
Miss Girlboss
Schönheitswettbewerb war gestern: Miss Germany versteht sich seit neuestem als Plattform für „Female Empowerment“. Wie funktioniert eine Show, die innere Werte auszeichnen will?
Bauch einziehen, lächeln, gefallen: Das war seit Jahrzehnten das Konzept der Miss-Germany-Wahl. Frauen wurden nach Kriterien wie Brustumfang oder Abstand von Brust zu Hals bewertet, der perfekte Mund sollte 6,3 Zentimeter breit sein.
Als die Miss Germany Corporation in dritter Generation 2017 Schritt für Schritt in die Hände von Max Klemmer ging, fühlte sich das bisherige Konzept für ihn „nicht richtig an“, erklärt er am Rande des Award-Finales Ende Februar im baden-württembergischen Rust. Der 28-Jährige krempelte das Konzept und die Show in den vergangenen Jahren radikal um: Statt Schönheit schwebt nun das Schlagwort „Female Empowerment“ über dem Wettbewerb. Mütter und Frauen über 39 Jahre sind nicht länger ausgeschlossen.
In diesem Jahr ist zudem neu, dass es Siegerinnen in drei Kategorien gibt: „Female Founder“, „Female Leader“ und „Female Mover“ – gemeint damit sind Gründerinnen, weibliche Führungskräfte und Frauen, die in männerdominierten Feldern arbeiten. „Wir richten unseren Fokus auf Frauen in der Wirtschaft“, sagt Klemmer, „denn wenn wir unsere Gesellschaft voranbringen wollen, brauchen wir mehr Chancengerechtigkeit – angetrieben durch Exzellenz.“

Der Chef vom Ganzen ist dann doch wieder ein Mann: Max Klemmer, Geschäftsführer der Miss Germany Corporation, zusammen mit Apameh Schönauer (Miss Germany 2024) und Unternehmenssprecherin Jil Andert
Jil Berning ist eine der Kandidatinnen in der Gründerinnenkategorie. In wenigen Stunden geht es für sie als eine der Top 9 von rund 1.000 Bewerberinnen auf die Bühne. Jetzt ist aber noch Zeit für ein Gespräch. Berning setzt sich auf den Teppichboden im Foyer vor dem Veranstaltungssaal im Europa-Park. Im Hintergrund staubsaugt eine Frau um Stehtische herum, ein ausgeleuchteter Schminktisch mit lauter Rundbürsten steht als Motiv für Fotos bereit, und der rote Teppich an der Sponsorenwand ist schon ausgerollt.
Mit ihrem Start-up will Berning Frauen einen stigmafreien Zugang zur Intimgesundheit ermöglichen – durch Schnelltests für zu Hause, die den aktuellen Gesundheitsstatus bestimmen, digitale Beratung und eine Datensammlung, die helfen soll, den Gender Health Gap zu schließen. Als ihre Mitgründerin vorschlug, sich als Miss zu bewerben, hielt Berning das erst für Unsinn. Beim genaueren Hinsehen habe es sie aber überzeugt. Die Beschreibung der Miss-Kategorie „Female Founder“ spiegele wider, was sie selbst antreibe: als Gründerin die Welt ein bisschen besser zu machen. Um ein Schönheitsideal gehe es da nicht mehr.
Schön sind sie alle – aber das allein reicht nicht
Bald beginnt der Einlass der Gäste, Jil Andert, Unternehmenssprecherin von Miss Germany, sammelt Berning wieder ein. Andert knüpft kurz an das Gespräch an und sagt, dass die Frauen hier selbstverständlich schön seien. Vor allem aber durch ihre Strahlkraft, nicht wegen ihrer äußeren Erscheinung.
Zwar bewertet Miss Germany heute nicht mehr anhand scheinbar willkürlich festgelegter Maßzahlen, was Schönheit ist. Dennoch fällt auf, dass die Kandidatinnen durchweg schön sind. Anders als damals reicht das heute offenbar aber nicht aus. Die Frauen sollen zusätzlich auch noch erfolgreiche Geschäftsfrauen sein.

Elevator Pitch statt Bikini-Show: Das neue Miss-Germany-Format setzt auf Inhalte. Hier ist Jil Berning bei ihrem Auftritt
Es scheint so, als würden Formate, die Belange und individuelle Erfolge von Frauen sichtbar machen, im Trend liegen. Ob „Frauen 100“ oder eben Miss Germany – es sind alles Initiativen, die leistungswillige Karrierefrauen feiern und zugleich Glamour, Schönheit und eine gewisse Exklusivität ausstrahlen.
Am Abend jubeln Berning und den anderen Kandidatinnen 500 Gäste in Abendroben zu, die mit Sekt und einem Buffet samt Trüffel und Kabeljau empfangen wurden. In Elevator Pitches präsentieren die Titelanwärterinnen ihre Start-ups oder Karrieren. So, als würden im Publikum potenzielle Investor*innen sitzen. Auf diesen Moment haben sie sich in den vergangenen neun Monaten intensiv vorbereitet: Es gab Pitch-Trainings, Coachings und Workshops zu Themen wie der optimalen Nutzung von Businessplattformen.
Berning fühle sich von der Zeit bei Miss Germany „echt beschenkt“. Sie habe sich mit Themen wie dem Druck konfrontiert gesehen, den sie erlebe, nur weil sie eine Frau in dieser Welt ist. Bei Miss Germany sei es aber nie darum gegangen, andere zu beeindrucken, sondern ein authentisches Ich zu zeigen, sagt sie.
Eine prominente Jury, darunter die Unternehmerin und Content Creator Diana zur Löwen, bewertet die Kandidatinnen im Finale nach „Professionalität“, „Entwicklungspotenzial“ und „Inspiration“ und kürt die drei Gewinnerinnen der drei Kategorien. Jil Berning bekommt den Female Founder Award. Die finale Entscheidung über die neue Miss Germany liegt dann beim Saalpublikum und den Zuschauer*innen im TikTok-Livestream, die ihre Favoritin aus den Top 3 wählen.

Valentina Busik gewinnt erst den Female Mover Award – und wird schließlich auch Miss Germany 2025
Die Schärpe der Miss Germany 2025 geht schließlich an Valentina Busik. Die 27-jährige angehende Dermatologin hat einen KI-Avatar entwickelt, der Patient*innen komplizierte medizinische Fachsprache verständlich in 40 Sprachen übersetzen soll. Ärmel hochkrempeln und loslegen – das ist es, was die Finalistinnen an diesem Abend transportiert haben.
Es mag also nicht mehr ein 6,3 Zentimeter breiter Mund darüber entscheiden, wer Miss Germany wird. Stattdessen werden die Kandidatinnen an dem Bild einer Frau gemessen, die mitreißend und ansehnlich ist. Dazu soll sie auch noch als Founder, Leader oder Mover erfolgreich sein – in jedem Fall eine Überfliegerin.
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