Thema – Nazis

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So viele wie nie

In ganz Deutschland gehen momentan Menschen gegen Rechtsextremismus auf die Straße. Doch wie sieht es in den Kleinstädten in Ostdeutschland aus, wo es starke rechte Strukturen gibt? Besuch bei einer Demo im sächsischen Dippoldiswalde

Dippoldiswalde, Demo

 An einem verregneten Sonntagnachmittag im Februar wird auf dem Marktplatz von Dippoldiswalde die Demokratie verteidigt. Oder zumindest versuchen sie es: 800 jüngere und ältere Demonstrant:innen, mit heißem Tee und Posaunen und Trompeten, die so laut tönen, dass einige umliegende Bewohner:innen ihre Köpfe aus den Fenstern recken.

Das Recherchekollektiv Correctiv hatte Anfang Januar von einem Treffen von Rechtsextremen in Potsdam berichtet, an dem unter anderem auch Abgeordnete der AfD teilgenommen hatten. Dort wurden Pläne für die Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund besprochen. Seither gehen überall in Deutschland Zehntausende auf die Straße.

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Dippoldiswalde, Marktplatz, Demo
Die Demonstrierenden stehen auf dem Marktplatz, während eine Big Band spielt

In der sächsischen Kreisstadt Dippoldiswalde leben nur gut 14.000 Menschen. Erst wenige Tage vor der Kundgebung auf dem Markt hatten sich Ortsverbände von Parteien und lokale Vereine zum „Demokratie Bündnis Osterzgebirge“ zusammengefunden, um gemeinsam zum Protest gegen Rechtsextremismus und Rassismus in „Dipps“ zu mobilisieren. Es ist die erste Demo gegen rechts, die hier stattfindet.

 

„Ich bin hier aufgewachsen, wohne mittlerweile aber in Leipzig. Trotzdem bin ich heute hergekommen. In Großstädten ist es einfach, ‚Nazis raus‘ zu sagen und sich zu positionieren. Aber gerade in Kleinstädten ist es wichtig, Präsenz zu zeigen. Meinen Eltern habe ich gesagt, dass ich heute demonstriere. Sie waren nicht so begeistert. Doch irgendwann bringt Diskutieren leider einfach nichts mehr. Dann muss man sich entscheiden, trotzdem da zu sein.“ (Anna, 23)

„Im Vorfeld war ich total nervös auf die Demo zu gehen, weil ich gar nicht wusste, was mich erwartet. Und dann habe ich gedacht: Vielleicht ist genau das der Grund, doch herzukommen.“ (Sarah, 22)

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Anna und Sarah
Anna und Sarah recken ein Pappschild in die Luft

„Die sollen ruhig wissen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen“, sagt ein Sprecher vom Demokratie Bündnis Osterzgebirge. Zu lange hätten sie nicht widersprochen, weder zu Hause noch in der Schule oder auf der Arbeit. Das sei nun vorbei, auch wenn ein Rest Angst vor den Konsequenzen bleibe. 

Gegen Rechtsextremismus aktiv zu werden, ist nicht immer und überall ungefährlich. Die NGO RAA Sachsen spricht von Anfeindungen und Drohungen, Beleidigungen, Sachbeschädigungen, von Schmierereien, Parolen und Demonstrationen von rechts, die eine einschüchternde Wirkung auf die Bevölkerung haben. Straftaten von rechts machten den Hauptanteil politisch motivierter Kriminalität in Sachsen aus. 2021 kam es zu 1.878 rechten Straftaten, 2022 waren es 1.904.

„Wir sind die Brandmauer“, schallt es aus der Anlage

Eine kleine Gruppe düster dreinschauender Passant:innen hat sich ein wenig abseits der Protestierenden aufgestellt. Ein Mann in Tarnmontur stemmt verächtlich die Hände in die Hüfte, ein zweiter neben ihm trägt eine Mütze in den Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot. Mehrere Jugendliche, die sich am Rande des Markts ebenfalls aufgebaut haben, versuchen aggressiv, einen Pressevertreter daran zu hindern, sie zu filmen. Einer der Jungen ist in eine Jacke der rechten Szenemarke Thor Steinar gekleidet, eines der Mädchen in einen Pulli der Rechtsrock-Band Landser. Viele tragen Halstücher des Dritten Wegs, einer rechtsextremen Partei. Einschüchtern durch Anwesenheit und rechte Symbole, das scheint ihre Strategie zu sein. Einer von ihnen wird sich am Ende des Tages eine Anzeige einhandeln, weil er den Hitlergruß gezeigt hat, ein anderer wegen Beleidigung, ein Dritter wegen Widerstands gegen Polizeibeamt:innen. Aber sie sind in der Minderheit.

