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Wie sexualisierte Gewalt in Serien dargestellt wird

Viele Serien erzählen von sexualisierter Gewalt, häufig wenig sensibel. Aber seit #MeToo haben Serienschaffende dazugelernt

  • 6 Min.
I May Destroy You

Triggerwarnung: Dieser Text schildert explizit sexualisierte Gewalt.

Sexualisierte Gewalt gehört – in welcher Form auch immer – zu den großen Hürden, vor die Serienmacher*innen ihre weiblichen Figuren stellen. Solche Szenen haben meist drei Funktionen. Sie sollen der Frauenfigur (vermeintliche) Tiefe verleihen oder dem männlichen Protagonisten eine konkrete Motivation für seine Taten (etwa die „entehrte“ Frau zu rächen) und so die Handlung vorantreiben. Oder aber sexualisierte Gewalt dient schlicht als Schockeffekt, vor allem dann, wenn sie besonders plastisch dargestellt wird.

Dass Filme und Serien dabei lange fast ausschließlich männliche Perspektiven eingenommen haben, ist problematisch. Studien zeigen: Diese Sicht kann junge Männer abstumpfen lassen, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Spätestens seit #MeToo, findet die Kultursoziologin Isabella Caldart, haben mehr Serienmacher*innen gelernt, wie man Vergewaltigung sensibel und unterschiedlich darstellt. Hier hat sie fünf Darstellungsweisen mit Beispielen zusammengestellt.

Das – mehr oder weniger – überwindbare Trauma („I May Destroy You“)

Die jüngst wohl bekannteste Serie zum Thema Vergewaltigung ist „I May Destroy You“ (2020, hier liest du die fluter-Rezension). Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete HBO-Miniserie wurde von Michaela Coel nicht nur geschrieben und produziert, sie spielt auch die Hauptrolle – und die Geschichte basiert auf ihrer persönlichen Erfahrung.

Coel spielt eine Schwarze Autorin und Influencerin namens Arabella, die in London lebt und Schwierigkeiten damit hat, ihr zweites Buch zu schreiben. Die Serie behandelt verschiedene Formen von Vergewaltigung. In der ersten Folge wird Arabella Liquid Ecstasy ins Getränk gemischt, eine Droge, die sie handlungsunfähig macht. Später wird sie auf einer Toilette vergewaltigt. Es geht außerdem um Stealthing, also heimliches Entfernen des Kondoms beim Sex, mittlerweile eine Straftat in Großbritannien, Deutschland und vielen anderen Ländern. Und es geht um die Vergewaltigung ihres schwulen Freundes und die unterschiedliche Reaktion der Polizei auf ihre und seine Erfahrung.

Die Serie ist realistisch, weil sie nicht nur verschiedene Formen sexualisierter Gewalt zeigt, sondern auch wie unterschiedlich Arabella und ihre Freund*innen mit ihren Erfahrungen umgehen: Arabella schwankt zwischen Verdrängung, Zorn, Wiederaufsuchen des Tatorts, Ablenkung und Racheplänen. „I May Destroy You“ erzählt nicht nur von Wut und Ohnmacht, sondern auch von den Chancen, sich von diesem traumatischen Erlebnis möglicherweise zu befreien.

„I May Destroy You“ läuft auf WOW oder bei Amazon Prime.

Das unüberwindbare Trauma („13 Reasons Why“, Staffel 1)

Hannah ist tot. Das wissen wir von Anfang an. Ihr Suizid hat 13 Gründe, die sie in den 13 Folgen der ersten Staffel von „13 Reasons Why“ (2017) erzählt. Mehrere davon drehen sich um sexualisierte Gewalt.

In der ersten Folge geht es um sogenanntes Slutshaming: Hannah hat an ihrer Highschool das Image, „leicht zu haben“ zu sein, und wird es nie wieder los. Als sie auf einer Party mitbekommt, wie ihre bewusstlose Freundin Jessica von ihrem Mitschüler Bryce vergewaltigt wird, verfällt Hannah in Schockstarre, statt zu helfen. Später wird auch sie von Bryce vergewaltigt – der zwölfte Grund.

Die erste Staffel der Serie wurde gelobt, aber auch kritisiert, vor allem wegen der Suizidszene im Staffelfinale und weil Hannahs Vergewaltigung so ausführlich gezeigt wird. Viele Gegenstimmen hielten gerade diese krasse Darstellung für richtig: Die Szenen „sind so konzipiert, dass sie unangenehm sind. Vergewaltigung ist kein angenehmes Thema. In dem Moment, in dem es leicht wird, darüber zu sprechen, sind wir der Gewalt gegenüber desensibilisiert“, heißt es in einem Kommentar der „Teen Vogue“. Geschrieben hat ihn die Journalistin Ella Cerón, die als Jugendliche selbst vergewaltigt wurde und die sich in Hannah und Jessica wiedererkennt. Das ist am Ende der Punkt: Wenn sich Betroffene gesehen fühlen und die Serie ihnen sogar hilft, mit anderen darüber zu sprechen, ist viel gewonnen.

„13 Reasons Why“ läuft auf Netflix.

