Blick auf die Demonstration unter dem Motto "Remigration jetzt!" zu der rechte bis extrem Rechte Gruppen aufgerufen hatten

Schlechte Stimmung hier

Wie blicken junge migrantische Menschen darauf, dass extrem rechte Meinungen in Deutschland immer gesellschaftsfähiger werden? Wir haben mal nachgefragt

Von Marlon Saadi
Thema: Migration
2. April 2025
„Meine Heimat ist wahrscheinlich einfach der Fußballplatz“
Portrait Amir

Amir Amhouder, 19 Jahre, Abiturient, Frankfurt am Main

Ich stehe kurz vor meinem Abitur, habe jetzt 13 Jahre in meine Schulbildung gesteckt, und seit kurzem frage ich mich: Zählt das überhaupt noch was? Meine Sorge ist, dass irgendwann eine rechtsextreme Partei an die Macht kommt. Dann habe ich vielleicht keine Zukunft mehr in diesem Land.

Meine Eltern kommen aus Marokko. Früher war das nie wirklich ein Thema. Doch in letzter Zeit nehmen Beleidigungen und Anfeindungen auf der Straße zu. Es sind meistens ältere Menschen. Denen ist es egal, wie gut oder präzise man sich artikulieren kann, die sehen nur das Aussehen.

Wenn ich das Wort „Remigration“ höre, dann ist da bei mir nur ein großes Fragezeichen. Heißt das, dass man nur noch Migration von Menschen haben will, die alle gleich aussehen? Und die anderen werden dann in ihre „Heimat“ abgeschoben? Wobei ich gar nicht weiß, was diese Heimat überhaupt sein soll. Ich bin in Deutschland geboren. Marokko ist ein Land, zu dem ich kaum Bezugspunkte habe, abgesehen von ein paar schönen Urlaubsfotos.

Meine Heimat ist wahrscheinlich einfach der Fußballplatz. Das ist mein Wohlfühlort, an dem ich alles vergessen kann. Da kann ich einfach ich sein. Es ist egal, wie man aussieht. Hauptsache, man steht mit seinem Team auf dem Platz und spielt mit Leidenschaft.

Auch wenn ich aktuell Angst vor der Zukunft habe, stell ich mir vor, mein Leben hier zu verbringen. Egal ob in Frankfurt oder irgendwo anders. Ich könnte auch auf einem Berg leben, mit meiner Frau und meinen Kindern. Hauptsache in Deutschland. Ich liebe Deutschland eigentlich. Na ja, eigentlich. 

„Wie soll Deutschland denn überhaupt funktionieren ohne diese Menschen, ohne uns?“

Channel, 21 Jahre, Azubi in der Veranstaltungsgastronomie, Berlin

In meinem Alltag erlebe ich nicht häufig Rassismus. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in Berlin wohne. Umso mehr überrascht es mich, wie viele Menschen dann doch rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien wählen. Ich glaube, viele stehen gar nicht unbedingt hinter deren Zielen. Sie denken, damit können sie etwas verändern. Ich finde das egoistisch. Man ist unzufrieden mit der eigenen Situation und blendet aus, was das für andere Menschen bedeutet. Gerade in dieser Zeit sollten wir doch lieber füreinander einstehen.

Ich mache mir zwar Gedanken über die Zukunft und die aktuelle Politik, aber letzten Endes denke ich, dass sich Pläne – wie massenhaft Menschen mit Migrationshintergrund abzuschieben – gar nicht umsetzen lassen. Wie soll das gehen? Das betrifft so viele Menschen! Menschen, die hier arbeiten und Steuern zahlen. Menschen, die einen wichtigen Beitrag für dieses Land leisten. Wie ich selbst auch. Wie soll Deutschland denn überhaupt funktionieren ohne diese Menschen, ohne uns?

Deutschland ist für mich ein widersprüchliches Land. Auf der einen Seite ist es ein buntes und offenes Land. Und wenn du Hilfe brauchst, bekommst du Unterstützung. Auf der anderen Seite werden Menschen hier ausgegrenzt, und ihnen werden Steine in den Weg gelegt. Wir sollten uns einfach alle akzeptieren, so, wie wir sind. Wir haben doch schon lange genug zusammengelebt. Niemand stirbt, nur weil sein Nachbar eine andere Herkunft hat.

Portrait Channel
„Manche Menschen mit Migrationsgeschichte trauen sich in meiner Stadt kaum noch auf die Straße“
Portrait Saeed

Saeed Saeed, 25 Jahre, Student, Magdeburg

In meiner Stadt, Magdeburg, wurde die AfD [Anm. der Redaktion: Sie wird vom Bundesverfassungsschutz als Verdachtsfall für rechtsextremistische Bestrebungen geführt] bei der letzten Bundestagswahl stärkste Kraft. Diese Stimmung spiegelt sich auch im Alltag wider. Gestern erst war ich bei einer Familie, die rassistisch angegriffen wurde. Ich selbst wurde auch schon angegriffen: Ein älterer Mann hat mich in der Straßenbahn erst beleidigt und wollte dann auf mich losgehen. Das war ein Schock. Aber es hat mir auch gezeigt, dass nicht alle Leute so denken. Denn die anderen Menschen in der Bahn haben sich mit mir solidarisiert. Auch die Polizei war sehr schnell da und hat mir geholfen.

Ich lebe jetzt seit fünf Jahren in Deutschland, ursprünglich komme ich aus Syrien. Nach Magdeburg bin ich zum Studieren gezogen. Inzwischen ist die Stadt meine zweite Heimat. Ich bin in der syrischen Gemeinde aktiv und versuche, einen Dialog zwischen Migranten und Einheimischen herzustellen.

Die Stimmung in der Stadt wird allerdings zunehmend bedrohlicher. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte werden immer vorsichtiger. Manche trauen sich kaum noch auf die Straße. Aber ich werde nicht aufgeben und mich weiter dafür einsetzen, dass sich die Dinge hier ändern.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass sich die Politik und die Medien nicht nur auf Migration als Problem konzentrieren. Es gibt viele Baustellen in Deutschland. Und in Zukunft wird es weiterhin Einwanderung brauchen. Wenn die Stimmung aber so feindselig gegenüber Ausländern ist, dann werden qualifizierte Arbeitskräfte nicht mehr in dieses Land kommen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich selbst nicht, ob ich dann nach meinem Informatikstudium noch in Deutschland bleiben möchte.

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Titelbild: Domenic Driessen / Agentur Focus