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Unter die Haut

Darf der Kulturbetrieb einen Geflüchteten als Kunstwerk feiern? Das fragt Kaouther Ben Hania in ihrem Film „Der Mann, der seine Haut verkaufte“

  • 4 Min.
Der Mann, der seine Haut verkaufte

Worum geht’s?

Sam (Yahya Mahayni) ist stolz und impulsiv und vor allem Hals über Kopf in Abeer (Dea Liane) verliebt. Doch im autoritär regierten Syrien, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs, ist das mit der Liebe nicht so einfach. Sam muss als politisch Verfolgter in den Libanon fliehen, Abeer heiratet einen Diplomaten und zieht nach Belgien. Um Abeer zu folgen und volle Reisefreiheit zu erlangen, lässt sich Sam auf einen Handel mit dem Künstler Jeffrey (Koen de Bouw) ein. Sams Rücken soll Jeffrey als Leinwand für ein Kunstwerk dienen. Das Motiv: ein tätowiertes Schengen-Visum. Die Bedingung: Sam darf von Jeffrey ausgestellt werden.

Der Handel scheint zunächst aufzugehen. Sam reist als „Kunstwerk“ nach Belgien, wird dort von kunstbegierigen Europäer*innen gefeiert und bekommt Kaviar in Luxussuiten serviert. Schnell erkennt er jedoch, dass ihn seine Entscheidung keineswegs freier macht.

Worum geht’s wirklich?

Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania stellt in ihrem Film Fragen zu den Themen Flucht, Kapitalismus und Kunst: Welchen Wert hat ein Menschenleben? Warum zirkulieren Waren mehr oder weniger frei, während viele Personen in ihrer Reisefreiheit eingeschränkt sind? Und inwiefern müssen sich Kunstschaffende – und Menschen, die Kunst konsumieren oder kaufen – an ethische Grundsätze halten? Apropos Kunst: Hania ließ sich für ihren Film vom belgischen Konzeptkünstler Wim Delvoye inspirieren. Der bezahlte den Schweizer Tim Steiner dafür, sich den Rücken tätowieren zu lassen, sich auszustellen und die eigene Haut samt Tattoo nach seinem Tod einem Sammler zu überlassen.

Wie wird’s erzählt?

„Der Mann, der seine Haut verkaufte“ verwebt Liebesgeschichte und Dramaelemente, vor allem aber will der Film eine politische Satire sein. Entsprechend überspitzt stellt Hania die beiden Welten des Bürgerkriegsflüchtlings und des geltungssüchtigen Kunststars gegenüber. Zum Beispiel in der Szene, in der Jeffrey einem Filmemacher, der das Kunstprojekt dokumentarisch begleitet, großspurig von seiner künstlerischen Botschaft erzählt, während der frisch tätowierte Sam im Hintergrund zusammengekauert zuhört und gegen das Gefühl ankämpft, zum Objekt degradiert worden zu sein.

Dabei wird „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ getragen von einem strengen visuellen Konzept. Jedes Detail ist durchkomponiert, millimetergenau. Hania inszeniert Bilder, aus denen mal Verletzlichkeit spricht, etwa wenn Sam in Unterhose mit dem Rücken zur Kamera erwacht. Mal transportieren sie Lebensmut und Neugier, zum Beispiel, wenn Sam mit wehendem Seidenkimono zu Streichmusik durch ein Museum stolziert und sich in einer Art Limbotanz unter den Lichtstrahlen einer Kunstinstallation entlangschlängelt.

Stärkster Satz:

… kommt vom Künstlerego Jeffrey himself. Während einer Veranstaltung bei einem süffisanten Kunstsammler schiebt er in einem Interview sämtliche Verantwortung für die Konsequenzen seines Kunstprojekts von sich: „In Indien kostet ein Baby 40 Euro. In Thailand eine Leihmutter 1.200 Euro. Der Kopf von Bin Laden? 25 Millionen Dollar. Ich bin nicht zynisch, unsere Welt ist es.“

Good Job!

„Der Mann, der seine Haut verkaufte“ lebt von seinen wuchtigen Bildern, dem facettenreichen Spiel von Yahya Mahayni und der würdevollen Schlagfertigkeit seiner Figur Sam. Vor allem aber zeigt der Film, in welchem Ausmaß nationale Grenzen oder Binnengrenzen wie die des Schengen-Raums das Leben von Einzelnen bestimmen können – und je nach Staatsangehörigkeit mal Privileg, mal kaum überwindbare Hürde sind.

„Der Mann, der seine Haut verkaufte“ läuft ab dem 24. Februar in den deutschen Kinos.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.