 

„Bislang war ich auf keiner Demonstration. Aber heute möchte ich ein Zeichen setzen, dass es in Dippoldiswalde und den kleinen Dörfern der Umgebung nicht nur Leute gibt, die rechts und demokratiefeindlich sind. Es gibt auch uns, die anderen. Wir müssen mehr aufstehen und zeigen, dass wir die Mehrheit sind. Viele trauen sich noch nicht. Gerade deswegen habe ich gedacht, dass heute der richtige Tag ist, Gesicht zu zeigen.“ (Daniela, 54)

„Falls die AfD bei der Landtagswahl gewinnt, kann ich mir vorstellen, dass der ein oder andere denkt: Hier möchte ich nicht mehr bleiben. Mein Sohn ist schwul, er hat das bereits so gesagt.“ (Martina, 56)

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Daniela und Martina
Daniela und Martina sind zusammen zur Demo gekommen

„Mit meiner Familie bin ich vor dem Krieg aus Syrien geflohen. Uns sind hier Menschen begegnet, die Minderheiten und Andere respektieren, ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit. Gleichzeitig gibt es Menschen, die uns nicht mögen, weil wir Flüchtlinge sind. Ich bin heute hier als jemand, der von Rassismus und Krieg betroffen ist und weil ich möchte, dass meine Kinder lernen, ihre Meinungen und Überzeugungen zu äußern und sie zu verteidigen.“ (Amal*, 39) 

 

Als sich die Protestierenden in Bewegung setzen und durch das Städtchen ziehen, mit der aus Dresden angereisten Big Band „Banda Comunale“ an der Spitze, wirken viele gelöst. „Wir sind 800 Menschen, wir sind die Brandmauer“, schallt es aus der Anlage.

„Dass die AfD einer aktuellen Umfrage zufolge bei mittlerweile 35 Prozent in Sachsen steht und stärkste Kraft im Landtag werden könnte, macht mir Angst. Der sächsische Landesverband der Partei ist als gesichert rechtsextrem eingestuft worden und wir wissen alle, wie schlimm Rechtsextremismus ist. Deswegen ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen und seine Meinung zu verteidigen.“ (Lisa, 15) 

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Dippoldiswalde, Demo
Die fünfzehnjährige Lisa hat für die Demo ein Schild gebastelt

 „In unserem Dorf gibt es eine Initiative mit 20 Leuten, die Patenschaften mit Geflüchteten eingehen. Mit dem Ziel, den Frieden im Ort zu wahren, bei der Integration zu helfen und Stress zu vermeiden. Natürlich habe ich Sorge vor Anfeindungen und rechne damit, dass meine Garagentore irgendwann mit Hakenkreuzen beschmiert werden. Aber ich habe ja Farbe da.“ (Martin, 60)

„Das hier ist kein Wohlfühlprogramm wie in Dresden, wo wir bereits gestern mit vielen Leuten auf der Straße waren. Heute sind wir auch in Dippoldiswalde in der Überzahl, aber wahrscheinlich ist man an jedem anderen Tag relativ allein. Umso wichtiger ist es, den Menschen zu zeigen, dass man sie unterstützt.“ (Bertolt, 28)

„Wir fahren viel Fahrrad im Umland, da kriegt man viel mit. Auch von Bekannten, die hier aus der Region stammen. Sie erzählen von ihren Familien, in denen die Ansichten immer radikaler werden, und dass sie darunter leiden.“ (Lasse, 27)

„Ich bin im Raum Hannover aufgewachsen, bin jedoch zum Studieren nach Freiberg gezogen. Dort sind mir an der TU das erste Mal junge Menschen begegnet, die konservativ bis rechts eingestellt waren. Das war für mich ein Wake-up-Call.“ (Meike, 28)

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Dippoldiswalde
Meike, Lasse und Bertolt sind mit dem Fahrrad aus Dresden angereist
 

Einige Menschen tanzen, als der Zug zum Marktplatz zurückkehrt. Doch ehe der letzte Redebeitrag vorbei ist, rauschen Polizeiwagen mit Blaulicht über das Kopfsteinpflaster. Das Demo-Team bittet darum, noch kurz dazubleiben: „Hier kommt gerade noch Verstärkung, damit ihr alle in Ruhe und vor allem sicher nach Hause kommt“, dröhnt es aus dem Lautsprecher: „Geht bitte nicht allein.“

Während die Polizei die Seitenstraßen absichert und überprüft, ob Rechte den Demonstrant:innen auflauern, wird auf der Trompete „Freude, schöner Götterfunken“ angestimmt. Viele singen die erste Strophe der Europahymne mit. Menschen aus denselben Stadtteilen finden sich zusammen, eilig laufen die Grüppchen in der Dunkelheit los. Dann ist es plötzlich ganz still auf dem Marktplatz. Nur eines der bunten Pappschilder lehnt noch am Brunnen.

 

* Der Name wurde auf Wunsch der Person anonymisiert.

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