Das Heft – Nr. 82

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Was Besseres als dich

Für manche geht die Gleichung beim Onlinedating auf, für andere nicht

  • 6 Min.
Was besseres als dich

Trennungen sind – gerade nach einer langen Beziehung – nie einfach. So war das auch bei Maryam; kurze dunkle Haare, goldene Ohrringe und ein eindringlicher Blick. Nachdenklich sagt sie: „Mir tut es nach einer Beziehung gut, mich abzulenken.“ 

Also meldet sie sich kurz nach der Trennung bei einer Onlinedating-App an. Ein paar Swipes nach rechts und einige Nachrichten später hat sie die ersten Dates.

Sie freut sich auf die erste Person. Die ist tatsächlich auch sympathisch, aber wirkliche Spannung kommt nicht auf. Den nächsten Typ findet sie auf den Fotos ziemlich heiß – nur sieht er in echt ganz anders aus. Aus Höflichkeit gehen sie trotzdem eine Stunde spazieren, bevor sie der unangenehmen Situation entrinnen. 

Treffen Nummer drei läuft hingegen vielversprechend. Die Chemie stimmt. „Das war ein geniales Date, das 18 Stunden gedauert hat, und dann hab ich mir viel erhofft.“ Das Kribbeln bleibt, und Maryam will ihn unbedingt besser kennenlernen. Doch er scheint das Date nicht ganz so genial gefunden zu haben – und antwortet nicht mehr.

Maryam ist frustriert. Dabei hatte sie sich extra auf einer als alternativ geltenden Plattform angemeldet: „Eine gute Freundin hat mir erzählt, dass OkCupid persönlicher sei als Tinder und Co.“

„Das war wie Menschen konsumieren und selbst konsumiert werden.“ 

Tatsächlich gehören Tinder und OkCupid sowie die meisten großen Dating-Apps zum selben Konzern: der US-amerikanischen Match Group. Andere Anbieter sind Bumble, Badoo oder Lovoo. Die Apps haben alle eine ähnliche Funktionsweise – und die könnte der Grund sein, warum es bei Maryam einfach nicht klappt mit den guten Dates. Schließlich gibt es ein geschäftliches Interesse, die Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange auf der Plattform zu halten – und so ist sie auch programmiert. So zeigen Tinder & Co. nicht einfach die besten Matches an, sondern man muss sie sich Stück für Stück „erswipen“ – eine Art Spiel, das sogar einen gewissen Suchtfaktor haben kann. 

In einer Stadt wie Berlin kann man dabei durch gefühlt unendlich viele Profile wischen. Für Maryam war das eher überfordernd. „Das war wie Menschen konsumieren und selbst konsumiert werden.“ 

Die Sozialpsychologin Johanna Degen von der Europa-Universität Flensburg kennt dieses Phänomen. Sie sagt, dass es durch das riesige Angebot an Partnerinnen und Partnern immer schwieriger werde, sich auf einzelne Personen einzulassen. „Leute berichten mir, dass sie beim Date sitzen und denken: Es ist richtig schön, aber vielleicht geht es ja auch noch besser. Ich habe noch 400 andere Matches.“ Das führe auch zu einem Leidensdruck, erklärt Degen – und dazu, möglichst wenig Zeit und Geld investieren zu wollen. „Man versucht, sich möglichst wenig vorzubereiten und möglichst mehrere zu treffen. Aber es ist nicht aufregend, wenn ich ständig Dates hab und es mir möglichst einfach mache. Wenn ich zum Beispiel nur jemanden treffe, weil er um die Ecke wohnt und sofort verfügbar ist.“ 

Das hat auch Maryam mittlerweile erkannt. Als sie nach dem aufregenden Date von ihrer neuen Bekanntschaft ignoriert wurde, blieb bei ihr der Eindruck, „dass der nur auf seine eigene Befriedigung aus war“. Auch als sie später noch einmal in Kontakt treten, resümiert sie enttäuscht: „Der konnte gar nicht wirklich auf andere Menschen eingehen.“ 

Selbst manche Onlinedating-Anbieter scheinen sich inzwischen Sorgen über diese Entwicklung zu machen. So kündigte der deutsche Anbieter Parship kürzlich an, „nur“ noch 60 Kontakte am Tag zu ermöglichen, Copy-and-paste zu verbieten und eine Mindestlänge für Nachrichten von mindestens sieben Wörtern einzuführen. 

