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„Prostitution ist in China ein Tabuthema“

Der Regisseur C. B. Yi hat mit „Moneyboys“ einen Film über männliche Sexarbeiter in China gemacht. Im Gespräch erzählt er von seinen Recherchen und warum er letztendlich in Taiwan drehen musste

  • 5 Min.
Moneyboys

fluter: C. B. Yi, in Ihrem ersten Langfilm „Moneyboys“ geht es um männliche chinesische Sexarbeiter. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

C. B. Yi: Ich bin ja in China geboren und habe dort bis zu meinem Umzug nach Österreich 13 Jahre gelebt. Und ich wollte meinen ersten Film immer in China drehen, weil ich mich mit den Menschen dort sicherlich besser auskenne und ihnen emotional näher bin. Zu meinen Ausgangsfragen beim Drehbuchschreiben gehörte dann: Wozu lebt ein Mensch?, und davon ausgehend: Was wäre aus mir geworden, wenn ich in China geblieben wäre? Und dadurch kam ich sehr schnell auf das Thema der Migration, also in diesem Fall Binnenmigration oder Landflucht. Denn ich bin selbst in einem Dorf aufgewachsen und wäre, wie fast alle anderen in meinem Alter, irgendwann in eine Großstadt gezogen. Doch was hätte ich da machen können? Welche Möglichkeiten hätte ich gehabt?

Auch Fei, die Hauptfigur von „Moneyboys“, stammt aus einem Dorf. In der Stadt prostituiert er sich gegenüber Männern, um Geld zu verdienen.

Natürlich gibt es zum Thema Migration viele tragische Geschichten über Leute, die dann etwa in Gasthäusern oder auf Baustellen arbeiten. Sexarbeit aber, vor allem männliche, ist ein Thema, über das in dem Zusammenhang bisher weniger erzählt oder diskutiert worden ist. 

Wie ist denn eigentlich die rechtliche Lage in China, was Prostitution angeht?

Prostitution ist in China illegal, insofern gibt es sie eigentlich offiziell nicht. Sie ist ein Tabuthema, und von daher finde ich erst recht, dass mehr Geschichten wie diese erzählt werden müssen.

Wenn Prostitution so ein Tabuthema ist, wie liefen die Dreharbeiten ab?

Wir haben „Moneyboys“ 2019 in Taiwan gedreht, auch wenn das nicht so geplant war. Wir hatten vorher schon zwei Jahre lang in China gecastet. Doch es wurde immer schwieriger, als ausländisches Team in China zu drehen, gleichzeitig haben uns einige Schauspieler abgesagt. Sie wären sehr gerne dabei gewesen, aber ihre Manager haben an sie appelliert, besser nicht in einem LGBT-Film mitzuspielen. Das sei vielleicht nicht so gut für ihre zukünftige Karriere.

In China steht Homosexualität nicht unter Strafe, der Film macht aber klar, dass es vor allem auf dem Land für viele schwierig sein kann, geoutet zu sein. Umso überraschter war ich darüber, dass die Familie der Hauptfigur Fei nicht nur weiß, dass er schwul ist, sondern auch, womit er sein Geld verdient. Bleibt das nicht im Normalfall im Verborgenen?

Solche Fälle habe ich schon erlebt. Während der Recherche für den Film habe ich natürlich einige Männer kennengelernt. Es gab auch einen Wissenschaftler, Ge Tong, der etwa 2000 Moneyboys interviewt hat.

2000!?

Mehr als 2000. Das war schon in den Nullerjahren. Daraus ist ein Buch geworden, und der Autor hat mich dann auch in dieses Milieu eingeführt. Die meisten dieser Männer arbeiten nicht lange als Moneyboys, einige wollen nur schnell Geld verdienen, damit sie woanders vorankommen. Und dann gibt es wiederum andere, die immer weiter und weiter von ihrer Familie ausgebeutet werden. Denn natürlich sind einige der Moneyboys auch tatsächlich homosexuell. Von denen wurden viele sicherlich von klein auf mit Schuldgefühlen beladen – und versuchen dann, so war mein Eindruck, sich mit dem verdienten Geld die Liebe und Anerkennung ihrer Familie zu kaufen. So etwas kann ja zu einer lebenslangen Aufgabe werden.

„Als Filmemacher hat man immer die Verantwortung für die, die man auf die Leinwand bringt“

Moment, Sie sagen, dass einige von ihnen homosexuell seien. Das heißt, die meisten sind es dann offensichtlich nicht?

Ja, das hat mich damals auch erstaunt. Die arbeiten dann eindeutig aus einer finanziellen Notlage – meistens, um ihre Familie zu unterstützen. Ich habe die Vermutung, dass es in europäischen, den westlichen Ländern mehr Sexworker gibt, die für sich selber arbeiten. Während es in China, als ich mit den Recherchen für den Film begonnen habe – das war so 2009, 2010 –, schon mehr Sexworker gab, die es wegen der finanziellen Not ihrer Familie gemacht haben. Das hängt, glaube ich, auch vom Reichtum des Landes ab. Dazu gibt es innerhalb Chinas auch Unterschiede, woher man stammt. Die aus den ländlichen Gegenden sind eher traditioneller als die aus den Großstädten. Bei Letzteren habe ich tatsächlich auch Studenten kennengelernt, die sich prostituieren, weil sie sich zum Beispiel ein iPhone kaufen wollten.

In einer Szene müssen Fei und sein Geliebter, ebenfalls ein Moneyboy, mit einem Kunden Dumplings machen und halb nackt in der Küche stehen, während sie die Teigtaschen füllen – eine unterschwellige Form der Erniedrigung. Generell müssen die Moneyboys ganz schön was aushalten in dem Film, einmal wird Fei von einem Kunden körperlich brutal zugerichtet.

Ja. Aber es gibt natürlich nicht nur gewalttätige Kunden, es gibt auch nette. Im Film etwa diesen älteren Herrn, der noch nie in seinem Leben einen Mann geküsst hat und sehr vorsichtig ist. Ich habe versucht, aus verschiedenen Lebenserfahrungen und Welten die Schichten zusammenzufügen. Aber das ist nur eine Auswahl, und ich wollte auch nicht zu extrem werden und die voyeuristische Begierde, die in uns steckt, nicht zu sehr verwöhnen. Ich denke mir, wenn man in das Thema reinkommt, dann kann man sich eh vorstellen, was es da alles für Grauslichkeiten und Machtausübung gibt.

Ich habe gelesen, dass Sie zunächst überlegt hatten, das Ganze als dokumentarischen Film anzulegen, diese Idee aber wieder verworfen haben.

Ja. Als Filmemacher hat man immer die Verantwortung für die, die man auf die Leinwand bringt. Und man weiß nie, was danach passiert. Obwohl – hier kann ich es mir sogar vorstellen. Dann würden die Familien der Protagonisten es ganz bestimmt erfahren, und dem wollte ich die Protagonisten nicht aussetzen.

Wird der Film denn in China zu sehen sein?

Momentan sieht es leider so aus, als würde der Film nicht nach China kommen. Aber es gibt immer Möglichkeiten für das chinesische Publikum, an Filme zu kommen, meistens über das Internet. Also, wer „Moneyboys“ unbedingt sehen will, wird ihn auch sehen.

„Moneyboys“ läuft ab dem 28. Juli in den deutschen Kinos.

Titelbild: Salzgeber & Co. Medien

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.