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„Die Fortschritte treten in den Schatten“

Krieg, Inflation, Klimawandel: Viele sehen vor lauter Krisen die Zukunft nicht mehr. Der „taz“-Journalist Christian Jakob hat ein Buch über die neue Angst vor dem Weltuntergang geschrieben – und erklärt, warum es Zuversicht braucht, um Krisen zu lösen

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Weltuntergang

fluter.de: Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Medien, Social Media, aber auch Aktivist:innen Ängste vor dem Weltuntergang schüren. Sie zitieren etwa den Satiriker El Hotzo, der im März getwittert hat: „Ich denke immer ich bin vielleicht ein bisschen zu panisch und ängstlich wegen des Klimawandels, aber dann lerne ich IRGENDETWAS neues darüber und weiß danach, dass ich nicht annähernd panisch und ängstlich genug bin“. Ist Angst die Lösung?

Christian Jakob: Was er da geschrieben hat, würde ich nicht als Ängsteschüren bezeichnen. Man wird die ganze Zeit mit dramatischen Szenarien konfrontiert, und das kann apokalyptische Panik auslösen. Manche Menschen kriegen als Reaktion darauf behandlungsbedürftige Depressionen, andere wollen keine Kinder, wieder andere werden zynisch und meinen, der Mensch habe es nicht anders verdient. Dann gibt es Personen, die abwehren und sagen, das sei übertrieben, Unsinn, Schwindel. Ich glaube, dass durch apokalyptisches Sprechen die gesellschaftliche Bereitschaft, Veränderungsprozesse und Einschränkungen anzugehen und mitzutragen, unterminiert wird.

Wie ließe sich die Angst vermeiden?

Die klassischen Medien können den Menschen die Wahrheit zumuten, sollten sie aber nicht anspitzen. Und gleichzeitig sollten sie immer Lösungsmöglichkeiten kommunizieren. Ein Problem ist, dass heute sehr viele Informationen auch über Social Media transportiert werden. Dabei gibt es die starke Tendenz, dass die eigene Timeline das, was man denkt, immer stärker bestätigt. Und wenn da erst mal apokalyptische Stimmung herrscht, dann verstärkt sich die immer weiter, und man kommt gar nicht wieder raus.

Dabei ist, wie Sie in Ihrem Buch erklären, gar nicht alles schlecht. Wie kommt es, dass so viele die positiven Entwicklungen nicht wahrnehmen?

Kindersterblichkeit, Zugang zu Bildung, Lebenserwartung, Einstellungsrate, Alphabetisierung, Jahresarbeitszeit, gesetzlich garantierte Urlaubstage – die Kombination aus sozialen Kämpfen und technischem Fortschritt hat viele Indikatoren, an denen man Lebensqualität und menschliche Entwicklung festmachen kann, weltweit immer weiter nach oben getrieben. Die Ballung an Krisen, die es parallel dazu gibt, ist trotzdem bedrohlich und dramatisch. Ich glaube aber, dass es ein Missverhältnis gibt in der Wahrnehmung. Menschen haben die starke Neigung, das Negative überproportional wahrzunehmen, und merken sich das auch anders als positive Nachrichten, die so durchs Raster fallen oder gar nicht erst kommuniziert werden.

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Endzeit

„Endzeit“ von Christian Jakob ist im Ch. Links Verlag erschienen.

Sie schreiben: „Je absoluter die Katastrophe, desto größer die Heldenhaftigkeit desjenigen, der ihr entgegentritt“ – der Weltuntergang werde von manchen geradezu heraufbeschworen.

Manche Psychoanalytiker vertreten die These, dass Menschen angesichts starker Ängste das Bedürfnis entwickeln, diese im Kollektiv auszuleben. Und in diesem Kollektiv braucht es ein Außen, dem man – ja oft nicht zu Unrecht – Schuld geben kann. Je größer die Katastrophe ist, desto größer ist auch die Schuld der anderen – des Kapitalismus, der fossilen Lobby, der anderen Teile der Gesellschaft, die nichts ändern wollen –, und desto stärker ist dann auch die Entlastung, wenn man die Schuld der anderen benennt. Immer wenn man etwas Apokalyptisches sagt oder postet, dann erzeugt man so paradoxerweise ein kollektiv entlastendes Gefühl. Diejenigen, die diese Entlastung schaffen, bekommen zusätzlich soziale Anerkennung.

Gleichzeitig machen manche ordentlich Geld mit der Apokalypse.