Liebe nach Marktlogik? 

Aber wie verändert das Onlinedating langfristig unsere Beziehungen? Genau hier liegt Johanna Degens Forschungsschwerpunkt. Sie glaubt, dass die Apps dazu beitragen, dass Beziehungen sich zunehmend einer Marktlogik unterordnen. „Im Mittelpunkt steht vermehrt die Frage: Was bringt mir meine Beziehung? Das betrifft dann verschiedene Sphären: Fühle ich mich besser, als wenn ich allein wäre? Bin ich sexuell befriedigt? Habe ich wirtschaftliche und praktische Vorteile?“ In den Hintergrund trete dann die Frage: Was bringe ich dem anderen?

Zudem scheint Onlinedating den Trend weg von der romantischen Zweierbeziehung hin zu pluralen Beziehungsformen zu verstärken: ob offene oder polyamore Beziehungen, Freundschaft plus oder der „Wir wollen dem keinen Namen geben“-Ansatz. Das Onlinedating bringt aber auch eigene Formen hervor. „2er-Beziehung + Tinder“ meint, dass es okay ist, wenn man noch ein Tinder-Profil hat und auch etwas mit anderen chattet, sogenannte Mikroaffären. 

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Die 26-jährige Kira war nach ihrer Trennung gar nicht auf der Suche nach einer neuen Beziehung. Die Studentin landete zunächst nur auf Tinder, um etwas Spaß zu haben. Dann wurde aber bereits aus dem dritten Date etwas Ernsteres, und nun ist Kira seit zweieinhalb Jahren mit ihrem Freund zusammen. Nach einiger Zeit entschieden sich beide, die Beziehung zu öffnen und die App wieder zu nutzen. Für Kira ist das die Möglichkeit der unmittelbaren Bedürfniserfüllung. „Also, ich nutze die App eigentlich vor allem dann, wenn ich noch am gleichen Tag Leute treffen möchte.“

Das funktioniert. Zumindest für einige wie Kira. Für die anderen bieten die Apps Bezahlfunktionen an. Wer bei Tinder ein Abo abschließt, wird anderen öfter vorgeschlagen oder kann das eigene Profil für die Leute unsichtbar schalten, die er oder sie nicht gelikt hat. Besonders interessant für heterosexuelle Männer, denn es gibt deutlich weniger Frauen als Männer auf den Plattformen. Wer bereits über 28 ist – ein Nachteil im Datingwettbewerb –, muss bei Tinder höhere Preise für die gleichen Funktionen zahlen.

Was nach Altersdiskriminierung klingt, ist nicht die einzige Schieflage auf dem Attraktivitätsmarkt. Eine Erhebung von OkCupid zeigt: Bei der Bewertung von Profilen durch User spiegeln sich rassistische Muster. Schwarze Frauen oder ostasiatisch aussehende Männer wurden deutlich schlechter bewertet als weiße Menschen. Da der verhaltensbasierte Algorithmus die Präferenzen der User analysiert und dementsprechend Profile vorschlägt, wird die Diskriminierung verstärkt. Gleichzeitig rühmt sich Tinder damit, dass es durch das Programm mehr binationale Hochzeiten als zuvor gebe. Darauf weisen auch die Ergebnisse einer Studie aus den USA hin.

Bei aller Kritik am Digitalen: Offline gibt es manchmal nicht weniger gesellschaftliche Barrieren. So sind Freundeskreise oft ziemlich homogen, was Herkunft oder soziales Milieu betrifft, während es Online-Apps prinzipiell einfacher machen, Menschen abseits von Freundesfreunden kennenzulernen. Und dann kommt noch der Pandemieeffekt hinzu. Wenn Bars geschlossen sind und die Uni nur am Rechner stattfindet, ist die Datingplattform oft die einzige Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. 

Und es gibt sogar noch eine andere Statistik, die zeigt, dass das Onlinedating trotz seiner Widersprüche auch so manches Paar erfolgreich zusammenbringt: Jede fünfte Beziehung in Deutschland entsteht bereits durch Onlinedating. 

Maryam hat die App mittlerweile wieder installiert, nachdem sie sie zunächst genervt gelöscht hatte. Noch hat sie also nicht aufgegeben.

Titelbild: Lea Franke

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.