Die Grauzonen (Sechste Staffel „Girls“)

Anfang 2017, also noch vor #MeToo, lief auf HBO die Folge „American Bitch“ der Serie „Girls“ von Lena Dunham. In dieser Folge besucht die Protagonistin Hannah den bekannten Schriftsteller Chuck zu Hause, weil der mit ihr über einen Artikel sprechen will, in dem sie schreibt, er habe weibliche Fans zum Oralsex gezwungen. Was als Konfrontation beginnt, endet in einer Grauzone.

Zu Beginn des Treffens ist Hannah skeptisch, aber sie lässt sich auf einen Dialog ein. Chuck gibt zu, Frauen schlecht zu behandeln, sexualisierter Gewalt habe er sich aber nicht schuldig gemacht. Langsam entspannt sich Hannah. Er macht ihr Komplimente zu ihren Texten, stellt viele Fragen. Sie landen im Schlafzimmer, wo Chuck sie schließlich bittet, sich zu ihm aufs Bett zu legen, weil er so einsam sei. Hannahs Intuition sagt ihr eindeutig, sie solle es nicht tun, sie legt sich trotzdem neben ihn. Er dreht sich zu ihr um, sein Penis hängt aus dem Hosenstall und Hannah greift wie automatisch danach – bevor sie aufspringt und ihn anschreit.

Geschickt wurde sie von Chuck in eine Grauzone manövriert, in der ihre Handlungen freiwillig waren, und doch ist die Manipulation offensichtlich. Hannah wird die Geschichte niemandem erzählen, weil sie die subtile Machtverschiebung kaum beschreiben kann. So nimmt Chuck ihr, der jungen Journalistin, auch noch die Stimme.

„Girls“ kannst du unter anderem bei WOW streamen.

Das Nicht-geglaubt-Werden („Unbelievable“)

Wer öffentlich macht, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben, dem wird oft nicht geglaubt. Dabei ist laut Statistiken nur ein sehr niedriger Prozentsatz der Anschuldigungen falsch – im Gegensatz zu den vielen Vergewaltigungen, die niemals zur Anklage gebracht werden. Die Netflix-Miniserie „Unbelievable“ (2019) handelt genau davon. Als die 18-jährige Marie zur Polizei geht und von einem nächtlichen Überfall berichtet, wird sie gezwungen, die Vergewaltigung immer und immer wieder zu beschreiben – bis sie, um sich aus diesem Albtraum zu retten, schließlich behauptet, sie habe gelogen. Erst Jahre später, als die Polizistinnen Grace und Karen einen Serienvergewaltiger verfolgen, wird klar, dass Marie die Wahrheit gesagt hat.

Die Serie, die auf einer wahren Geschichte basiert, erzählt dabei auch von Klassismus: Marie ist Waise, arm, jung, lebt in einer Art Sozialwohnung, warum sollte sie vertrauenswürdig sein? Vor allem aber erzählt sie von einer jungen Frau, der nicht geglaubt und die durch die Behandlung der Polizei weiter traumatisiert wird, bis sie schließlich wegen der vermeintlichen Falschaussage selbst vor Gericht muss. Die Jahre, in denen sie nicht nur mit der erlittenen Vergewaltigung allein umgehen musste, sondern auch von ihrem sozialen Umkreis geächtet wurde, bekommt Marie durch die späte Gerechtigkeit nicht zurück.

„Unbelievable“ läuft bei Netflix.

Der Kampf um Gerechtigkeit („13 Reasons Why“, Staffel 2, und „Brooklyn Nine-Nine“)

Auch die zweite Staffel von „13 Reasons Why“ handelt vom Kampf um Gerechtigkeit. Hannah ist tot, aber Jessica klagt Bryce wegen der Vergewaltigung an. Die Botschaft der Serie lautet somit auch, dass es andere Auswege als Suizid gibt. Die Staffel ist holpriger erzählt als die erste. Aber der Handlungsstrang um den Gerichtsprozess gegen Bryce funktioniert: Er thematisiert sexualisierte Gewalt und ihre Folgen, ohne die Tat selbst darzustellen. (Wobei die Staffel ausgangs dermaßen explizit zeigt, wie ein Junge vergewaltigt wird, dass dies nur als Schockeffekt zu verbuchen ist.) Auch im Prozess bleibt „13 Reasons Why“ realistisch: Bryce als weißer, reicher Junge hat wenig zu befürchten. Es ist eine „He said, she said“-Situation.

So heißt auch eine Folge von „Brooklyn Nine-Nine“, in der die Polizist*innen Jake und Amy versuchen, gegen einen Mann zu ermitteln, der seine Mitarbeiterin belästigt hat. Es ist Amy, die die Frau davon überzeugt, Anzeige zu erstatten, statt ein Schweigegeld in Höhe von 2,5 Millionen US-Dollar zu akzeptieren. Auch in dieser Episode gibt es wenig Gerechtigkeit. Am Ende wird der Mann zwar gefeuert – aber die Frau kündigt ebenfalls, weil sie nicht mehr in dem Job arbeiten kann.

Alles komplett vergebens also? Nicht unbedingt. Die Folge schließt mit einer leicht hoffnungsvollen Botschaft. Eine weitere Mitarbeiterin ist jetzt bereit, eine Aussage gegen ihn zu machen. Und wie Kollegin Rosa zu Amy sagt: „Zwei Schritte vorwärts und einer zurück ist immer noch ein Schritt vorwärts.“

„13 Reasons Why“ und „Brooklyn Nine-Nine“ kannst du bei Netflix streamen.

Titelbild: HBO

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.