdings anfing zu schreiben, habe ich schnell gemerkt, dass ich viel zu wenig über beide Perspektiven und die Argumente ihrer radikalen Vertreter wusste.

„Nimm die Maske ab und sprich mit mir als Mensch, nicht als Jude oder Araber“

Deshalb bist du für einige Zeit durch Israel gereist und hast mit vielen Menschen aus den arabischen und jüdischen Communitys gesprochen.

Uriya: Ich habe ihnen sehr konkrete Fragen gestellt, sie mit Argumenten der Gegenseite konfrontiert und alles aufgeschrieben, was sie mir erzählt haben. Das Ergebnis waren seitenweise Hass und rassistische Bemerkungen – die Grundlage für „Let’s Talk Straight“. Zuerst habe ich versucht, beide Perspektiven abzubilden. Aber ich habe gemerkt, dass ich einen arabischen Partner auf der Gegenseite brauche, um das Projekt wirklich authentisch zu machen. Dann hat mir ein Freund Sameh vorgestellt, und wir haben uns getroffen – in einer Bar in Jaffa.

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Sameh: Mir ist schon beim ersten Treffen klar geworden, dass Uriya ein ehrlicher, aufrichtiger Kerl ist. Außerdem ist er – und das, obwohl er eigentlich kein Rapper ist – besser als die meisten Songtexter, die ich in Israel kenne. Wir haben schnell Vertrauen aufgebaut und sind Freunde geworden. Anfangs dachte ich „Ah, schon wieder ein jüdischer Israeli, der mich für irgendein Friedensprojekt anwirbt, weil er einen Araber braucht“, aber da lag ich falsch. Das ist am Ende auch die Message unseres Projekts: Nimm die Maske ab und sprich mit mir als Mensch, nicht mit mir als Jude oder mit mir als Araber.

Wie habt ihr den gemeinsamen Schreibprozess erlebt?

Sameh: Wir haben viel diskutiert, aber zu jeder Zeit sehr respektvoll.

Uriya: Natürlich sind viele Themen emotional belastet. Nehmen wir folgendes Beispiel: Was für jüdische Israeli der Unabhängigkeitstag ist, ist für die Palästinenser die Nakba. Allein dieses Wort sorgt in Israel für negative Vibes. Ich kannte lange Zeit nur die Sichtweise meiner Großeltern – Menschen, die zum Teil den Holocaust überlebt, den Schutzraum Israel mit aufgebaut und mich dazu erzogen haben, Israel und das jüdische Volk zu lieben. Samehs Familie, von der ich viel gelernt habe, hat eine andere Perspektive – sie wurde am Nakba-Tag von einem Kommandanten aus ihrem Haus vertrieben und zum Umzug gezwungen.

Gerade nach solchen Gesprächen dürfte es euch schwergefallen sein, in derart radikale Rollen zu schlüpfen, oder?

Uriya: Als wir das Video gedreht haben, haben wir versucht, uns in diesem Moment zu hassen. Wir haben allerdings schon unterschiedliche Rollen übernommen. Ich habe viele rassistische Narrative aufgegriffen und eine Person verkörpert, mit der ich in Wahrheit nicht viel zu tun habe. Samehs Aussagen sind wesentlich gemäßigter und seine Rolle deshalb viel näher dran an seiner echten Person.

Inwieweit hattet ihr die Vorurteile, die ihr in eurem Song von euch gebt, vorher selbst verinnerlicht?

Sameh: Wir versuchen, auch wenn wir uns oft über die politische Situation in Israel aufregen, niemals auf Stereotype oder Gehirnwäsche hereinzufallen. Es war mir wichtig, die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass sie häufig in Vorurteilen denken, auch in Momenten, in denen es ihnen vielleicht gar nicht bewusst ist.

