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Woher kommt die Impfskepsis?

Dr. Heidi Larson weiß, warum das Vertrauen in Impfungen sinkt – und warum Gerüchte für Virologen wichtig sind

Ebola Impfung

fluter.de: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählte „Vaccine Hesitancy“ – zögerndes Verhalten, sich impfen zu lassen – schon im Jahr 2019 zu einer der zehn größten Bedrohungen für die globale Gesundheit. Wie wurde Impfskepsis zu einem so weltumfassenden Problem, Frau Dr. Larson?

Heidi Larson: Man hat es schlicht zu lange gar nicht als Problem begriffen. Es ist zwar kein brandneues Phänomen – Antiimpfgruppen gab es schon im 19. Jahrhundert –, aber das Ausmaß und der Umfang sind neu. 2010 habe ich das „Vaccine Confidence Project“ gegründet, um das Phänomen zu untersuchen, das die meisten damals für ein Randproblem hielten.

Ihr Projekt dient als Frühwarnsystem, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in Impfstoffe zu ermitteln und zu bewerten, um so Probleme frühzeitig anzugehen. Wie funktioniert das konkret?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den vergangenen fünf Jahren arbeiteten wir in mehreren afrikanischen Ländern mit Communitys, in denen Studien zu Ebola-Impfstoffen durchgeführt wurden. Teil der Arbeit war, dass eine Gruppe von Leuten einmal pro Woche zusammenkam, um ihnen zu Ohren gekommene Gerüchte zu diskutieren. Die Ärzte konnten so Probleme frühzeitig erkennen und schnell darauf reagieren, statt Gerüchte gedeihen zu lassen.

„Wenn wir nach dem Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen fragen, sinken die Zahlen nahezu weltweit“

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Wenn Sie sich für eine Studie anmelden, wird Ihnen zu unterschiedlichen Zeiten Blut abgenommen. Das geht langsam, und daher gab es die Wahrnehmung, dass wohl sehr viel Blut abgenommen wurde. „Und was werden sie damit machen? Sie müssen es wohl verkaufen!“ Das war eines der Gerüchte. Also hat das Team, das die klinische Studie leitete, entschieden, den Studienteilnehmern genau zu zeigen, wie viel Blut es tatsächlich abnimmt: Es war nicht mehr als eine Ampulle in der Größe eines Kugelschreibers. Damit hörten die Gerüchte auf. Wenn Sie nur sagen „Das stimmt nicht“, wird ein Gerücht nicht verschwinden.

Sie beobachten diese Impfskepsis seit längerer Zeit. Wie hat sich das Vertrauen in Impfstoffe in den vergangenen Jahren verändert?

Lange Zeit hatten wir keine weltweit vergleichbaren Daten. Mein Team und ich entwickelten deshalb den sogenannten „Vaccine Confidence Index“. Wir fragen nach Impfstoffen allgemein, aber viele Menschen antworten in Bezug auf Impfstoffe für Kinder. Die meisten Menschen reagieren positiv, wenn sie nach der Bedeutung von Impfstoffen gefragt werden. Wenn wir sie jedoch nach ihrem Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen fragen, sinken die Zahlen nahezu weltweit.

Dr. Heidi Larson (Foto: EDU BAYER/NYT/Redux/laif)
Packt Gerüchte bei den Eiern: Die Anthropologin Heidi Larson in ihrem Büro in London (Foto: EDU BAYER/NYT/Redux/laif)

Gibt es regionale Unterschiede?

2015 war Europa die skeptischste Region der Welt, insbesondere Frankreich, was mich wirklich überrascht hat. Im Jahr 2019 verbesserten sich Frankreich und eine Reihe anderer Länder in Europa, sie waren aber noch immer am unteren Ende der Skala. Zur selben Zeit waren die Menschen in einigen nord- und westafrikanischen Ländern weniger zuversichtlich. Ein Grund dürfte sein, dass es sich dabei um das frankophone Gebiet Afrikas handelt, wo sich sich französischsprachige Gerüchte leichter verbreiten.

Was verursacht denn ein höheres oder niedrigeres Vertrauen in Impfstoffe?

