Das Heft – Nr. 80

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Gute Sache

Sachen wegschmeißen, weil man sie nicht mehr braucht? Immer mehr Menschen tauschen oder verschenken sie lieber. Wie unsere Autorin

  • 4 Min.
Verschenkekiste

Der Sperrmüll ist kleiner geworden. Kleiner und brauchbarer. Noch vor zwei Jahren standen in meiner Nachbarschaft auf der Straße eigentlich nur Sofas und Matratzen mit dunklen Flecken drauf.

„Zu verschenken“ stand daran und kurz danach, wenn der Regen die Matratzen durchnässt hatte, ein weiterer Zettel: „Entsorg deinen Scheißmüll selbst, Wichser!“

Seit dem ersten Lockdown wurden aus den Sofas und Matratzen Kisten voller aussortierter Dinge. Da viele Menschen wohl die Zeit zu Hause nutzten, um mal auszumisten, entstand in meinem Viertel in Berlin eine Art Umsonst-Nachbarschaftsflohmarkt. Hier mal ein Karton mit Spielen und Büchern, da mal einer voller Klamotten, dann wieder Geschirr. Anfangs war ich noch ein wenig befangen, wenn ich mich über die Kisten beugte. Was wohl die anderen von mir denken? Dass ich arm bin? Dass ich Armen die Sachen wegnehme? Dass ich die Kiste selbst auf die Straße gestellt habe?

Ein riesiger Umsonst-Nachbarschaftsflohmarkt

Zuerst fand ich massig Babykleidung, darunter viele Cordhosen. Dann Kinderfahrradsitze und Babyschalen fürs Auto. Warum, fragte ich mich, landen die immer auf der Straße? Ein Blick auf eBay-Kleinanzeigen zeigte mir: Sie haben einen eher bescheidenen Wiederverkaufswert. Frische Eltern wollen so etwas wohl am liebsten neu für ihre Kleinen.

Andere meiner Nachbarn scheinen sehr nachhaltig zu denken und hoffen, dass ihr CD-ROM-Steuer- programm von 2001 noch einen neuen Besitzer finden wird. Vielleicht sind sie aber auch zu faul, die Datenträger richtig zu entsorgen, denn in die üblichen Tonnen gehören sie ja nicht. Das Gleiche gilt für die vielen Fitness- und Yoga-DVDs. Liebe Nachbarn, ihr habt YouTube nicht allein entdeckt!

Meistens sind die frisch rausgestellten Kisten am ergiebigsten, denn wenn man zu spät kommt, ist nur noch das drin, was wirklich niemand mehr braucht. Ein Kalender von 2019 oder Spielzeugautos ohne Räder. Wenn man früh genug kommt, finden sich brandneue DVDs und Blu-Rays, teilweise noch in Folie. Vielleicht schaue ich statt Netflix bald mal den ersten Film, den ich finde.

„Zu verschenken“ braucht man gar nicht mehr auf die Kiste zu schreiben

Offiziell ist es gar nicht erlaubt, seine Sachen einfach auf die Straße zu stellen. Daher bringen viele ihre Kisten im Dunkeln raus. Zumindest sehe ich spätabends beim Joggen einige, die morgens noch nicht da waren. Einmal fand ich in einer den ersten Roman von Charlotte Worgitzky, einer feministischen Schriftstellerin der DDR. Statt weiterzulaufen, fing ich an zu lesen. Ich stoppte die Jogging-App, las Worgitzkys Wiki-Eintrag und joggte schließlich zu dem Friedhof, auf dem sie begraben liegt.

Mittlerweile scheint das Deponieren von Sachen, die man nicht mehr braucht, eine eigene Kulturtechnik geworden zu sein. Wer nur wenig verschenken will – zum Beispiel einen Nagellack oder eine einzelne Brotdose –, stellt es auf die Fensterbank oder legt es vor die Tür. Ein „Zu verschenken“-Schild ist gar nicht mehr nötig. Wer mehr hat, macht einen Karton zurecht, beschriftet ihn („Leute, ihr müsst mehr lesen!“) oder bringt die Sachen zu einer der immer mehr werdenden Tauschstellen.

Es gibt zum Beispiel alte Telefonzellen, die zu kleinen Bücherläden geworden sind, wo man sich mit Lesestoff eindecken oder ihn loswerden kann. Oft sind es auch ausgehöhlte Bäume, die als öffentliches Regal dienen. Man kann sicher sein, dass sich dort immer wieder was Neues findet. Also was neues Altes.

Ich finde, wenn man sich wie ich so einiges auf der Straße nimmt, sollte man auch was zurückgeben. In meiner letzten Kiste waren Musik-CDs, ein Wecker, Bilderrahmen und einige Teller. Ich stellte sie in der Dämmerung auf die Straße, dann ging ich wie gewohnt joggen. Als ich nach einer Dreiviertelstunde wiederkam, war fast alles weg.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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