Uriya: Es gibt schon eine Menge Rassismus auf der israelischen und eine Menge Hass auf der arabischen Seite. Und komplexerweise passieren viele Dinge, die ich im Song anspreche, ja wirklich. Der Vorwurf, dass dort, wo Araber sind, Bombenanschläge passieren, kommt nicht von ungefähr – es sind echte Busse explodiert, und dabei sind echte Israelis gestorben. Der Rassismus basiert also auf realen Problemen, Fakten und Ängsten. Und trotzdem ist es falsch, wegen einem oder ein paar Vorfällen auf die gesamte Gesellschaft oder eine komplette Bevölkerungsgruppe zu schließen.

Was muss eurer Meinung nach passieren, damit diese Vorurteile abgebaut werden und ein friedliches Zusammenleben zwischen arabischen und jüdischen Menschen in Israel zustande kommen kann?

Sameh: Es war nicht das Ziel unseres Projekts, Lösungsvorschläge anzubieten. Wir wollten Bewusstsein schaffen und dafür plädieren, den Umgang miteinander zu verändern. Dieser Konflikt ist 73 Jahre alt und zu komplex für einfache Lösungen. Ein guter Anfang wäre, wenn die Leute auf beiden Seiten ihre Angst davor überwinden würden, Dinge zu hören, die sie nicht gerne hören. Sie müssen aufeinander zugehen, sich mehr öffnen – das passiert zum Beispiel, wenn sie sich mit den Sprachen anderer Kulturen auseinandersetzen und in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren. Die meisten Araber in Israel sprechen Hebräisch, die meisten jüdischen Israelis können aber kein Arabisch. Das muss sich ändern, und deshalb versuche ich, Uriya Stück für Stück Arabisch beizubringen.

„Es ist eine Schande, dass ich bis jetzt kein Arabisch kann“

Uriya: Wir bräuchten eine junge Regierung in Israel, die das Gewicht des gesprochenen Wortes versteht und langfristig denkt. Wie Sameh richtig sagt, müssen jüdische Israelis endlich Arabisch lernen. Es ist eine Schande, dass ich es bis jetzt nicht kann. Und dann bräuchten wir mehr Araber in den Medien und in der Regierung.

In einem anderen Interview habt ihr erzählt, dass „Let’s Talk Straight“ nicht euer letztes gemeinsames Projekt sein wird.

Uriya: Das Video ist – und das ohne jegliche bezahlte Werbung oder PR – sehr gut angekommen. Sehr viele israelische, aber auch internationale Fernsehsender und Zeitungen haben sich für unser Projekt interessiert, kürzlich sogar die „New York Times“. Aktuell bekommen wir viele Angebote, die wir sorgfältig filtern müssen – schließlich geht es uns um Bildung und langfristige Annäherungsprozesse. Außerdem werden wir einen weiteren Song schreiben, allerdings aus einer etwas anderen Perspektive und in Verbindung mit einer Reise, die wir eventuell dokumentieren werden.

Am Ende eures Videos beginnt ihr zu essen, was zwischen euch auf dem Tisch steht, teilt euch eine Cola, ein Brot und eine Schale Hummus. Wie kamt ihr eigentlich auf die Idee?

Uriya: In Joyners Video umarmen sich die beiden Schauspieler am Ende. Das wollten wir nicht machen, weil das die Realität nicht widergespiegelt hätte. Wir wollten uns aber auch nicht mit Fäusten ins Gesicht schlagen. Deshalb endet unser Video damit, dass wir in die Normalität, die tägliche Routine zurückkehren.

Sameh: Das soll auch die Frustration repräsentieren, die auf beiden Seiten vorhanden ist und lähmt. Und Hummus ist ein wichtiger Bestandteil beider Kulturen – das essen alle hier.

Titelbild: Dan Balilty/New York Times/Redux/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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I. v. Berg
  ·  
18.08.2021-10:08

Genau, man muss den anderen nur als Mensch sehen. Ist aber manchmal schwer, wenn schlechte Erfahrungen oder aber starke Vorurteile vorhanden sind. Ist aber nicht für jeden leicht.