Das Impfvertrauen ist eng mit der Beziehung zur jeweiligen Regierung verstrickt, und es geht um Vertrauen allgemein. Oft zählt gar nicht der Impfstoff an sich, sondern alles drum herum: wie Menschen behandelt werden, wie die historischen Erfahrungen einer Community ausfallen. Ich kenne keine andere Gesundheitsmaßnahme, die so ziemlich jedes Leben auf dem Planeten berührt. Regierungen zählen geimpfte Personen, sie regulieren Impfstoffe, sie empfehlen Impfstoffe, manche Regierungen schreiben bestimmte Impfungen vor. Und um sie zu produzieren, ist man weitgehend von großen Unternehmen abhängig. Impfungen berühren diese sehr fragile Grenze zwischen meinem persönlichen Recht, mich für oder gegen etwas zu entscheiden, und dem öffentlichen Recht auf Gesundheit. Diese fragile Grenze zwischen Recht und Pflicht betrifft alle Menschenrechtsfragen, mit Covid-19 jetzt auf eine besonders akute Weise.

In Ihrem Buch „Stuck: How Vaccine Rumors Start — and Why They Don’t Go Away“ schreiben Sie, dass es nicht unbedingt eine schlechte Sache ist, dass Gerüchte rund ums Impfen nicht verschwinden. Warum?

Gerüchte können nützlich sein, wenn es darum geht, den Beginn von Krankheitsausbrüchen zu erkennen. Die WHO hat zum Beispiel ein ganzes Kellerarchiv voll mit Gerüchten über Pockenausbrüche. Man hat also ein offenes Ohr für Gerüchte, um Signale für eine aufkommende Epidemie wahrzunehmen.

„Wenn heute jemand eine Frage zu Impfungen stellt, wird er oft schon als Impfgegner klassifiziert“

Es kursieren sehr viele Falschinformationen über das Impfen. Als Journalistinnen und Journalisten versuchen wir oft, Gerüchte zu entlarven. Sie sagen, dafür sei es dann schon zu spät. Warum?

Statt mit einzelnen Gerüchten müssen wir uns mit den Wurzeln des Misstrauens und der Meinungsverschiedenheiten befassen. Das Problem ist weniger eine Fehlinformation als vielmehr fehlendes Vertrauen. Wir misstrauen heute eher, als dass wir vertrauen.

Die neuen Impfstoffe verwenden die sogenannte Messenger-RNA (mRNA). Die enthält Baupläne für Proteine, die der Zelle sagen, welche Antikörper sie herstellen muss, um sich gegen SARS-CoV-2-Viren zu wappnen. Manche Menschen fürchten, dass der mRNA-Impfstoff auch die DNA, das Genom des Menschen, verändern kann – aber das ist chemisch unmöglich.

Wie kann man dieses Misstrauen adressieren?

Das Misstrauen kann begründet sein: Manchmal machen Menschen schlechte Erfahrungen in einem Krankenhaus oder einer Praxis und wollen deshalb nicht dorthin zurück. Das zu verstehen ist wichtig. Im Zusammenhang mit Covid-19 gibt es zudem viele Ängste: mRNA-Impfstoffe etwa sind brandneu. Die Leute wollen wissen, wer diese Impfstoffe zuerst bekommt, wer entscheidet, wie die Prozesse sind. Je mehr wir das erklären, desto besser: Viele Menschen fühlen sich von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen.

Versuchen Medien nicht ständig, diese Fragen zu beantworten? Ist es nicht Teil des Problems, dass manche Menschen Überzeugungen haben, denen man nicht mehr mit Fakten begegnen kann?

Es gibt natürlich diese bestimmte Gruppe von Menschen, aber das sind ja nicht alle. Verhärtete Überzeugungen kommen unter anderem daher, dass man Menschen lange nicht gehört hat. Wenn heute jemand eine Frage zu Impfungen stellt, wird er oft schon als Impfgegner klassifiziert. Eltern sagen mir, dass sie sich dämonisiert fühlen, sobald sie Fragen stellen. Deshalb müssen wir – die Leute im Gesundheitswesen – den Menschen ein paar Minuten Zeit geben und Fragen beantworten. Das ist nicht immer leicht, weil manche Leute etwas aggressiv fragen. Aber diese Aggressivität ist eben teilweise darauf zurückzuführen, dass sie das Gefühl haben, laut sein zu müssen, um gehört zu werden.

Titelbild: Livia SAAVEDRA/REA/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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