Es gibt Menschen, die davon leben, den Leuten einzureden, dass ihnen der Absturz droht: Wirtschafts- und Währungscrash, Enteignung, Abschaffung des Bargelds – das wird alles herbeigeredet und -geschrieben. Die Bereitschaft, das zu glauben, ist so groß, dass es den Crash-Autoren nicht schadet, dass ihre Vorhersagen nicht eintreffen. Aber auch Parteien oder andere politische Akteure profitieren von der Angst. Die AfD etwa redet wie andere rechtspopulistische Parteien auch sehr ausgiebig vom Zusammenbruch.

„Der vielversprechendste Weg ist, sich die Dynamiken der apokalyptischen Ängste klarzumachen“

Wie bewerten Sie Bewegungen wie Extinction Rebellion, die Letzte Generation oder Fridays for Future, die stark vom Willen getrieben sind, die Zukunft zu verbessern?

Die Klimabewegung ist nicht apokalyptisch, sonst täte sie nicht, was sie tut. Denn das erfordert Hoffnung. Doch wer über die Gefahren spricht, sollte Menschen nicht mit apokalyptischen Szenarien kommen. Die eine Frage ist, inwieweit es lähmt, und die andere, inwieweit das naturwissenschaftlich berechtigt ist. Mir scheint das vor allem dann übersteigert zu sein, wenn es in sozialen Medien teils heißt, das Leben in der Zukunft sei nicht mehr lebenswert. In der Klimawissenschaft sagen nicht alle dasselbe, aber es hat sich ein Mainstream herauskristallisiert, der ein relativ klares Bild zeichnet, was Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich passieren wird. Es gab beispielsweise 2017/2018 eine Reihe von Studien, die von vier bis zu fünf Grad bis zum Ende des Jahrhunderts ausgingen und dass dann das Weiterleben der Menschheit fraglich sei. Manche aus der Klimabewegung halten an diesen Szenarien fest, obwohl führende Klimaforscher, etwa vom Potsdam-Institut, von zwei bis drei Grad ausgehen. Das ist immer noch wahnsinnig schlimm, aber es ist etwas anderes als plus vier oder fünf Grad.

Manche Parteien und Akteure werben für technischen Fortschritt und werden dafür kritisiert. Inwiefern ist dieser Technikskeptizismus typisch für unsere Zeit?

Es gibt da unterschiedliche politische Kulturen: Teile der Klimabewegung betonen die Notwendigkeit, den Lebensstil zu ändern, sehr viel stärker und stehen den technischen Lösungen skeptisch gegenüber. Das sei alles nur ein Versuch, am jetzigen Lebensstil festzuhalten, obwohl klar sei, dass wir den ändern müssen. Umgekehrt wird aus dem Lager der Technikgläubigkeit gesagt, es gehe gar nicht um den Klimawandel, sondern um Umerziehung, und das müsse nicht sein, weil wir mit Technik sehr weit kommen werden. Es gibt gute Gründe für die Wachstumskritik, die sagt, solange alles der Rendite unterworfen ist, wird jeder Effizienzfortschritt nicht in die Reduktion von CO2 fließen, sondern nur in mehr Profit. Das ist nicht aus der Luft gegriffen, aber man kann dem entgegenstellen, dass sich in vielen Ländern das Verhältnis von Bruttosozialprodukt zu CO2-Ausstoß stark verbessert hat. Das steht alles nebeneinander. Denn es wird nicht ohne eine Veränderung des Lebensstils gehen, vielleicht auch erzwungenermaßen, und es wird natürlich auch nicht gehen ohne Innovationen, bei denen schon wahnsinnig viel passiert ist.

Wie bekommen wir den positiven Glauben an die Zukunft zurück?

Der vielversprechendste Weg ist, sich die Dynamiken der apokalyptischen Ängste klarzumachen. Dann kriegt man einen anderen Blick auf die Welt, und es hilft, eine andere Sicht auf die Realität und die Zukunft zu ermöglichen.

Das klingt einfacher, als man denkt.

Ich weiß nicht, ob das einfach ist: Die objektive Krisenhaftigkeit unserer Zeit ist sehr stark, und da kann man wenig mit positivem Denken wegdiskutieren. Aber es ist nicht unmöglich, auch auf das Gute zu schauen oder das Schlechte realistisch einzuschätzen. Man darf nicht vergessen: Die Menschheit hat die Erderhitzung, auf die sie voraussichtlich zusteuert, in nur wenigen Jahren spürbar gedrückt. Wo steht, dass es dabei bleiben muss?

Christian Jakob, Jahrgang 1979, ist Redakteur im Ressort Reportage und Recherche“ der Tageszeitung „taz“ und berichtet dort vor allem über das Thema Migration.  

Portrait: Koszki Photography

Titelbild: Benjamin Von Wong 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.